STUMMFILM

Die Rückkehr des Dr. Caligari

(c) Friedrich-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

(c) Friedrich-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

 

Expressionistisches Meisterwerk: „Das Cabinet des Dr. Caligari“ wird bei der Berlinale erstmals in perfekter Digitalrestaurierung und mit neuer Musik uraufgeführt. Einblick in die Arbeit der Murnau-Stiftung und des Restaurierungslabors L’Immagine Ritrovata.

Ein seltsam dürrer Mann schleicht des Nachts in ein Zimmer. Ganz in Schwarz, den Dolch in der Hand, nähert er sich der Frau auf dem Bett. Ihre Schönheit scheint ihn zu bezaubern. Er zögert, lässt das Messer sinken. Jetzt legt er ihr seine spinnen-gliedrige Hand auf – die Frau erwacht. In Panik versucht sie, sich zu befreien, aber der Unhold hat sie gepackt und – plötzlich wird die Szene gestoppt.

„Da war’s, haben Sie es gesehen?“, fragt Anke Wilkening, die den Film angehalten hat. Was gesehen? Wilkening lässt die Sequenz erneut ansetzen, und tatsächlich: da, in der schnellen Bewegung, mit der Cesare die zappelnde Jane vom Bett wuchtet, ein winziger Hüpfer, für das ungeübte Auge kaum erkennbar. Anke Wilkening macht Jagd auf solche mikroskopisch kleinen Fehler, die Filmwissenschaftlerin arbeitet als Restauratorin bei der Murnau-Stiftung mit Sitz in Wiesbaden. Hier wird nicht nur das deutsche Filmerbe von 1895 bis 1960 verwaltet, sondern auch über 6.000 Filme archiviert und die bedeutendsten rekonstruiert. Seit über einem Jahr arbeitet Wilkening nun daran, einen der vielen kostbaren Stummfilmklassiker aus den Tiefen der Vergangenheit zu bergen: „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920). In dem Thriller erzählt der Held rückblickend vom Gaukler Caligari, der eines Tages auftaucht und ein bizarres Objekt ausstellt: den Schlafwandler Cesare. Nur Caligari kann ihn erwecken, und Cesare kann die Zukunft vorhersagen. Was er prophezeit, tritt ein, und sei es der Tod. Am Ende entpuppt sich Caligari als Direktor einer Irrenanstalt … oder doch nicht?

Horror neu erfunden. Gedreht wurde der Film 1919 von Regisseur Robert Wiene, für die Handlung hatten sich die Drehbuchautoren Carl Meyer und Hans Janowitz von einem realen Kriminalfall inspirieren lassen. Doch nicht nur der ausgefallene Plot machte den Film zu einem Pionierstück des Horror-Genres und einem Meilenstein der Kinogeschichte. Auch das, was man heute Marketing nennen würde, war bahnbrechend. Bevor der Film in den Lichtspielhäusern gezeigt wurde, tauchten in Berlin rätselhafte Plakate mit dem Satz „Du musst Caligari werden!“ auf – ohne weitere Erklärung – und sorgten für Aufsehen. Heute fallen vor allem die Kulissen von Szenenbildner Hermann Warm ins Auge. Angelehnt an die damals populäre Kunstrichtung des Expressionismus wirken seine Hintergründe albtraumhaft und dreidimensional. Kritiker gingen sogar so weit, die Darsteller an den Kulissen zu messen und nur Werner Krauß als Caligari und Conrad Veidt als Cesare zuzugestehen, der expressionistischen Atmosphäre des Films mit ihrem Spiel gerecht geworden zu sein. Hinzu kommen heute fast vergessene Farbnuancen, denn der „schwarz-weiße“ Stummfilm wurde genau genommen nie schwarz-weiß ausgestrahlt: Nachtszenen wurden mit dunklen Blau-, geschlossene Räume mit Brauntönen suggeriert. Die betreffenden Abschnitte der Filmrolle wurden dafür durch ein Farbbad gezogen oder chemisch so manipuliert, dass eine Einstellung zwei Farben haben konnte.

