GESELLSCHAFT

Prinzessin oder Ritterin?

 

(c) ARTE France

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Pädagogik frei von Klischees über Mädchen und Jungen – diesem Motto folgt ein staatlich gefördertes Erziehungskonzept in Schweden. Es wird heiß diskutiert, aber die Klientel steht Schlange. Ein Besuch in Stockholm.

Die Vorschule Nicolaigården liegt mitten in der altehrwürdigen Altstadt Stockholms, einen Steinwurf entfernt von der deutschen Kirche. Durch das eiserne Tor betritt man den Hof mit Holzhaus, Sandkasten und regenbogenfarbenen Balanciersteinen. Die Leiterin der Einrichtung, Lotta Rajalin, erwartet mich an der Tür. „Erst letzte Woche habe ich einen Brief von einem Herrn aus Deutschland erhalten“, sagt sie, als sie hört, dass ich für ein deutsches Magazin arbeite, „darin fordert er mich auf, Jungen Jungen und Mädchen Mädchen sein zu lassen.“ Dazu muss man wissen: Lotta ist zur Zeit so etwas wie die Frontfigur einer geschlechtsneutralen Pädagogik in Schweden. Der Nicolaigården und fünf weitere Kindertagesstätten unter ihrer Leitung sind normkritisch, was heißt: Alle haben den Auftrag, gesellschaftlichen Stereotypen – inklusive männlicher und weiblicher – im Vorschulalltag aktiv entgegenzuwirken. 1998 wurde in Schweden zur Umsetzung des Gleichheitsgesetzes eine Richtlinie erlassen, die Schulen und Vorschulen explizit aufforderte, Gleichstellungsfragen voranzutreiben und traditionellen Geschlechtsmustern aktiv entgegenzuwirken. 2010 gründete Lotta Rajalin zusammen mit drei Mitarbeiterinnen den weltweit ersten Kindergarten namens Egalia mit „Genus-Sensibilität und Gleichstellung als Grundpädagogik“: Das Konzept wurde über die Landesgrenzen hinaus öffentlich diskutiert.

Alle sind wild und schutzbedürftig

„Unsere Sprache und viele Geschichten für Kinder sind voller Klischees, die den Eindruck vermitteln, es gäbe typisch männliche und weibliche Berufe, Rollen, Wesenseigenschaften“, erklärt Lotta. „Wir wollen aber, dass Kinder alle Möglichkeiten haben – und nicht nur jeweils eine Hälfte.“ Hinzu komme, dass Erwachsene Mädchen und Jungen, bewusst oder unbewusst, noch immer unterschiedlich behandelten: „Zwar dürfen Mädchen heute wilder sein, aber auch nicht zu wild. Und natürlich dürfen auch Jungen heute weinen, aber eben auch nicht zu viel.“ Gleichberechtigung heißt für Lotta, allen die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, alle gleichermaßen zurechtzuweisen, zu loben oder zu trösten, dieselben Spiel- und Lernangebote zu machen. Es gehe nicht darum, die Kinder in ihrem geschlechtsspezifischen Verhalten zu beeinflussen oder sie zu verbessern, wenn sie zum Beispiel „Müllmann“ sagen oder „Fräulein“ zum Vorschulpersonal. „Nicht die Kinder müssen sich ändern, sondern wir selbst.“ Die Erwachsenen sollen ihre Sprache auf den Prüfstand stellen und darauf achten, wie sie Mädchen und Jungen begegnen.

Kivi und Monsterhund

Dafür gibt es in den Einrichtungen eine Checkliste: Statt „Jungen und Mädchen“ sagt man „Freunde“, die Kinder werden statt mit „sie“ und „er“ mit dem Vornamen benannt, Kommentare über Kleidung und Aussehen sollen möglichst vermieden werden. Auch das geschlechtsneutrale Personalpronomen „hen“ gehört zum Programm – es ist ein Kunstwort, ein Kompromiss zwischen dem männlichen „han“ (er) und dem weiblichen „hon“ (sie), das inzwischen immer häufiger in der schwedischen Sprache auftaucht. Lotta zeigt mir die Bibliothek. Hier sucht man vergeblich nach stereotypen Bilderbüchern mit mutigen Rittern oder schutzbedürftigen Prinzessinnen. Stattdessen gibt es andere bunte Geschichten, darunter viele über alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Eltern. Auch „Kivi & Monsterhund“ steht mit im Regal, bekannt als Schwedens erstes „Hen-Buch“ für Kinder. Darin verzichtet man darauf, den Figuren ein Geschlecht zuzuordnen. Sowohl Kivi als auch Monsterhund könnten männlich, weiblich oder intersexuell sein.

