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Die wahren Arier

(c) S. Naumann

(c) S. Naumann

Mo Asumang, eine schwarze Deutsche, räumt im Film „Die Arier“ mit dem Missbrauch
eines Begriffes auf.
Sie holt Wissenschaftler und Rassisten vor die Kamera, darunter Mitglieder des Ku-Klux-Klans. Asumang über ihren Film, der ein Statement gegen Rassismus ist.

Wie sehen Arier aus? Woher kommen sie? Sind sie ein Urvolk aus Afrika, Asien oder Europa? Für meinen Dokumentarfilm „Die Arier“ habe ich in Deutschland im Oktober 2012 eine Umfrage durchführen lassen: Fast alle Befragten antworteten mit „blond und blauäugig“ und „aus Europa“. Viele setzten Arier mit Deutschen gleich, obwohl sie mit uns Deutschen nichts gemein haben. Laut dieser Umfrage wissen 88 Prozent der Deutschen nicht, wer Arier wirklich sind und woher sie stammen.

Jahrzehntelang ist der Begriff gezielt von den Nazis missbraucht worden. Deutsche wurden im Sinne der NS-Rassenlehre zu Ariern, indem der Begriff, der aus dem Sanskrit stammt und „Herr“ oder „der Edle“ bedeutet, sinnentleert über ein Volk gestülpt wurde. Bis heute fungiert er als Dach, unter dem sich Rassisten weltweit formieren. Vereinigungen in den USA nennen sich „Aryan Terror Brigade“, „Aryan Nations“. Der führende US-Rassist Tom Metzger, Gründer der „White Aryan Resistance“, den ich für den Dokumentarfilm traf, fordert eine „arische Revolution“. Deutsche Neonazis wollen, dass „das Arische“ wieder an die Macht kommt.

Falsche Vorstellungen von Ariern aus der Nazi-Zeit verleihen der Szene von heute Auftrieb und Macht. Ich kann nicht akzeptieren, dass wir Rassismus in Deutschland nicht in den Griff bekommen; hier findet alle 30 Minuten eine rechtsextreme Straftat statt. Aber wie funktionieren Rassisten? Auch das möchte ich verstehen. Ein Dreivierteljahr vor Beginn der Dreharbeiten für „Die Arier“ habe ich erfahren, dass meine Großmutter bei der SS war. Ein Grund mehr, dem Wahnsinn von Rassismus und Antisemitismus auf den Grund zu gehen. Und so wurde „Die Arier“ zu einer persönlichen Reise.

Ein Journalist kann die Kamera einschalten und sein Gegenüber interviewen. Er kann aber auch im Bild stehen und Fragen stellen. In meinem Fall hat das eine besondere Wirkung, denn ich bin schwarz. In der Interaktion mit Rassisten erziele ich eine andere Wirkung als weiße Deutsche: Meine Hautfarbe wird zum Vehikel. Ich bin nicht nur die Filmemacherin, sondern die verhasste Figur, der Feind, der Neonazis vor laufender Kamera auffordert, sich zu äußern. Stünde ein Weißer vor ihnen, würden sie abstrakt über ihre Feinde sprechen, die sie hassen und aus dem Land werfen wollen. In „Die Arier“ sagen Neonazis und Rassisten mir all das ins Gesicht.

(c) Alexander Gherorghiu

(c) Alexander Gherorghiu

Den „Feind“ – Juden, Schwarze, Muslime – kennen diese Leute meistens nicht. Ihre Ideologie, das Feindbild, das sie sich kreieren, bricht zusammen, sobald der „Feind“ tatsächlich vor ihnen steht, freundlich ist und sich nicht provozieren lässt. Dann kommen sie mit ihrer Ideologie deutlich mehr ins Schleudern, als wenn man ihnen hasserfüllt gegenübertritt. Ich weiß, dass Rassisten mehr Angst vor mir haben als ich vor ihnen, auch seit „Roots Germania“ (2007), meiner ersten filmischen Auseinandersetzung mit Neonazis. Angst war bei „Die Arier“ für mich kein Thema mehr, weshalb wir ohne Begleitschutz arbeiteten. Trotzdem traf ich nach dem zweiten Drehtag, auf dem von der NPD organisierten Konzert „Rock für Deutschland“, die Entscheidung, ausschließlich mit Kamerafrauen weiterzuarbeiten, weil Neonazis sich von einem weiblichen Team etwas weniger provoziert fühlen. Und doch gab es einen Moment, in dem ich Angst hatte: als wir in North Carolina Mitglieder des Ku-Klux-Klans zum Gespräch treffen wollten. Ich hatte nichts als einen Flyer mit einer Telefonnummer und bereits mehrere Nachrichten auf einer Mailbox hinterlassen. Wir fuhren auf gut Glück in die Provinz, fragten bei der Polizei nach, an Tankstellen, niemand wusste Genaues. Schließlich fanden wir einen Traktor mit zwei sogenannten Rebellen-Flaggen. Hier zweigte ein Weg ab –
auf privates Gelände im Wald. Da dachte ich zum ersten Mal: „Da gehen wir nicht hin.“ Trotzdem warteten wir, während ich weiter versuchte, über die Nummer auf dem Flyer ein Treffen zu vereinbaren. Um Mitternacht kamen sie schließlich, erst vorbeifahrend mit „Heil Hitler!“-Gruß, dann mit Klanmütze auf dem Kopf und Maschinengewehren auf dem Rücksitz ihres Trucks.

Das Organisieren von Begegnungen war in den USA kompliziert, die Gespräche mit Rassisten allerdings unverblümt. In den USA wird die Maxime „Freedom of Speech“ sehr ernst genommen, man kann alles sagen. Am schwierigsten war der Zugang zur Szene in Deutschland: Der einzige Weg zu den Neonazis führte über die Veranstaltungen einzelner Gruppierungen. Es war eine Herausforderung, überhaupt eingelassen zu werden, aber noch schwieriger war es, O-Töne zu bekommen. Der Dreh bestand zum Großteil aus Warten und Ablehnung, weit mehr, als im Film zu sehen ist.

Ich traf auf zwei Hauptgruppen von Neonazis: Die „Hass-Verkäufer“, die ein großes Interesse daran haben, die Ideologie über Hasstexte, Musik, Reden und Ähnliches zu verbreiten. Sie sind schwer zu fassen. Zu der zweiten Gruppe zählen oft sehr junge Leute, die breite Masse der Mitläufer, die ich auf 90 Prozent schätzen würde. Mit ihnen kann man reden. Ich bin Botschafterin des Netzwerks für Demokratie und Courage und werde außerdem im Themenjahr gegen Rassismus 2014 mithelfen, Projekte anzuschieben, zum Beispiel in Schulen. Letzteres ist eine Initiative der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Und ja: Ich habe die Hoffnung, an ein paar junge Menschen, an ein paar dieser 90 Prozent heranzukommen. Jeder einzelne ist es wert.

Arier sind übrigens ein Urvolk aus dem indisch-persischen Raum, aus dem Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien. Im Iran, was „Land der Arier“ bedeutet, besuchte ich für den Film eine Gruppe Arier. Eine junge Frau, der ich Fotos von „Ariern“ und auch von Juden aus der NS-Zeit zeigte, meinte: „Als Arierin sage ich: Alle Menschen sind gleich. Es gibt keine Unterschiede zwischen uns.“

Mo Asumang für das ARTE Magazin

 

ARTE Themenabend 

Die Arier

Di · 29.4. · 22.05

Die Arier

Dokumentarfilm · 22.05

Debatte · Diskussion · 23.40

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter arte.tv/arier

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Kategorien: April 2014