TYPISCH FRANKREICH

Auf ewig rein

 

(c) Drushba Pankow
(c) Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Der Frühjahrsputz hat im März Saison: Blick auf eine französische Wunderwaffe gegen Schmutz.

1958 beschloss Staatspräsident de Gaulle die nukleare Bewaffnung der Streitkräfte. Seither ist Frankreich offiziell eine Atommacht, eine Nation mit „force de frappe“, mit Schlagkraft. Doch wer weiß schon, dass so gut wie jeder Franzose eine ganz andere Waffe im Schrank hat? Und dass sie in so gut wie jedem Haushalt zum Einsatz kommt, in manchem sogar Tag für Tag?

Die Rede ist von Eau de Javel, was erst einmal frisch und lebendig klingt: wie ein Eau de Toilette oder ein „eau de vie“, ein Wasser des Lebens, französischer Schnaps. Doch dieses Wasser hier soll keine Lebensgeister wecken, im Gegenteil. Es ist eine ultimative Chemiekeule, denn es besteht quasi aus Chlor. Eau de Javel, im Deutschen Javelwasser oder Chlorbleichlauge, trägt seinen Namen allein deshalb, weil es 1775 in dem Pariser Viertel Javel erfunden wurde. Es ist das Lieblingsputzmittel der Franzosen, weil es strahlend weiß macht, Badewannen und Spülbecken zum Beispiel, und so wunderbar sauber. Wobei sauber vor allem heißt: frei von den vielen aggressiven, gefährlichen Erregern, die sich im Haushalt tummeln und da weg müssen, unbedingt. Dumm bloß, dass Eau de Javel selbst ziemlich aggressiv und gefährlich ist.

Zu diesem Mittel gibt es lange Listen mit Warnhinweisen. Es schädigt unter anderem Schleimhäute und Atemwege und kann schon in geringen Konzentrationen zu schweren Vergiftungen bis zum Tod führen. Das sind Einwände, die eher Deutsche anführen und Franzosen eher mit einem milden Lächeln vom Tisch wischen würden. Glaubt ihr tatsächlich, würden sie uns Zweiflern entgegnen, dass ihr mit euren Essigreinigern und übrigen Bio-Mittelchen wirklich sauber putzen und dabei auch noch die Welt retten könnt? Und so ätzen Franzosen ihre Haushalte und öffentlichen Einrichtungen weiter klinisch rein, unbekümmert, wie es schon ihre Vorfahren taten. Wem in Frankreich also unverhofft Schwimmbadgeruch ins Riechorgan sticht, weiß: Hier war Eau de Javel am Werk, und das oft bis in die Kühlschränke hinein, wodurch sogar die Lebensmittel schön sauber bleiben. Es gibt auch Leute, die ihren Salat mit dem Wunderwasser säubern: ein, zwei Tropfen, und alles ist propper. Eine Behandlung, die, so heißt es, jede Obst- und Gemüseauslage im Supermarkt verpasst bekommt.

Umweltbewusste, die jetzt mit den Augen rollen, sollten die „force de frappe“ von Javelwasser nicht unterschätzen. Jüngste Studien zeigen, dass es Hautekzeme deutlich mildert. Außerdem verjüngere es die Haut, wenn auch bisher nur bei Mäusen. Und wer weiß? Vielleicht ist das heiß geliebte Eau de Javel der Franzosen eine Wunderwaffe, von deren verborgenen Qualitäten wir heute nicht einmal träumen.

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

Weitere französische und auch deutsche Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

www.arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ aus der ARTE Edition

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Kategorien: März 2014