Gleiche Macht für alle

„Mit dem Spielzeug vermischt sich auch das Spiel“, sagt Lotta, als wir durch das Gebäude gehen, in dem es weder die sonst typischen Jungen- noch Mädchenzonen gibt: Im Puppenhaus wohnt ein Dinosaurier, im Herd parken Autos, an der Wand hängt eine Regenbogenfahne und auf einem hellgrünen Sofa sitzen nackte Stoffpuppen – die keine Geschlechtsorgane haben. Oben im ersten Stock spielt Erzieherin Helena mit sieben Fünfjährigen Theater, sie tanzen mit bunten Tüchern. Später wird gezaubert. Albert verwandelt die Gruppe in brummende Autos. My versucht es mit Prinzessinnen. Die drei Jungen verdrehen die Augen und fügen sich nur widerwillig. Helena lächelt. „So ist eben das Leben“, sagt sie später. Wichtig sei, dass alle Kinder den gleichen Raum bekämen: „Jeder darf mal den Zauberstab in der Hand halten. Gleiche Macht für alle.“ Für viele moderne Eltern, besonders in Großstädten, ist eine gewisse Genus-Ausrichtung der Vorschulen wünschenswert. Das beweisen nicht zuletzt die überdurchschnittlich langen Wartelisten für diese Einrichtungen.

Umstrittenes Modell

Beim Stockholmer Kindergarten Egalia ist das „Hen“ die Regel. Die Pädagogen verwenden es konsequent – in Geschichten und Liedern wird das Pronomen einfach ausgetauscht. Das fällt auch deshalb relativ leicht, weil es für Dinge und Tiere im Schwedischen keine maskuline oder feminine Form gibt und selbst Berufsbezeichnungen in der Regel genusneutral sind. Ein „bagare“ kann zum Beispiel Bäckerin und Bäcker sein. Nicolaigården-Mitarbeiterin Helena tut sich mit dem „hen“ aber schwer und bleibt lieber beim „hon“ und „han“. „Das steht uns Pädagogen frei. Mir persönlich wäre das „hen“ ein bisschen zu viel.“ Hier spricht sie nicht nur für sich. Zwar ist Gleichberechtigung seit jeher in Schweden ein wichtiges Thema – das Land ist ja nicht umsonst für seine Progressivität bekannt, wenn es etwa um Elternzeit oder die Berufstätigkeit von Frauen geht. Aber eine Geschlechterneutralität, und sei es auch nur sprachlich, befremdet viele.

Auch bei Experten ist der Ansatz der geschlechtsneutralen Pädagogik umstritten: „Durch diese Fokussierung bekommt das Thema Geschlecht eine Relevanz, die nicht alterstypisch für die Bewertungen und Handlungen der Kinder ist“, sagt der Erziehungspsychologe Peter Zimmermann 2012 in einem Artikel in der „Zeit“, und die schwedische Soziologin Elise Claeson meint, das Schaffen eines dritten, neutralen Geschlechts sei verwirrend für Kinder: „Erwachsene sollten auf diese Weise nicht in das Entdecken von Geschlecht und Sexualität eingreifen.“ Lotta Rajalin nimmt die Kritik gelassen: „Mädchen wissen, dass sie Mädchen sind. Und Jungen, dass sie Jungen sind. Daran können und wollen wir gar nichts ändern.“ Man müsse eben unterscheiden zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht. Lottas Pädagogik zielt auf Letzteres. Zugunsten einer größeren Vielfalt. 

Philipp Olsmeyer für das ARTE Magazin

 

Philipp Olsmeyer ist Redakteur beim Skandinavienmagazin „Norr“ in Stockholm

 

ARTE Plus

Buch-Tipps

Annette Pruschko: „Gender Mainstreaming in der Kindertagesstätte: Eine kritische Analyse“ (Grin Verlag 2013);

 Michael Mühlbauer: „Doing Gender in der Schule. Die soziale Konstruktion von Geschlecht in der Schule anhand zweier Studien“,(darunter das schwedische, im Artikel beschriebene Modell, Amn. d. Red.) (Grin Verlag 2013);

Cordelia Fine: „Die Geschlechterlüge: Die Macht der Vorurteile über Mann und Frau“ (Klett-Cotta, 2012);

Michael Matzner, Wolfgang Tischner (Hrsg.): „Handbuch Jungen-Pädagogik“ (Beltz 2012);

Michael Matzner, Irit Wyrobnik (Hrsg.): „Handbuch Mädchen-Pädagogik“ (Beltz 2010);

Lise Eliot, Christoph Trunk: „Wie verschieden sind sie?

Die Gehirnentwicklung bei Mädchen und Jungen“ (Berlin Verlag 2010)

 

ARTE Gesellschaftsdokumentation 

Das neutrale Geschlecht – Neue Erziehungsmethoden in Schweden

 Fr · 7.2. · 22.30 

Mehr Informationen zur Ausstrahlung unter

www.arte.tv/geschlechtsneutrale-erziehung

 

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Kategorien: Februar 2014