TYPISCH FRANKREICH
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Mon dieu!

(c) Drushba Pankow

(c) Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Im April feiern Katholiken Ostern, ihr höchstes Fest. Wie steht Frankreich zur Kirche?

Leben wie Gott in Frankreich – ein Satz, der Leichtigkeit, Genuss und ein sorgenfreies Leben verheißt. Doch Hand aufs Herz: Wer hat dabei jemals an Gott gedacht? Gott nämlich – Gott hat es nicht unbedingt leicht in Frankreich. Außerdem: Welcher Gott ist überhaupt gemeint?

Die Hälfte aller Franzosen bezeichnet sich in Umfragen als katholisch (aber nicht zwingend als gläubig), doch zweitstärkste Religion ist der Islam. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Welt übersichtlich, da katholisch war. Mit seinen Protestanten hat Frankreich nicht lange gefackelt, außerdem war das Land jahrhundertelang „die erstgeborene Tochter der Kirche“, „la fille aînée de l’Eglise“, der katholischen natürlich. Bis die Vorkämpfer der Revolution Schluss mit der Macht des Klerus machten: Sie setzten, im übertragenen Sinn, die Guillotine an und trennten die Kirche vom Staat. Das wurde ab 1801 für ein paar Jahrzehnte rückgängig gemacht, war aber zukunftsweisend.

Kein Franzose von heute darf von amtlicher Stelle nach seiner Konfession gefragt werden. Franzosen blechen auch keine Kirchensteuer, haben keinen Religionsunterricht, zumindest nicht in staatlichen Schulen, wo Kreuze an den Wänden ebenso wie Kippas und Schleier verboten sind. Wissen ist für alle da und Glauben Privatsache, qua Gesetz. Nur das Elsass und das Département Moselle haben eigene Regeln – eine Spätfolge deutscher Besatzung.

1905 beschloss das Parlament, was der Schriftsteller und Sozialist Jean Jaurès Frankreichs „größte Reform seit der Revolution“ nannte: „la laïcité“, die Trennung von Staat und Kirche. Sie steht für Toleranz, für Religionsfreiheit. Das klingt wunderbar. Aber das Prinzip der Laizität spaltet Frankreich in zwei Lager: Das pro-laizistische steht links, das andere für konservativ-katholische Werte. Historiker sprechen auch vom „Krieg der zwei Frankreich“, erst im letzten Jahr zog das katholische Lager gegen die Homo-Ehe zu Felde. Und wieder andere Lager benutzen die Laizität für ihre Sache. Ein Beispiel: 2011 demonstrierten Muslime für den Neubau von Moscheen. Prompt forderte die ultrarechte Politikerin Marine Le Pen, religiöse Handlungen in der Öffentlichkeit zu verbieten – im Sinne der „laïcité“.

Übrigens: Französische Kirchen finanzieren sich wie Sportvereine über Beiträge und Spenden, gemäß Artikel 2 des Laizitätsgesetzes: „Die Republik bezahlt und subventioniert keinen Kult.“ Daher erhalten katholische Geistliche ein Einheitsgehalt, den Mindestlohn von 1.000 Euro. Wie sich ein deutscher von einem französischen Bischof unterscheidet, beschrieb Publizist Alfred Grosser ironisch so: „Der Deutsche spricht von Armut, der Franzose ist arm.“ Leben wie Gott in Frankreich? Wer’s glaubt, wird selig. bKatja Ernst

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

Weitere französische und auch deutsche
Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

arte.tv/karambolage

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Kategorien: April 2014