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Das Kreuz mit dem Geld

(c) Jürgen Erbacher

(c) Jürgen Erbacher

Er proklamiert eine Kirche der Armen. In einem Jahr hat sein Reformkurs Licht in die dunklen Geschäfte der Vatikanbank gebracht. Doch wie weit wird Papst Franziskus kommen? Ein Interview zum ARTE-Themenabend am 18.3.

Seine Forderung ist klar: Papst Franziskus will die „Rückkehr von Wirtschaft und Finanzleben zu einer Ethik zugunsten des Menschen“, so hat er es im Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ vom 26. November 2013 bekräftigt. Die Kapitalismuskritik gilt den Regierenden weltweit – aber auch der Kirche selbst. Der Papst hat es sich zur Aufgabe gemacht, die vatikaneigene Bank nach Skandalen um Korruption und Geldwäsche zur sauberen Hausbank zu sanieren. Der Historiker John Dickie führt im ARTE-Dokumentarfilm „Heiliges Geld“ durch das Dickicht der Kirchenfinanzen und erklärt im Interview, warum die Kontrolle der katholischen Kirche und ihres Finanzimperiums so schwierig ist.

ARTE: Was ist die Funktion der Vatikanbank?

JOHN DICKIE: Sie ist in erster Linie das Sparschwein für alle christlichen Ordensgemeinschaften. Darin unterscheidet sich die Vatikanbank IOR (Institut für die religiösen Werke) auch von einer normalen Bank. Nur Institutionen der Kirche, geistliche Orden und Stiftungen, Angestellte des Heiligen Stuhls oder Diözesen haben dort das Recht auf ein Konto. Botschaften und Diplomaten sind die Ausnahme.

ARTE: Warum braucht die Kirche eine eigene Bank?

JOHN DICKIE: Die katholische Kirche muss Gehälter zahlen, Gebäude instand setzen und ihre wohltätige Arbeit finanzieren – und für über eine Milliarde Gläubige Gottesdienste gewährleisten, das kostet eine Menge Geld. Über eine eigene Bank lassen sich die Gelder besser verwalten und zusätzlich hauseigene Gewinne verbuchen.

ARTE: Unterliegen die Finanzen der Vatikanbank einer Kontrollinstanz?

JOHN DICKIE: Ist man erst einmal drin und hat ein Konto in der IOR, gehört man sozusagen zur Familie und es wird einem vertraut. Eine interne Überwachung, woher das Geld kommt und was damit gemacht wird, erscheint nach so einer Philosophie vollkommen überflüssig. Zudem untersteht der Vatikan als eigenständiger Staat keinerlei internationalen Finanzregeln. Das Klima änderte sich erst mit dem 11. September 2001: Das internationale Bankensystem war gezwungen nachzuweisen, dass es keine Geldwäsche für terroristische Organisationen betrieb. Im Vatikan herrschte aber weiterhin die Meinung vor, über den internationalen Regeln zu stehen. Erst 2010 setzte Papst Benedikt XVI. die Finanzaufsichtsbehörde AIF zur Kontrolle sämtlicher Vatikanbehörden mit Geldtransaktionen ein.

ARTE: Warum ist die Vatikanbank besonders anfällig für Geldwäsche?

JOHN DICKIE: Die fehlende Transparenz ist das Hauptproblem. Die aktuelle Scarano-Affäre zeigt eindeutig, welche Gefahren aus der mangelnden Kontrolle des Geldtransfers in der Vatikanbank erwachsen können. Der ranghohe Vatikan-Geistliche und frühere Rechnungsprüfer der vatikanischen Güterverwaltung Nunzio Scarano, wegen seiner Vorliebe für 500-Euro-Scheine auch „Monsignore Cinquecento“ genannt, muss sich seit Dezember 2013 vor Gericht verantworten. Für einen italienischen Großreeder hatte er 20 Millionen Euro – vermutlich Schwarzgeld – aus der Schweiz nach Italien geschmuggelt und die Konten der Vatikanbank zur Geldwäsche genutzt.

ARTE: Was macht die Kontrolle der Kirchenfinanzen so schwierig?

