GESCHICHTE
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Gesichter des Krieges

(c) Looks Film

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14 Protagonisten, 14 Tagebücher, 14 Schicksale: ARTE zeigt den Ersten Weltkrieg aus der Sicht derer, die ihn erlebt haben. Sechs Männer, fünf Frauen und drei Kinder aus acht Nationen erzählen – die Hintergründe zum TV-Event.

Der letzte Veteran des Ersten Weltkriegs starb 2011 im Alter von 110 Jahren. Die Erinnerung an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, sie schwindet mehr und mehr. Einerseits, weil es keine Zeitzeugen mehr gibt, andererseits, weil der Zweite Weltkrieg so viel präsenter in Schule und Medien ist als der Erste. Was sicherlich auch daran liegt, dass das Filmmaterial zum Ersten Weltkrieg recht sperrig ist, in Schwarz-Weiß und ohne Ton gedreht.

In einer deutsch-französischen Koproduktion, initiiert durch NDR, ARTE France in Paris und ARTE G.E.I.E. in Straßburg, zeigt ARTE nun den Ersten Weltkrieg aus der ganz persönlichen Sicht von 14 Menschen aus acht Nationen. „Diese Produktion wäre nicht möglich gewesen ohne das Vertrauen zwischen Deutschen und Franzosen“, sagt Ulrike Dotzer, Leiterin der ARTE-Redaktion des NDR. „Noch vor einigen Jahren scheiterte eine Koproduktion über Napoleon, heute erzählen Deutsche und Franzosen eine gemeinsame Geschichte über den Ersten Weltkrieg.“ Und diese Geschichte hat viele Stimmen. Es sind nicht die von Generälen, Schlachtenführern, Staatenlenkern, sondern die von Soldaten im Schlamm der Schützengräben, von Hausfrauen, die zu Fabrikarbeiterinnen werden, von Kindern, denen der Krieg als Abenteuer erscheint. Da ist der französische Fassmacher Louis Barthas, der in einem der gefährlichsten deutsch-französischen Frontabschnitte kämpft; da sind die Prominenten Käthe Kollwitz und Ernst Jünger; da ist die Britin Gabrielle West, die sich freiwillig zur Arbeit „für das Vaterland“ meldet. Yury Winterberg, Autor der achtteiligen Serie, die Ende April bei ARTE startet, beschreibt das Konzept als Gegenentwurf zu traditionellen Formaten: „Bislang wurden über den Ersten Weltkrieg vor allem große Schlachten gezeigt, wir haben die persönlichen Schicksale von 14 Menschen ins Zentrum gestellt.“ Aus 1.000 Tagebüchern – gefunden unter anderem bei Familien, in Museen, Tagebucharchiven und bei Historikern – wurden 14 ausgesucht, die verschiedene Nationen, Kriegsphasen und Perspektiven – auch die von Frauen und Kindern – widerspiegeln sollten.

Auch wenn die Reihe mit Spielszenen arbeitet, sind alle Tagebucheinträge authentisch, jede nachgestellte Szene ist belegt. Jan Peter, Regisseur des Großprojekts, spricht von einer „dokumentarischen Spielfilmserie“. Besonders sei die multinationale Perspektive, zum ersten Mal zeige man alle kriegsführenden Staaten von damals in einer Geschichte. Die 14 Schauspieler, die aus acht Nationen gecastet sind, spielen in ihren Muttersprachen.

Die „Verankerung in der Wirklichkeit“, wie Peter es nennt, wird auch durch das dokumentarische Archivmaterial gewährleistet, das etwa die Hälfte der Sendezeit einnimmt. Es ist eng verflochten mit den Spielszenen: Schaut ein Schauspieler aus dem Zugfenster, sieht der Zuschauer die Landschaft von vor 100 Jahren vorbeiziehen. Der Aufwand war immens: Über vier Jahre durchforstete ein Rechercheteam 71 Archive in 21 Ländern und sichtete über 200 Stunden Archiv-material. Zumeist werden noch nie gezeigte Bilder gesendet, und „selbst bekannte Archivbilder sehen plötzlich neu aus“, so Peter. Denn alle Bilder wurden digitalisiert und sind nun erstmals in hoher Auflösung zu sehen.

Das deutsche Mädchen Elfriede Kuhr, die bei Kriegsausbruch erst zwölf Jahre alt war, die 13 weiteren Protagonisten – so nah ist noch keine Fernsehproduktion den Menschen gekommen, die vor 100 Jahren der Katastrophe entgegengingen.

Diana Aust für das ARTE Magazin

 

Auszug aus dem Tagebuch der Elfriede Kuhr

„Man darf nicht mehr ‚adieu‘ sagen“

(c) Looks Film/Tobias Fritzsch

(c) Looks Film/Tobias Fritzsch

Die zwölfjährige Elfriede Kuhr ist eine von 14 Protagonisten.
Ihr „Kriegstagebuch eines Mädchens“, 1982 erstmals erschienen, ist heute vergriffen.

Lesen Sie hier Auszüge von 1914 bis 1918.

