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Nina Hoss ist Barbara

(c) Z/Christian Schulz

(c) Z/Christian Schulz

Sie will der DDR den Rücken kehren – doch ihr Entschluss gerät
ins Wanken. Nina Hoss als Barbara in Christian Petzolds gleichnamigen Stasi-Drama. Die Schauspielerin im Interview.

DDR 1980: Nach ihrem Antrag auf Ausreise wird die Berliner Ärztin Barbara in ein Provinzkrankenhaus strafversetzt. Während sie, fest entschlossen, mit ihrem westdeutschen Geliebten die Flucht plant, entwickelt sie nach und nach Zuneigung für Patienten und Kollegen – besonders für André, ihren wenig durchsichtigen neuen Chef. Barbara beginnt langsam, ihrem Umfeld Positives abzugewinnen und gerät dadurch in einen inneren Konflikt …
In „Barbara“ spielte Nina Hoss zum fünften Mal die Hauptrolle in einem Film von Christian Petzold. ARTE zeigt das 2012 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnete Stasi-Drama und widmet dem Regisseur einen Filmabend. Das ARTE Magazin sprach mit Nina Hoss in Berlin über Schwermut, Klamauk und die Symbiose mit Christian Petzold.

ARTE: Erinnern Sie sich, was Barbara in Christian Petzolds gleichnamigem Drama nach ungefähr
30 Minuten zum ersten Mal tut?

Nina Hoss: Nein. Geben Sie mir mal einen Tipp.

ARTE: Sie lächelt. Und bis zum ersten herzlichen Lachen dauert es noch eine Weile. Was sagt das aus über Barbara?

Nina Hoss: Zu Beginn der Geschichte hat Barbara einfach nichts zu lachen. Das Schöne ist aber, dass sie sich peu à peu der Welt öffnet und Empfindungen zulässt. Es ist nicht das menschliche Mit-einander, das schwer ist, sondern der belastete Alltag für eine Abweichlerin in einem System wie dem der DDR. Leichtigkeit in „Barbara“ liefert die Atmosphäre: der Wind, die Farben, der Sound.

ARTE: Sie sind bekannt dafür, eher schwermütige Charaktere zu spielen. Würden Sie auch einmal in einem Actionfilm mitspielen?

Nina Hoss: Ich habe zwar schon Filme gedreht, die viel Körpereinsatz verlangten wie „Wir sind die Nacht“ oder „Die Weiße Massai“, aber Actionfilme würden mich interessieren, schon allein wegen der Stunts! In Christian Petzolds Filmen ist das natürlich weniger gefordert. Hier implodieren meine Figuren. Die Aktion findet leise und im Inneren statt. Explodieren kann ich auf der Bühne.

ARTE: Taugen Sie auch für Klamauk?

Nina Hoss: Na klar! Ich bin Schauspielerin geworden, um alles Mögliche darstellen zu können und zu erfahren – aber eben nicht auf Gedeih und Verderb. Es muss schon meinen Humor treffen.

(c) Z/Christian Schulz

(c) Z/Christian Schulz

ARTE: Aber angeboten werden Ihnen öfter ernstere Rollen, oder?

Nina Hoss: Anders als im Theater werden mir im Film überwiegend solche Rollen angeboten. Aber ich sehe keinen Grund, mich dagegen aufzubäumen. Ich bin glücklich mit dem, was ich zeigen darf und woran ich arbeiten kann.

ARTE: In „Barbara“ gibt es eine Szene, in der Barbara, nachdem sie strafversetzt wurde, in ihrer neuen, heruntergekommenen Wohnung sitzt und raucht. Wie gelingt es Ihnen, scheinbarer Ereignislosigkeit Spannung zu verleihen?

Nina Hoss: Wenn man – wie bei Christian Petzold oft – Dinge stumm erzählen soll, muss jede Regung fast zwingend zum Ereignis werden. In solchen Einstellungen mache ich mir natürlich Gedanken, was die Szene über die Figur erzählt, wenn man mit ihr alleine ist. Ich muss ganz klar in meinen Gedanken sein. Diese Konzentration aufs Wesentliche überträgt sich im Idealfall auf die Zuschauer. Es ist ja auch spannend, sich zu überlegen, was Menschen gerade umtreibt, wenn man sie auf der Straße beobachtet. Etwas, was ich selber gerne mache.

ARTE: Können Sie dieses Beobachtetwerden, wenn Christian Petzold minutenlang auf ihr Gesicht hält, ohne dass etwas passiert, gut ertragen?

Nina Hoss: Wissen Sie was: Ich finde diese Momente sogar entspannend. Als Nina Hoss würde ich verkrampfen, meine Figur aber muss in diesen Einstellungen nichts forcieren. Szenen wie die, in der Barbara in ihrer neuen Wohnung raucht, dürfen sich unabhängig vom Drehbuch entwickeln. Ich kann die Einsamkeit darin wirklich erspüren, weil Christian sie mich eigenständig empfinden lässt.

ARTE: Christian Petzold hat inzwischen zum sechsten Mal mit Ihnen gedreht. Wenn Sie so von ihm und sich reden, klingt das wie eine Symbiose … Inspirieren sie sich womöglich gegenseitig?

Nina Hoss: Das hoffe ich doch. Wir kennen uns ziemlich gut. Wir sind zwar keineswegs immer einer Meinung, aber ich weiß, was er sucht und umgekehrt. So können wir uns gemeinsam filmisch entwickeln – wie zum Beispiel in unserem neuen Film „Phoenix“, in dem es um eine Jüdin geht, die mit entstelltem Gesicht das KZ überlebt, operiert wird und von ihrem Mann nicht wiedererkannt wird. Aber natürlich kann Christian genauso ohne mich, wie auch ich ohne ihn kann.

ARTE: Könnte man Sie vielleicht mit dem nostalgischen Begriff „Muse“ umschreiben?

Nina Hoss: Muse klingt mir zu passiv. Wir befinden uns im permanenten Austausch miteinander,
aber so viele Freiheiten er mir auch lässt: Christian Petzold ist und bleibt der Autor, ich bin die Interpretin seiner Ästhetik. Aber wenn schon Muse, dann ist er auch meine.

Jan Freitag für das ARTE Magazin

 

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Nina Hoss

Nina Hoss, 1975 in Stuttgart geboren, studierte ab 1995 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Seitdem spielte sie in zahlreichen Theater- und Filmproduktionen und wurde unter anderem 2008 mit dem Deutschen Filmpreis und 2007 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet (jeweils für „Yella“). Sie erhielt zweimal den Grimme-Preis (2005 für „Wolfsburg“, 2003 für „Toter Mann“)

Nina Hoss in Filmen von Christian Petzold

„Phoenix“ (Drama, 2014),

„Barbara“ (Drama, 2012),

„Jerichow“ (Drama, 2009),

„Yella“ (Drama, 2007),

„Wolfsburg“ (Drama, 2003),

„Toter Mann“ (Drama, 2002)

 

ARTE Filmabend 

Christian Petzold

Mi · 9.4.

Barbara · Drama · 20.15

Die innere Sicherheit Drama · 21.55

Jerichow · Drama · 23.40

Beachten Sie auch das Drama „Fenster zum Sommer“ mit Nina Hoss am Mi, 23.4. um 20.15

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter arte.tv/barbara

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Kategorien: April 2014