 

(c) 2013 Collection Cinémathèque Suisse

(c) 2013 Collection Cinémathèque Suisse

Schleichender Zerfall. Zurück in der Murnau-Stiftung, wo sich Anke Wilkening in einem Wettlauf gegen die Zeit befindet: Das Material, auf dem damals gedreht wurde, löst sich nach etwa 100 Jahren unwiederbringlich auf. Wenn nicht schnell gehandelt wird, muss in den kommenden Jahren mit dem Verlust eines großen Teils des deutschen Filmerbes gerechnet werden. Seit circa 1975 werden alte Filmklassiker vermehrt restauriert, seit etwa zehn Jahren vorwiegend mithilfe hochmoderner Digitaltechnik. So profitierten unter anderem Fritz Langs „Metropolis“ (1927) und „Die Nibelungen“ (1924) und nun auch „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von der elektronischen Bildbearbeitung. Da deutsche „Caligari“-Kopien verschollen waren, stützten sich alle drei bisherigen Rekonstruktionen auf Kopien, die für das Ausland gemacht worden waren. „Mit der neuen Digitaltechnologie“, sagt Wilkening, „war es auch möglich, erstmals auf das schadhafte Originalnegativ aus dem Bundesarchiv-Filmarchiv in Berlin zurückzugreifen“. Zum Abgleich hat Wilkening Exportkopien aus Uruguay oder den USA verwendet. Eine Puzzle-Arbeit, unterscheiden sich die Versionen doch in Länge, Schnitt, Kontrast oder Bildfolge teilweise erheblich voneinander.

Nicht nur teilweise, sondern komplett verschollen ist die „künstlerische Musikillustration des Lichtbildes“ von Kinokapellmeister Giuseppe Becce, heute schlicht Filmmusik genannt. Daher hat die ARTE/ZDF-Filmredaktion den Jazz-Avantgardisten John Zorn mit einer neuen Musik beauftragt. Diese wird er am 9. Februar bei der Premiere der restaurierten Filmfassung in der Berliner Philharmonie während der diesjährigen Berlinale vorstellen. Der Live-Mittschnitt der Musik wird zusammen mit dem restaurierten Film am 12. Februar auf ARTE ausgestrahlt.

Aufpolierte Meisterwerke. Bis dahin gab es viel zu tun, vor allem in Italien. Beim Dienstleister L’Immagine Ritrovata in Bologna geschieht die konkrete Restauration: „Das sind Spezialisten“, sagt Wilkening, „sie haben schon viele Klebestellen im Filmmaterial analysiert und können unterscheiden, ob die aus den 1920ern oder den 30ern stammen.“ Auch die originalen Zwischentitel, die nur als einzelne Bilder überliefert sind, wurden digital verlängert und mit echter Körnung unterlegt. Was die Werkstätten der Beteiligten verlässt, dem bereiten die Verantwortlichen gerne die ganz große Bühne, oft in enger Kooperation mit ZDF und ARTE. Zu sehen sind die aufpolierten Meisterwerke dann auf einmaligen Veranstaltungen vor dem Brandenburger Tor in Berlin (2010), dem Théâtre du Châtelet in Paris (2013) – oder seit 1995 bei ARTE, der in Kooperation mit dem ZDF der einzige Sender ist, auf demdie Urzeit der Filmära noch regelmäßig gefeiert wird.

Bei L’Immagine Ritrovata wurde auch die Szene repariert, in der Cesare sein Opfer aus dem Bett holt: Die fehlenden Bilder mussten aus einer Kopie digital ausgeschnitten und eingepasst werden. Am Ende ruckelt nichts mehr. Der Bösewicht entführt Jane mit einer fließenden Bewegung. Sie müsse aufpassen, meint Wilkening, dass das Ergebnis „nicht besser wird als das Original.“ Versprechen kann sie aber: „So gut werden wir ‚Das Cabinet des Dr. Caligari‘ noch nie gesehen haben.“

Arno Frank für das ARTE Magazin

 

ARTE Event

Caligari

Mi · 12.2.

Caligari – Wie der Horror ins Kino kam · Kulturdoku · 22.05

Das Cabinet des Dr. Caligari · Stummfilm · 23.00

Im Rahmen des Schwerpunkts Berlinale vom 5.2. bis 19.2.

mit zwölf Filmen, drei Dokumentationen

und einem KurzSchluss- und ARTE-Lounge-Spezial.

Mehr zu „Caligari“ ab 12.2. unter www.arte.tv/caligari

 

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Kategorien: Februar 2014