JUBILÄUM

Ein Heft lernt laufen – Die Chronik

Chronik

Auf dem Cover der Erstausgabe 1/1994: Der Schaupieler Nizamettin Aric, der
im ersten kurdisch-sprachigen Film „Ein Lied für Beko“ aus dem Jahr 1992 die Hauptrolle spielte.

Vom schwarz-weißen Programmheft zum etablierten Kulturmagazin:
Das ARTE Magazin ist in 20 Jahren nicht nur umfangreicher, sondern kreativer geworden. Während die Anfänge von viel Improvisation geprägt waren, blieb die Leidenschaft bis heute die gleiche – der Rückblick auf ein Heft, das
ohne die entscheidende Starthilfe seiner Leser vielleicht nie entstanden wäre.

Das ARTE Magazin war zunächst eine wahre Wundertüte: Da tauchten erste Rubriken auf und verschwanden wieder, gab es vereinzelt Zuschauerbriefe, selten Interviews, gelegentlich Gewinnspiele. Die ersten Hefte, schlank noch aber schwer an schwarz-weißen Textwüsten tragend, waren genauso wie die Anfänge von ARTE von der Suche nach der idealen Form geprägt. Einzig beständig war das Programm im Magazin. Das war immer da, ob in schwarz-weiß, in eigenwilligem Sepiagelb oder in schrillen Farben gehalten. Dass aus dem Gratis-Programmheft ein Kulturmagazin werden würde, das heute über 92.000 Abonnenten hat und jeden Monat von mehr als 600.000 Menschen gelesen wird, hätte im Januar 1994 noch niemand geglaubt.

Zwölftonmusik zur besten Sendezeit

Am Anfang von allem standen – die ARTE-Zuschauer. Die hatten den deutsch-französischen Sender, der am 30. Mai 1992 zum ersten Mal auf Sendung ging, entdeckt, und wollten mehr über ihn wissen. Es war eine Zeit, in der Programmzeitschriften, wenn überhaupt, dann wenig über die Programme von ARTE berichteten. Die Zuschauer verlangten mehr Informationen über das Programm und wollten wissen, ob tatsächlich Ballett und Zwölftonmusik zur besten Sendezeit ausgestrahlt würden. „Die beste Antwort auf diese und die vielen anderen Fragen war eine eigene Programmzeitschrift“, sagt Paulus G. Wunsch, Leiter des Marketings bei ARTE und erster Chefredakteur des Magazins, im Rückblick. Gesagt, getan. So entstand ein Programmheft, um diesen deutsch-französischen Paradiesvogel unter den Fernsehsendern dem breiten Publikum zugänglich zu machen – und zu zeigen, dass ARTE Programm für jedermann sendete.

Bald hatte das Magazin einen ersten festen Bezieherkreis, die ARTE-Fans waren angetan. Als der Sender sein noch junges Heft zum ersten Mal on air bewirbt, explodieren die Anfragen. Schnell wird klar: Das Magazin droht Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden. Um es zunächst weiterhin kostenlos anbieten zu können, folgten zwischen den Jahren 1996 und 2000 verschiedene Sparanstrengungen: mal wurde die Papierqualität reduziert, mal die Seitenzahl verringert, mal Rubriken gestrichen. Die Leserzahlen stiegen dennoch unverdrossen an, 1998 erreichte das Magazin schon 250.000 Leser pro Monat.

Zwergenaufstand

Mit welchem engagierten Publikum es die Redaktion zu tun hatte, wurde im Oktober 1997 deutlich. Als ARTE den damals als „Lustspiel-Hit“ betitelten Film „Nach fünf im Urwald“ mit Shootingstar Franka Potente zeigt, ist auf dem Cover des Magazins das Originalplakat abgebildet – auf dem ein Zwerg mit Joint zu sehen ist. Es wird der erste kleine Skandal des jungen Hefts, Ende der 90er Jahre scheint das Motiv in den Augen vieler Leser den Drogenkonsum zu verherrlichen.

Im Oktober 1997 die erste große Debatte: ein kiffender Zwerg sorgt für Aufregung beim Leser

Im Oktober 1997 die erste große Debatte: Ein kiffender Zwerg sorgt für Aufregung beim Leser

Doch die Wogen glätten sich, die Nachfrage steigt weiter, und um die Jahrtausendwende macht das Magazin den nächsten großen Schritt: Ab Mai 2000 wird das Heft moderner und überall zieht Farbe ein, die früher nur dem Cover und den Umschlagseiten vorbehalten war. Noch mehr ARTE-Inhalte gibt es nun auch in einem zusätzlichen redaktionellen Teil, der in Interviews, Reportagen und Hintergrundartikeln das ARTE-Programm präsentiert. Dafür waren die Zuschauer dann auch bereit, einen Beitrag zu leisten und das Magazin zu abonnieren.

