TYPISCH FRANKREICH
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Im Namen der Armen

(c) Drushba Pankow

(c) Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Im Februar: Vor 60 Jahren sprach ein Kapuzinermönch im Radio – und wurde zur Legende.

Im Winter, wenn wir auf dem Sofa sitzen, weil draußen der Tag schon wieder zu Ende ist, schweift der Blick durch die Wohnung und all der Plunder, mit dem wir uns das ganze Jahr umgeben, drängt sich groß ins Bild. Flohmarkt oder Rotes Kreuz, fragen wir uns. Emmaüs, denken viele Franzosen und spenden ihren überflüssigen Hausrat der großen Hilfsorganisation – oder lassen sperrige Teile direkt mit dem Emmaüs-Lastwagen zu Hause abholen. Am Steuer sitzt nicht selten ein Mensch, dem ein paar Zähne fehlen. Denn Emmaüs gibt Obdachlosen Arbeit – unter anderem.

Franzosen schätzen Emmaüs sehr, auch weil der Gründer eine Lichtgestalt ist. Henri Grouès, 1912 geboren, war Kapuzinermönch und schmuggelte in der Résistance unter dem Decknamen „Abbé Pierre“ Juden über die Alpen, bevor er mit einer Rede berühmt wurde: Am 1. Februar 1954, als das Land in einem der härtesten Winter unter Dauerfrost litt und zitterte, griff der Abbé zum Mikrofon. „Mes amis, au secours“, „Meine Freunde, zu Hilfe“, begann er seine empörte Ansprache auf Radio Luxemburg. „Heute Nacht um drei ist eine Frau erfroren, auf dem Boulevard Sébastopol. An sich gedrückt hielt sie den Bescheid, mit dem man sie aus der Wohnung geworfen hatte“. 2.000 Menschen seien jede Nacht da draußen, fuhr er fort und appellierte an die Hilfsbereitschaft der Franzosen.

Frankreich half, mit Sachspenden und 500 Millionen Francs. Zehn Milliarden bewilligte das Parlament für Notunterkünfte. Der Appell führte zu einem „Aufstand der Barmherzigkeit“, wie die Presse schrieb, und später auch zu einem Gesetz, das verbietet, Menschen im Winter die Wohnung zu kündigen. Den Abbé machte der Aufruf zu einer Art männlichen Mutter Teresa: zu Frankreichs „Vater der Armen“. Jedes Kind kennt den streitlustigen Pater mit der flatternden Soutane, der die Medien zu nutzen wusste, Kirchenobere und Minister provozierte und den Rechtsextremen Le Pen derbe beleidigte. Noch mit 91 führte er das Ranking der 50 populärsten Franzosen an und kein Geringerer als der Intellektuelle Roland Barthes erklärte den Mythos des Abbés mit seinem „schönen Kopf, der alle Zeichen des Apostolats trägt: der warme Blick, der franziskanische Haarschnitt, der Missionsbart“.

Der Pater sagte über sich, er habe Ohren wie Kohlblätter. Er starb 2007, doch in Frankreich ist er unsterblich: Er gab der Wohltätigkeit seinen Namen und schenkte den Franzosen Emmaüs-Verkaufsstellen im ganzen Land. Es ist fast schick geworden, am Samstag, dem Verkaufstag, zu Emmaüs zu pilgern. Hier gibt es alles zu kaufen, vom Trödel über Kinderklamotten bis hin zum Champagnerglas – gegen sehr kleines Geld und das ganz große Gefühl, etwas Gutes zu tun.

 

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

Weitere französische und auch deutsche

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www.arte.tv/karambolage

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Kategorien: Februar 2014