GESELLSCHAFT

Mit dem Kopf in den Sternen

 

(c) Paul Wilson

(c) Paul Wilson

Die junge Iranerin Sepideh möchte Astronautin werden – allen Widerständen zum Trotz. Viel beachteter Dokumentarfilm aus dem Herzen der iranischen Gesellschaft, den ARTE im Schwerpunkt „Starke Frauen“ zeigt.

Sepideh zieht los, sobald es dunkel ist. Sie trägt ihren Tschador und unter dem Arm ihr Teleskop. Die Gymnasiastin lebt in Saadat Shahr in der iranischen Provinz und Sterne sind ihre Leidenschaft. Eine Begeisterung, die sie mit Freunden aus dem Astronomie-Club und ihrem Physiklehrer teilt, doch niemand ist so besessen wie sie. Sie will Physik studieren und als Astronautin ins All fliegen. Obwohl im Iran Frauen traditionell die Universität besuchen, scheint Sepidehs Wunsch utopisch: Ihr Vater ist tot, ihre Familie zunehmend in finanziellen Schwierigkeiten, ihre Mutter von Sepidehs Wissensdurst irritiert. Außerdem soll Sepideh Bäuerin werden. Und ihr Onkel droht ihr, sie zu töten, sollte sie bei ihren Expeditionen etwas „Falsches“ tun.

Bei einem dieser Ausflüge im Jahr 2009 begegnet die damals 14-jährige Sepideh der dänischen Dokumentarfilmerin Berit Madsen. Madsen ist mit einem Iraner verheiratet und hat zufällig von diesem Grüppchen Mädchen und Jungen gehört, das irgendwo im Nirgendwo, fernab von Teheran, ohne die Anwesenheit eines Erwachsenen bis tief in die Nacht in die Berge geht – im Iran ist das höchst ungewöhnlich. In einer sehr dunklen und kalten Nacht begleitet Berit Madsen die Gruppe. Sepideh fällt ihr sofort auf, weil ihr Teleskop fast so groß ist wie sie selbst und sie eine Ernsthaftigkeit ausstrahlt, die die Neugier der Regisseurin weckt. Am nächsten Abend besucht sie Sepideh zu Hause. „Sie hatte ein Poster von Einstein an der Wand und sagte mir, dass sie ihre Mathebücher gegen Bücher über Einstein tausche. Und dass sie ihrem verstorbenen Vater versprochen habe, eine bedeutende Astronomin zu werden und alles tun werde, um dieses Versprechen zu halten. Von da an hatte ich das Gefühl: Das wird eine längere Geschichte.“

Geschichte einer Emanzipation. Berit Madsen will wissen, wie es mit Sepideh weitergeht. Das Leben des Mädchens wird die Regisseurin in den folgenden vier Jahren intensiv beschäftigen. Elf Mal dreht sie vor Ort für den Dokumentarfilm „Sepideh – Ein Himmel voller Sterne“. Sepideh selbst hält in diesen Jahren gegen alle Widerstände an ihrem Berufswunsch fest, selbst in Phasen der Verzweiflung. „Es gab in ihrer Jugend Zeiten, da schlug sie täglich ihren Kopf gegen die Wand“, sagt Berit Madsen. Sepideh nimmt an einem Wettbewerb teil, um ein Stipendium zu gewinnen, erfolglos. In einem tristen Moment schreibt sie eine E-Mail an ihr Idol, die iranisch-amerikanische Unternehmerin Anousheh Ansari, die 2006 als erste Weltraumtouristin für Schlagzeilen sorgte. Und Anousheh ruft sie zurück: ein Lichtblick.

Sepidehs Geschichte ist die einer mehrfachen Emanzipation: einer Jugendlichen vom Land, der ein Lehrer Mut macht mit Sätzen wie „Die Welt ist nicht an der nächsten Straßenecke zu Ende“. Eines Mädchens aus bescheidenen Verhältnissen, das eine akademische Laufbahn anstrebt, ausgerechnet in einer Männerdomäne. Einer Muslima, die sich gegen ihre Familie stellt.

 

(c) Babak Tafreshi

(c) Babak Tafreshi

Träume der jungen Generation. Berit Madsen ist dieser Film wichtig, weil er einmal nicht von weiblicher Unterdrückung im Mittleren Osten erzählt. „Über diese Schicksale muss berichtet werden. Aber wenn wir über den Iran von morgen reden, müssen wir auch Frauen zeigen, die keine Opfer, sondern stark und entschlossen sind. Der Iran verändert sich. Natürlich ist dies ein Film über eine einzelne und noch dazu sehr spezielle junge Frau. Trotzdem steht sie für ihre Generation, deren Hoffnungen und Träume. Mein Film zeigt, was sich im Herzen der Gesellschaft abspielt, bei den Menschen und der Jugend und nicht in der Politik.“

„Sepideh – Ein Himmel voller Sterne“ ist auch Teil der Kampagne „Chime for Change“, die Frauen Zugang zu Bildung und damit eine Chance auf Arbeit und Unabhängigkeit verschaffen will; „Chime for Change“ finanzierte den Film über Sepideh mit. Er läuft aktuell auf den wichtigen Festivals, wie Ende 2013 beim International Documentary Film Festival Amsterdam (IDFA) sowie Anfang 2014 beim US-amerikanischen Sundance Film Festival und beim Fajr International Film Festival in Teheran. Berit Madsen sagt, dass sie allein auf den Filmtrailer hin Zuschriften aus allen Teilen der Welt bekomme, vor allem von Frauen, aber nicht nur.

Sepideh, die am Anfang des Films 16 und am Ende 18 Jahre alt ist, ist der Sprung an die Universität gelungen. Sie studiert Physik und steht mit der Weltraumreisenden Anousheh Ansari in Kontakt. Sepidehs Mutter, die die Ambitionen der Tochter einst zur Verzweiflung brachten, hofft nun selbst auf einen Studienplatz. Sie hat sich schon zweimal beworben – für das Fach Chemie.

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

ARTE Plus

„Chime for Change“

Die internationale Kampagne „Chime for Change“ ist eine Initiative der Gucci-Stiftung und
wurde von Beyoncé, Frida Giannini und Salma Hayek mitbegründet. Ziel ist die Förderung

von Frauen und Mädchen rund um den Globus in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Gerechtigkeit. Prominente wie Halle Berry oder Julia Roberts stehen für einzelne Projekte Pate. Die Kampagne richtet unter anderem Benefizkonzerte aus und unterstützt Filme, die Frauen und Mädchen eine Stimme geben

Mehr unter www.chimeforchange.org

 

ARTE Dokumentarfilm 

Sepideh – Ein Himmel voller Sterne

Fr · 14.3. · 22.55

Beachten Sie den Schwerpunkt „Starke Frauen“ ab 8.3.

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Kategorien: März 2014