MUSIK

Vom Montmartre zum Mont Blanc

(c) Jonas Jaeggi

(c) Jonas Jaeggi

 

Ein Konzert in Schnee und Eis, auf 4.810 Metern Höhe: Die französische Sängerin ZAZ bezwang den Mont Blanc und setzte ihren Hit „Je veux“ (Ich will) in die Tat um. Ein Interview über scheinbare Geborgenheit, dünne Luft und das Wesentliche im Leben.

Dass Casting-Shows durchaus Gutes hervorbringen können, bewies Isabelle Geoffroy alias ZAZ 2009: Bei dem Wettbewerb eines französischen Radiosenders sang die Straßenmusikerin ihre Konkurrenz in Grund und Boden. Von da an ging es steil bergauf: Mit ihrem Debütalbum „Zaz“ und dem Hit „Je veux“ wurde die Sängerin auch in Deutschland schnell zum Chanson-Star. Steil bergauf ging es für ZAZ auch Ende 2012: Gemeinsam mit ihrer Band bestieg sie in einer fünftägigen Expedition den Mont Blanc – um dort ein Konzert zu geben. ARTE war bei dem atemberaubenden Abenteuer dabei.

ARTE: Nicht Geld, sondern Liebe und das Herz am rechten Fleck zu haben, würden den Menschen zum Glück führen, so heißt es in „Je veux“. Wie kamen Sie dazu, das Lied auf dem Mont Blanc zu singen?

ZAZ: Die Idee hatte Joachim Hellinger, ein Regisseur von Extremsport-Filmen, mit dem ich befreundet bin. Ich wollte schon immer einmal auf den Mont Blanc: Auf dem Dach Europas „Je veux“ zu singen, das habe ich mir großartig vorgestellt. Das Lied ist eine Hymne an das Leben – und ein Appell für ein Leben, in dem es nicht nur ums Konsumieren geht. Als ich dort oben sang, war es, als würde ich diese Botschaft in die Welt hinausschreien.

ARTE: „Je veux“ scheint ihr Lebensmotto zu sein: Wenn Sie etwas wollen, dann machen Sie es auch …

ZAZ: Ja. Das Lied bedeutet für mich, Ideen trotz der eigenen Ängste durchzusetzen. Wenn man zu sehr in scheinbarer Geborgenheit aufgeht, lebt man nicht wirklich. Leben bedeutet, dass sich alles verändert. Und auch Scheitern gehört dazu.

ARTE: Auf dem Mont Blanc zu scheitern, kann im schlimmsten Fall tödlich sein …

ZAZ: Das hätten wir um ein Haar auch erfahren: Im Juli 2012 sind wir den Berg schon einmal ein Stück weit hinaufgestiegen, um zu testen, wie fit wir nach einem halben Jahr Training sind. Am nächsten Tag rief mich mein Bruder an und fragte panisch: „Isa, geht’s dir gut?“ Am Mont Blanc waren neun Menschen unter einer Lawine begraben worden.

(c) Joachim Hellinger

(c) Joachim Hellinger

 

ARTE: Haben Sie sich nicht spätestens da nach etwas mehr Sicherheit gesehnt?

ZAZ: Ja, das war ein Schock. Wären wir ein bisschen höher gestiegen, hätte es uns wohl erwischt. Wir haben daraufhin alles abgesagt. Einen ganzen Monat lang habe ich mit mir gerungen, doch schließlich rafften wir uns wieder auf: Wir hatten trainiert, wir hatten Energie in das Projekt hineingesteckt. Wir wollten uns das nicht von der Angst kaputt machen lassen.

ARTE: Gab es unterwegs Momente, in denen Sie noch einmal ans Aufgeben dachten?

ZAZ: Nein. Obwohl die Bedingungen nicht ideal waren: Dadurch, dass wir das Projekt schon abgesagt hatten, konnten wir nicht wie geplant im August hinaufsteigen, sondern erst im September. Die Hütten auf den Wegen waren nicht geöffnet, wir mussten unsere Verpflegung selbst tragen. Die Toiletten waren geschlossen, wir gingen stattdessen in den Schnee – 20 Männer und ich! Dann ging uns das Wasser aus und wir schmolzen Eis, um etwas zum Trinken zu haben.

ARTE: Was haben diese Grenzerfahrungen wie Angst, Hunger und Kälte mit Ihnen gemacht?

ZAZ: Es wird einem klar, dass es da oben wirklich nur um das Wesentliche geht: Atmen, Essen, auf seine Mitmenschen aufpassen, einen Fuß vor den anderen setzen, die Gefahr im Auge behalten.

ARTE: Wie war es, auf dem Gipfel zu singen, wo man wegen der dünnen Luft schlecht atmen kann?

ZAZ: Das war wirklich schwierig. Man will aus vollem Hals singen, aber es fehlt einem einfach die Luft. Ein unbefriedigendes Gefühl. Aber die Umstände machten das wieder wett. Die Schönheit der Natur ist einfach überwältigend!

ARTE: Welcher Berg war für Sie die größere Herausforderung: der Mont Blanc oder der Montmartre, wo ihre Karriere als Straßenmusikerin begann?

ZAZ: Der Montmartre war eine schöne, wichtige Erfahrung, der Mont Blanc eine Herausforderung, fast eine Bedrohung. Letztlich hat mich beides bereichert. Anstrengender als Bergsteigen ist aber der Umstand, berühmt und ständig in den Medien zu sein; gemocht zu werden, aber auch verachtet. Als ich noch auf der Straße sang, ging es dem Publikum nur um die Musik. So ein Erlebnis hatten wir kürzlich wieder in London. Wir haben dort auf der Straße gespielt und die Leute blieben stehen, obwohl mich in England kaum einer kennt. Da war es ganz kurz wieder so wie früher am Montmartre.

Ferdinand Otto für das ARTE Magazin

Das Interview führte Ferdinand Otto. Der 24-Jährige lernt seit einem Jahr an der Deutschen Journalistenschule. Vorher studierte er Politikwissenschaften an der LMU München

 

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Kurzbiografie

ZAZ, geboren am 1. Mai 1980 als Isabelle Geoffroy, lernte am Konservatorium in Tours unter anderem Geige und Klavier. 2000 gewann sie ein Stipendium, das ihr ein Studium an der Musikschule in Bordeaux (CIAM) ermöglichte. 2009 gelang ihr in einer Casting-Show des Radiosenders France Bleu der musikalische Durchbruch. Momentan ist ZAZ mit ihrem neuen Album „Recto Verso“ auf Tour, am 7. Mai 2014 auch mit einem Konzert in Frankfurt am Main

Diskografie

„Recto Verso“ (Sony Music Entertainment, 2013), „Sans Tsu Tsou“ (Play on, 2011),

„Zaz“ (Play on, 2010), „Like an Animal“ (BTM records, 2008)

(Auswahl)

ARTE Musikdoku

ZAZ – Die Geschichte eines außergewöhnlichen Aufstiegs

Sa · 18.1. · 23.30

Konzert im Anschluss

Sehen Sie auch ein weiteres Konzert von ZAZ
vom Oktober aus Basel auf www.arte.tv/zaz

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Kategorien: Januar 2014