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24h Jerusalem – Ein Drehbericht

 

(c) Maurice Weiss/OSTKREUZ/zero one 24

(c) Maurice Weiss/OSTKREUZ/zero one 24

Schön, zerrissen, modern – das alles ist Jerusalem. Die Filmemacher Luzia Schmid und Hajo Schomerus drehten für „24h Jerusalem“. Die Ewige Stadt ist für sie ein Ort der Paralleluniversen.

Sie sind zwei der insgesamt 60 Regisseure von „24h Jerusalem“: Luzia Schmid und Hajo Schomerus. Sie begleitete einen Historiker, der die komplizierte Geschichte der Jerusalemer Wasserversorgung erforscht; er beobachtete den Tagesablauf in der Grabeskirche, die sich mehrere christliche Konfessionen teilen. Wie viele der europäischen Regisseure von „24h Jerusalem“, haben auch Luzia Schmid und Hajo Schomerus einen persönlichen Bezug zu der Stadt: 2008 hatte das Paar sie im Alltag mit seinen beiden kleinen Kindern erlebt. Ein Bericht.

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Als wir 2008 nach vier Monaten in Jerusalem mit unseren Töchtern zum ersten Mal wieder im Straßencafé in Köln saßen, spürten wir plötzlich eine große Erleichterung – völlig unerwartet traf uns die Erkenntnis, welche Anspannung der Jerusalemer Alltag erzeugt hatte, seine unterschwelligen und offenen Konflikte, seine latente Aggressivität, die Reibung auf Schritt und Tritt. Nicht mehr Teil dieses Mahlwerks zu sein, war eine Befreiung; gleichzeitig setzte unser Heimweh ein nach dieser merkwürdigen Stadt, das uns bis heute nicht mehr loslässt. Für „24h Jerusalem“ zurückzukehren, war wie ein Geschenk: Mit unseren europäischen Kollegen arbeiteten wir im April 2013 fünf Tage lang an einem großen filmischen Flickenteppich.

Familienalltag in Jerusalem. Bei unserem Aufenthalt 2008 war unsere Verabredung: Einer sollte sich hauptsächlich um die Kinder kümmern, während der andere sich auf seine Arbeit konzentrierte. Hajo drehte den Dokumentarfilm „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ über die Grabeskirche. Wir wohnten einen Steinwurf vom Damaskus-Tor entfernt in einem alten arabischen Haus, vor dem erhöht ein parkähnlicher Hof lag. Je nachdem auf welcher Seite wir hinuntergingen, landeten wir im palästinensischen Teil der Stadt oder im jüdisch-orthodoxen Stadtteil Mea Sharim, aber auch das moderne Jerusalem war nur ein paar Gehminuten entfernt. Durch Hajos Alltag in der Grabeskirche begegneten wir dazu Menschen aus unterschiedlichsten christlichen Glaubensgemeinschaften.

Jerusalem, ein Ort der Erkenntnis. Unser Leben war geprägt vom Wandern zwischen diesen Welten. Jeden Tag hatten wir die Wahl, in welches dieser Paralleluniversen wir eintauchen wollten: einkaufen bei den Palästinensern, Spielplatzbesuche am Rande von Mea Sharim, guten italienischen Kaffee im säkularen Westjerusalem trinken. Herrlich – und aufreibend, weil wir in jeder dieser Welten irgendwie fehl am Platz waren. Auf dem Spielplatz durften die Mädchen als Nicht-Jüdinnen nicht mit den anderen spielen. Kamen palästinensische Kinder zu Besuch, sprangen unsere als einzige nackt im Garten herum. Und der Schaum auf dem Cappuccino aus der Ben-Jehuda-Straße war zwar mit demselben Herzchen verziert wie in Köln, aber gerade an den Orten, an denen wir unsere Kultur wiederfanden, spürten wir: Sie ist importiert. Dennoch fühlten wir uns hier zu Hause, hier machten wir in Jerusalem Kurzurlaub von Jerusalem.

Und so wurde unser Aufenthalt von der Einsicht geprägt, dass Toleranz bei uns anfängt und aufhört: Täglich stießen wir an Grenzen – oder wurden gestoßen. Ein Blick, Fluch, Missverständnis, und ein unüberbrückbarer Abgrund tat sich auf. Unsere Freiheit beschnitt die der anderen und umgekehrt. Das ist die schmerzhafteste, wichtigste Gewissheit, die wir mitgenommen haben. Sie macht hilflos, wütend und fatalistisch. Es ist der Nahost-Konflikt, auf den kleinsten, banalsten privaten Nenner gebracht: Meine Wahrheit, mein Glaube ist richtiger als deiner. Jerusalem ist schön, aufreizend, nervig, modern, aber vor allem ein Ort der Erkenntnis, dass es keinen Ausweg, keine Lösung gibt.

Sehnsucht trifft auf Enttäuschung. Für „24h Jerusalem“ drehte Luzia mit dem Historiker Vincent Lemire, dessen Blick auf die Wasserversorgung eine ganz eigene Geschichte des Zusammenlebens erzählt. Er liest in der Stadt wie in einem Buch, sieht veränderte Machtverhältnisse, Zeugnisse von Utopien und himmelschreiendem Unrecht in einer Zeitspanne von nur hundert Jahren. Für Jerusalem, die ewige, ein Herzschlag. Die Grabeskirche, in der mehrere christliche Religionsgemeinschaften unter einem Dach leben, ist auf andere Weise symptomatisch für Jerusalem: ein Ort der Sehnsucht und Enttäuschung zugleich, der unauflösbaren Widersprüche von Heiligkeit und Profanität. Ein Zustand ist niemals endgültig, sondern eine offene Frage, an jeden einzelnen. Auch das ist ein Teil unseres Jerusalems, von dem wir in „24h Jerusalem“ erzählen, gemeinsam mit vielen anderen. «

Luzia Schmid und Hajo Schomerus für das ARTE Magazin

ARTE Gastautoren

Luzia Schmid

Hajo Schomerus

Luzia Schmid, geboren 1966 in Zürich, erhielt 2012 mit Regina Schilling den Grimme-Preis für ihren Film „Geschlossene Gesellschaft – vom Missbrauch an der Odenwaldschule“. Hajo Schomerus, geboren 1970 in Hannover, wurde 2011 für die Kinodokumentation „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ mit dem Preis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet

 

ARTE Event

24h Jerusalem

Sa · 12.4. · ab 06.00

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Kategorien: April 2014