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24h Jerusalem – Ein Interview mit dem Projektentwickler

 

(c) Jeremy Woodhouse/Getty Images

(c) Jeremy Woodhouse/Getty Images

24 Stunden lang im Leben einer Stadt – am 12. April stellt ARTE den normalen Sendebetrieb auf den Kopf und dokumentiert in „24h Jerusalem“ in Echtzeit den Alltag der Bewohner in der Heiligen Stadt. Angelehnt an das Vorgängerprojekt „24h Berlin“, porträtiert die Dokumentation eine Stadt, in der ein normaler Alltag kaum möglich scheint.

„24h Jerusalem“ ist ein Projekt, das trotz der polischen Umstände realisiert werden konnte: 70 Drehteams bebildern 24 Stunden lang das Leben von 90 Protagonisten aus Jerusalem, einer Stadt, die ebenso heilig wie politisch umkämpft ist. Die ARTE-/BR-Koproduktion wurde im April 2013 gedreht. Nun, ein Jahr später, am 12. April 2014 sendet ARTE jene 24 Stunden in Echtzeit – von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr morgens am darauffolgenden Tag. Volker Heise, Konzeptentwickler und Projekt-Regisseur von „24h Jerusalem“, spricht im Interview über kontrollierten Kontrollverlust und Hindernisse bei den Dreharbeiten.

ARTE: Nach „24h Berlin“ haben Sie nun Jerusalem für ein Stadtporträt ausgewählt. Warum?

Volker Heise: Nach Berlin wussten wir: Das „24h“-Format funktioniert. Thomas Kufus, unser Produzent, hatte nach einer Israelreise die Idee, das auch in Jerusalem zu versuchen. Das hat mir sofort eingeleuchtet. Wie funktioniert Alltag in einer Stadt, in der so Vieles nicht geklärt ist: Wo sind die Stadtgrenzen? Wer gehört zu dieser Stadt? Ob Araber, Israelis, ob Moslems, Christen oder Juden – alle leben auf engstem Raum nebeneinander und jeder hegt für sich Ansprüche auf diese Stadt.

ARTE: Wie erzählt man den Alltag einer Stadt?

Volker Heise: Dem Format „24h“ liegt eine soziologische Definition von Stadt zugrunde: Eine Stadt bedeutet maximale Unterschiede auf minimalem Raum. Stadt macht möglich, dass verschiedene Kulturen, Lebenskonzepte, Schichten miteinander leben können. Das ist der Kern unserer Alltagsbeobachtung. In Jerusalem sind die Grundlagen für so ein Zusammenleben aber gar nicht gegeben. Herauszufinden, was das für die Menschen und für die Stadt bedeutet, hat mich besonders gereizt.

ARTE: Was waren die größten Probleme beim Dreh?

Volker Heise: Das Schwierigste ist die politische Situation. Nach drei Jahren Vorbereitung mussten wir einen Tag vor Drehbeginn 2012 alles abbrechen. Es gab einen Aufruf zum Boykott von palästinensischer Seite, den wir auch nicht auffangen konnten, weil alle palästinensischen Regisseure abgesprungen sind. Da haben wir erst richtig gemerkt: In Jerusalem leben zwei Gesellschaften Rücken an Rücken, was sich wie ein Riss durch den Alltag zieht.

ARTE: Wie haben Sie trotzdem drehen können?

Volker Heise: Wir mussten Unabhängigkeit demonstrieren und in langen Gesprächen Vertrauen aufbauen. Wir haben alles Geld aus der Region zurückgegeben, um nicht in den Verdacht der Parteilichkeit zu kommen. Für die Dreharbeiten haben wir die Teams in drei gleich große Gruppen aufgeteilt: in palästinensische, israelische und europäische. Das Argument, dass „24h Jerusalem“ eine Produktion von Europäern für Europäer ist, hat uns am Ende gerettet. Es war absurd: Die palästinensischen und israelischen Teams haben sich nie gesehen. Im Grunde ist die Einheit dieser Stadt nur in unserem Schneideraum möglich. Und auch da können wir nur zeigen, wie unmöglich sie ist.

ARTE: Inwiefern ist der israelisch-palästinensische Konflikt in der Dokumentation präsent?

Volker Heise: Der Konflikt prägt den Alltag. Allein wenn Sie in Scheich Scharra oder Silwan drehen, zwei palästinensische Viertel in Ostjerusalem, dann haben Sie den Konflikt sofort vor der Kamera. Ein Haus eines radikalen Siedlers mitten in einem arabischen Viertel kreiert jeden Tag Unruhen. Und die Erinnerung an Anschläge ist immer präsent.