JOHN DICKIE: Die Geldwäsche in der Vatikanbank ist nur ein Problem von vielen. Hinzu kommen Erzbischöfe, die Spendengelder unterschlagen wie in Milwaukee 2011, korrupte Priester oder ganze Diözesen, die sich verspekulieren und haushoch verschulden wie die von Maribor in Slowenien 2010. Es gilt, die gesamten Kirchenfinanzen zu sanieren, wie es sich Papst Franziskus zur Aufgabe gemacht hat. Und die Struktur der katholischen Kirche hilft nicht unbedingt dabei. Sie ist ein weitverzweigtes Gebilde mit einer Vielzahl an Einrichtungen – ein System, das in seiner gegenwärtigen Form nicht kontrollierbar ist. Oft weiß man in Rom nicht, was in anderen Bereichen der katholischen Kirche passiert. Es gibt den Heiligen Stuhl als Institution des päpstlichen Wirkens in der Welt, es gibt den Vatikan als unabhängigen Stadtstaat mitten in Rom, es gibt die verschiedenen christlichen Ordensgemeinschaften, die Diözesen, die Pfarreien, nationale Kirchenorganisationen, kirchliche Schulen und Krankenhäuser. Und zwischen all diesen Einrichtungen fließt Geld, unter anderem in Form von Spenden.

(c) Jürgen Erbacher

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ARTE: Was konnte Papst Franziskus bisher konkret verändern?

JOHN DICKIE: In erster Linie führt er das fort, was Papst Benedikt XVI. begonnen hatte. Als Folge des 2010 eingeführten Anti-Geldwäsche-Gesetzes und den damit verbundenen Kontenkontrollen in der Vatikanbank wurden im Jahr 2013 allein 1.200 Konten geschlossen, anonyme Nummernkonten wurden abgeschafft. Papst Franziskus’ Reformkurs geht noch weiter: Er ist es, der die Neugestaltung der Kirchenspitze durchsetzt und einen Kardinalsrat aus acht Kardinälen zur Reform der römischen Kurie einsetzt. Neben der vatikaneigenen Finanzaufsicht zieht er zum ersten Mal in der Geschichte des Vatikans externe Fachleute zur Kontrolle hinzu: Die europäische Einrichtung MONEYVAL (Expertenausschuss des Europarates für die Bewertung von Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung) soll das Finanzgebaren der Vatikanbank überprüfen und sicherstellen, dass die internationalen Transparenzstandards erfüllt werden.

ARTE: Kann man bislang von weitreichenden Reformen sprechen?

JOHN DICKIE: Dazu ist es noch zu früh. Immerhin hat die Vatikanbank mittlerweile eine Website und einen Jahresbericht veröffentlicht, wie jede andere Bank auch. Doch die Reformen des Papstes haben immer noch viele Gegner, denen sehr unwohl ist bei der Vorstellung vom Ideal einer armen Kirche. Viele Kardinäle fühlen sich in ihrer Würde angegriffen, offenzulegen wie viel Geld sie besitzen und wofür sie es ausgeben. Hier bedarf es eines kompletten Kulturwandels innerhalb der Institution.

ARTE: Gefährdet Papst Franziskus mit seinem Reformkurs sein Leben?

JOHN DICKIE: Ich hoffe nicht. Doch selbst Richter, die Prozesse gegen die italienische Mafia führen, haben mir im privaten Gespräch gesagt: „Wir wollen hoffen, dass sie Papst Franziskus am Leben lassen.“

KRISTIN BARTHOLMEß für das ARTE Magazin

 

ARTE Interview

JOHN DICKIE

Der britische Journalist und Historiker John Dickie, geboren 1963, ist Dozent am University College in London. Er ist Autor u. a. von „Cosa Nostra: Die Geschichte der Mafia“ (2006) und „Omertà: Die ganze Geschichte der Mafia“ (2013)

ARTE Plus

DIE Vatikanbank

Das „Istituto per le Opere di Religione“ – das Institut für die religiösen Werte, kurz IOR, wurde 1942 von Pius XII. (1939 bis 1958) für die weltlich agierenden Orden gegründet. Das Konto Nummer 1 führte der Papst selbst. 2012 belief sich die Zahl der Konten auf 18.900. Die Vatikanbank verwaltet ein Vermögen von etwa 7 Milliarden Euro. 2012 verbuchte das Institut einen Gewinn von 86,6 Millionen Euro, allein 55 Millionen davon gingen an den Heiligen Stuhl

 

 

ARTE Themenabend 

Ein Jahr Papst Franziskus

Di · 18.3.

Aufbruch im Vatikan: Ein Jahr Papst Franziskus

Gesellschaftsdoku · 20.15

Heiliges Geld!

Dokumentarfilm · 21.00

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Kategorien: März 2014