Von Sexmuffeln und Jogginghosen

Bis das Magazin zu seinem heutigen Namen kam, dauerte es noch eine Weile. Zu Anfang hieß es in großer Schlichtheit nach dem jeweiligen Monat, 1997 folgte „ARTE Monatsheft“, 1998 „ARTE TV Magazin“ bis im April 2004 mit „ARTE Magazin“ der heutige Name geboren wurde – der in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiern wird. Simone Jost-Westendorf, Chefredakteurin damals, erinnert sich noch genau an diese Ausgabe, die nicht nur mit neuen Rubriken und einem komplett überarbeiteten Layout aufwartete, sondern vor allem eine andere Covergestaltung hatte:„Ein Leser bezeichnete die Ausgabe als ,Quantensprung‘ und wir haben viel Lob dafür bekommen – auch wenn es ein ziemlicher Kraftakt war.“

April 2004: Magazin und Sender mit schrägem Logo -  das Heft bekommt seinen Namen "ARTE Magazin"

April 2004: Magazin und Sender mit schrägem Logo – das Heft bekommt seinen Namen „ARTE Magazin“

Der hat sich gelohnt, das Magazin bekam 2005 und 2006 den Best of Corporate Publishing Preis in Silber verliehen. Nach ersten ermutigenden Verkaufstests an deutschen Bahnhofsbuchhandlungen war es nur ein kleiner Schritt, bis das ARTE Magazin ab Januar 2007 auch am Kiosk zu kaufen war. „Gedrucktes Fernsehen bietet der Kultursender ARTE an den bundesdeutschen Kiosken feil“, titelte der Branchendienst Kress damals. Für diese besondere Ausgabe wurde auch zum ersten Mal ein eigenes – recht extravagantes – Foto-Shooting mit der Schauspielerin Andrea Sawatzki gemacht.

Was macht die besonderen Momente eines Magazins aus? Zuerst einmal Exklusivität – wie das Gespräch mit Romy-Schneider-Fotograf Robert Lebeck, der nicht nur aus dem Nähkästchen plauderte, sondern dem ARTE Magazin seltene Fotos mit der Ikone zum Abdruck überließ. Aber auch viel diskutierte Cover – wie 2003 Tomi Ungerers zweiter Titel für das Magazin, eine Illustration, die die deutsch-französische Freundschaft als Frauenhintern mit Strapsen darstellte, zusammengehalten nur von einem kleinen Elsässer.

"Kult um den Busen" (2/2011) war eines der erfolgreichsten Cover des Magazins

„Kult um den Busen“ (2/2011) war eines der erfolgreichsten Cover des Magazins

Erfolg darf auch nicht fehlen – wie das Cover zum Thema Busen, mit dem es gelang, erotisch, abernicht vulgär zu sein, und das zu einem der bestverkauften Titel wurde. Und eine dezente Prise Humor – wie in der Artikelüberschrift „Der Sexmuffel“ über die mittlerweile verstorbene Schildkröte Lonesome George auf den Galapagos-Inseln; oder in Karl Lagerfelds Satz „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“ – von wem sonst könnte so eine Wortmeldung stammen.

Ein heimlicher Star

Nicht zu vergessen die Pannen. Die waren manchmal von Umprogrammierungen ausgelöst, die in jedem Fernsehsender unvermeidlich sind. Bestes Beispiel: Im Mai 2004 rutschte der neue Film mit Nina Hoss, „Wolfsburg“, nach Redaktionsschluss ins Juniprogramm – und damit traf es ausgerechnet die Titelgeschichte. Dass der Ethnologe Claude Lévi-Strauss vorzeitig für tot erklärt wurde oder François Mitterrand nicht nur mit einem „r“ zu wenig geschrieben, sondern auch noch um eine Amtszeit als französischer Staatspräsident ärmer wurde, gehört zu den weniger glanzvollen Momenten des Magazins.

Keine Panne, vielmehr eine große Überraschung war für die Redaktion die Entdeckung eines heimlichen Stars im ARTE Magazin, den niemand erkannt hatte. Unscheinbar kam er als bilderarme Textwüste daher, weswegen der Filmfinder im Oktober 2012 achtlos, ja: stiefmütterlich, in den Ruhestand geschickt wurde. Sein Verschwinden löste den wohl größten Empörungssturm in der Geschichte des Magazins aus – inklusive einiger Kündigungsdrohungen –, worauf er zwei Monate später wieder ins Heft kam. Und da darf er sicher auch noch die nächsten 20 Jahre bleiben.