ARTE: Nach welchen Kriterien haben Sie die 90 Protagonisten ausgewählt?

Volker Heise: Das Prinzip ist kontrollierter Kontrollverlust. Die palästinensischen und israelischen Teams hatten jeweils einen leitenden Regisseur, der die für sie repräsentativen Protagonisten ausgewählt hat. Ich hatte bewusst nur eine Beraterfunktion. In Jerusalem muss man, um allein die Hauptmerkmale der Stadt abzudecken, die Welt der Araber und der Israelis abbilden – und die der Christen, Moslems wie auch der Juden. Den Alltag in der Stadt darzustellen, heißt aber auch: Was essen die Leute? Wie gehen sie zur Schule? Wichtig war es mir, die Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart abzubilden – und trotz allem: die Schönheit der Stadt durchscheinen zu lassen.

ARTE: Was haben Sie über Jerusalem gelernt?

Volker Heise: Jeder hat eine Vorstellung vom Nahostkonflikt. Doch im Mikrobereich sieht alles anders aus und ist enorm widersprüchlich. Es ist nicht so, dass alle gelähmt von dem Konflikt durch die Straßen schleichen, im Gegenteil: Jerusalem hat eine unglaubliche Energie. Es ist eine Stadt der politischen Träume – von einem Jerusalem, das es niemals geben wird. Vor Ort begreift man, dass die Wunden auf beiden Seiten sehr tief sind und dass beide Seiten im Guten wie im Schlechten miteinander verstrickt sind.

 KRISTIN BARTHOLMEß für das ARTE Magazin

 

ARTE Interview

Volker Heise

Der deutsche Fernsehregisseur Volker Heise erhielt 2003 für die Living-History-Serie „Schwarzwaldhaus 1902“ den Grimme-Preis. Das von ihm entwickelte TV-Projekt „24h Berlin“ wurde 2010 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet

 

24h Jerusalem im WEB

Das dokumentarische TV-Projekt wird durch ein innovatives Webprojekt ergänzt. Es erweitert das Fernseherlebnis mit Second-Screen-Inhalten (für Tablet, Smartphone oder Computer) um eine weitere interaktive Dimension.

Vor der Ausstrahlung: 24 Tage vor der TV-Ausstrahlung startet das Web-Event: Projektregisseur Volker Heise gibt in seinem täglichen Videoblog exklusive Einblicke in die Produktion des Programms. Darüber hinaus sind vorab zwölf thematisch geordnete Videos mit Szenen aus dem 24-stündigen Programm zu sehen.

Während der Ausstrahlung: Zeitsynchron sind über Second-Screen auf 24hjerusalem.tv sogenannte Factsheets zu den historischen Zusammen-hängen, Konflikten, Religionen und Bewohnern Jerusalems zu sehen. Teammitglieder sind am Event-Tag live vor Ort, 24 Stunden lang, und liefern mit ihren Smartphone-Clips, sogenannten Vines, aktuelle Impressionen aus der Stadt. Zudem posten Videokünstler, Designer, Filmemacher aus Ost- und Westjerusalem 6-Sekunden-Videos und kurze Texte mit dem Vine-Tool von Twitter unter #24hjerusalem. Ein Aufruf für jedermann, einzige Bedingung ist das Thema: Jerusalem.

Nach der Ausstrahlung: Das 24-stündige Programm und das komplette Second-Screen-Angebot bleiben für zwei Monate als Catch-Up-Programm online verfügbar.

24hjerusalem.tv

 

ARTE Plus

Jerusalem – Geschichte einer Teilung

1947 – Nach UN-Teilungsresolution ist ganz Jerusalem als eigenständiges Gebiet unter internationaler Treuhandschaft ab 1948 – Zweiteilung Jerusalems: Westjerusalem kommt unter israelische und Ostjerusalem unter jordanische Kontrolle

1967– Im Zuge des Sechstagekriegs besetzt Israel Ostjerusalem sowie 64 km² der Westbank (1980 per Gesetz zu Jerusalem annektiert) und beansprucht das in Eigenansicht „wiedervereinigte Jerusalem“ als Hauptstadt (international nicht anerkannt)

2011 – 803.000 Menschen leben in Jerusalem: 510.000 Israelis, darunter etwa 200.000 Siedler in Ostjerusalem, und 293.000 Palästinenser

(Quellen: www.bpd.de; www.kas.de; www.jiis.org)

 

ARTE Event 

24h Jerusalem

Sa · 12.4. · ab 06.00

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Kategorien: April 2014