3. August 1914

In der Schule sagen die Lehrer, wir hätten die vaterländische Pflicht, nicht mehr fremde Worte zu gebrauchen. Ich hab zuerst nicht gewußt, was sie damit meinten. Jetzt ist mir klar: Man darf nicht mehr „Adieu“ sagen, weil das französisch ist. Es ist eine Ehre, „Lebwohl“ oder „Auf Wiedersehen“ zu sagen, meinetwegen auch „Grüß Gott“. Mama muß ich von nun an „Mutter“ nennen, aber „Mutter“ ist nicht zärtlich genug. Wir haben eine kleine Blechkasse gekauft, in die wir jedesmal fünf Pfennige legen wollen, wenn wir uns versprochen haben. Der Inhalt der Kriegssparkasse wird zum Einkauf von Strickwolle verwendet. Wir müssen jetzt Wollsachen für die Soldaten stricken. […]

24. mai 1915

[…] Außerdem gibt es eine neue schreckliche Kriegswaffe: Giftgas! Wer es zuerst eingesetzt hat, kann ich nicht rauskriegen, obwohl so etwas öffentlich vor das Kriegsgericht gehört. Es ist in den blutigen Kämpfen am Yser-Ypern-Kanal an der Westfront verwendet worden. Die Soldaten tragen jetzt bei den Kämpfen sogenannte „Gasmasken“, das sind rüsselförmige, häßliche, graugrüne Masken mit großen Glasfenstern für die Augen und Sauerstoffzufuhr für die Atmung. Wenn an der Front Giftalarm gegeben wird, reißen die Soldaten die Masken sofort vom Gürtel und stülpen sie über das Gesicht. Aber die Warnung kommt oft zu spät; das Gas ist schon durch die Gräben geschlichen […]. Die Soldaten fürchten den Gaskrieg fast mehr als Schrapnells, Granaten, Maschinengewehre und Dumdumgeschoße. Statt daß es zum Frieden geht, wird der Krieg immer schlimmer. Kein Ende ist abzusehen. Dabei singen die Soldaten, wenn sie über unsern Bahnhof fahren, die alten Lieder. Ich kann’s schon nicht mehr hören. […]

17. september 1916

[…] Dora und ich sprachen noch lange darüber, wie hübsch das war, als die Polen vor den Mädchen auf die Knie fielen. Ich wünschte so sehr, daß alles in der Heimat so bliebe, Polen, Juden und Preußen zusammen. Ich kannte es nicht anders, es war immer so gewesen und sollte so bleiben. Chopin war ja auch Pole, und nichts lieben Willi und ich so sehr wie seine Musik. Aber viele Soldaten und Offiziere sagen, daß wir gegen die Polen losschlagen würden. Warum denn bloß? Es ist ein wahres Glück, daß wenigstens das Schimpfen auf die Juden aufgehört hat; Juden sind heute Offiziere in der Armee. 

10. september 1917

Ob der Krieg irgendeinen Sinn hat? Gott würde doch sonst nicht zulassen, daß er so lange dauert. Er ist schon so etwas wie ein Dauerzustand geworden; man kann sich nicht mehr richtig daran erinnern, wie es im Frieden war. Wir denken kaum noch an den Krieg; ich schreib ja auch bloß noch Kriegsberichte, weil ich es mal vor hundert Jahren Muttchen versprochen habe. In der Schule wird auch nicht mehr vom Krieg gesprochen, höchstens wenn mal wieder ein Bekannter oder Verwandter gefallen ist. „Siegfrei“ hat es schon lange nicht mehr gegeben. Auf der Landkarte im Klassenzimmer verschiebt irgendwer manchmal die schwarzweißroten Stecknadelfähnchen, obwohl es uns Mädels eigentlich gar nicht mehr interessiert. […]

12. november 1918

Es ist soweit. Die deutschen Truppen befinden sich auf dem Rückzug. Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg hat sich bereit erklärt, die Reste der Armeen geordnet in die Heimat zurückzuführen. […] Ich schämte mich zu fragen, ob wir denn nun wirklich richtig besiegt seien. Klar, wir haben uns zu Tode gesiegt. Und wozu, und wozu, und wozu? Wie soll das ein Kind verstehen? Aber vielleicht bin ich gar kein Kind mehr. Weißt du was, Tagebuch? Es könnte doch sein, daß Gott uns längst die große Strafe geschickt hat, und wir haben es nicht gemerkt: Die Strafe ist der Krieg. Vielleicht hat Gott von Anfang an erwartet, daß wir den Krieg beenden, und wir haben es nicht getan, sondern noch obendrein wie am ersten Kriegstag gesungen: „Nun danket alle Gott.“ Wenn das so wäre, dann haben wir bloß immer gesündigt.

Teil zwei zum Thema: Lesen Sie im nächsten Arte Magazin mehr über das Schicksal von Karl Kasser aus Österreich-Ungarn und wie er den Krieg überlebte

ARTE Plus

Elfriede Kuhr

Geboren am 25. April 1902 in Schneidemühl, Posen; Kindheit und Jugend mit
Bruder Willi bei der Großmutter; 1927 Heirat mit dem Juden Leonhard Steckel; 1933 Emigration in die Schweiz; nimmt den Künstlernamen Jo Mihaly an, antifaschistisches Engagement als Schriftstellerin und Tänzerin zeit ihres Lebens; stirbt am 29. März 1989 in Bayern

 

Ausstellung und DVD

Begleitausstellung im Militärhistorischen Museum Dresden ab August 2014: „14 – Menschen – Krieg“;

Begleit-DVD „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“: alle acht Folgen der ARTE-Reihe sowie Bonusmaterial

 

 

ARTE Schwerpunkt 

Erster Weltkrieg

14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs

Dokudrama

(1) Der Abgrund

Di · 29.4. · 20.15

(2) Der Angriff

Di · 29.4. · 21.10

(3) Die Verwundung

Di · 6.5. · 20.15

(4) Die Sehnsucht

Di · 6.5. · 21.15

(5) Die Vernichtung

Di · 6.5. · 22.20

(6) Die Heimat

Di · 13.5. · 20.15

(7) Der Aufstand

Di · 13.5. · 21.15

(8) Die Entscheidung

Di · 13.5. · 22.20

Kleine Hände im großen Krieg · achtteilige Kinderserie

ab 27.4. immer sonntags zwischen 8.30 und 9.20

Mehr Informationen kurzvor Ausstrahlung unter

www.14-tagebuecher.de

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Kategorien: April 2014