Mit der ersten französischen Chefredakteurin kam 2009 definitiv die binationale Seele des Senders in der Redaktion des ARTE Magazins an. Der kreative Sprachmix, der bei ARTE seit jeher gepflegt wird, ist mit Sätzen wie „Quel est le ,Ansatz‘ de cet article?“ heute auch im Redaktionsalltag fest integriert. „Am Anfang war es eine echte Herausforderung für mich, als Französin ein deutsches Magazin zu leiten“, erinnert sich Claire Isambert an ihre ersten Monate. Warum die Deutschen Tränen lachten über Helge Schneider oder so jeck beim Thema Karneval wurden – mit solchen Fragen hielt die Französin ihren Kolleginnen den Spiegel vor und schärfte die Sicht auf die eigene Identität. In jedem Fall zog ins ARTE Magazin ein bisschen „Karambolage“ ein.

Binational und bimedial

Heute ist ARTE nicht nur binational, sondern auch bimedial: es geht um Programme, egal ob sie am Fernsehgerät oder über Computer und Smartphone konsumiert werden. Das gilt auch für das Magazin, das seit 2013 als E-Paper zu lesen ist – und das ab dieser Ausgabe zusätzliche mobile Inhalte anbietet wie zum Beispiel Trailer und eine Kalender-funktion. Also bleibt auch in Zukunft alles – eine Wundertüte.

 

Diana Aust für das ARTE Magazin

 

Grußworte ehemaliger ARTE-(Vize-)Präsidenten:

Jobst Plog

ARTE-Präsident (1999-2002)

„Es war durchaus mutig, dass gleich zu Beginn meiner Amtszeit als ARTE-Präsident-Präsident 1999 gegründete ARTE-Magazin schon ein Jahr später auf ein kostenpflichtigen Bezug umgestellt haben, um es dadurch langfristig zu erhalten. Das hatte noch kein anderrer Sender zuvor geschafft. Wir wußten aber immer, dass wir mutiger sein konnten als andere. Die Zuschauerinnen und Zuschauer von ARTE haben eine viel engere Bindung zu ihrem Sender als andere. Sie wissen, dass sie ein anderes, ein besonderes Programm sehen und erhalten wollen. Außerdem hatte ARTE schon damals und noch immer eine professionelle Mannschaft für das ARTE Magazin, die sehr nahe an diesen und für diese ARTE-Zuschauer gearbeitet hat. Meine sehr herzlichen Glückwünsche zum 20. Gburtstag. ZUND: Macht weiter so, dann werdet ihr so alt wie ich inzwischen schon bin!“

Jérôme Clément

ARTE-Präsident (1991-1998 und 2003-2006)

ARTE-Vize-Präsident (1999-2002 und 2007-2010)

„Quelle extraordinaire aventure que ce magazine d’ARTE! Qui eut cru,il y a vingt ans, que ce petit aide mémoire des programmes deviendrait un grand journal tenant une place essentielle dans la vie culturelle de l’Allemagne! C’est le mérite des équipes qui l’ont créé à partir de rien, mais aussi la reconnaissance de la qualité de programmes de télévision d’une Chaîne si originale sur laquelle des journalistes de talent ont envie d’écrire pour un public de plus en plus large. Longue vie et bonne chance pour les 20 prochaines années.“

„Was für ein Abenteuer, das ARTE Magazin. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass diese einst kleine Erinnerungsstütze für das ARTE Programm einmal ein so großartiges Magazin werden würde, das einen wichtigen Stellenwert im kulturellen Leben Deutschlands einnehmen würde. Einer Truppe von engagierten Menschen ist es zu verdanken, dass das Magazin aus dem Nichts heraus geschaffen wurde. Es entstand aber auch durch die Anerkennung der Qualität des Programms eines so neuartigen Fernsehsenders, über den talentierte Journalisten schreiben wollen – für ein immer größer werdendes Publikum. Auf ein langes Leben – viel Glück für die nächsten 20 Jahre!“

Jörg Rüggeberg

ARTE-Vize-Präsident (1995-1998)

„Wer sonst an Wunder nicht glauben mag, kann bei ARTE den Zweifel lernen, ob es nicht doch welche gibt! Dass ARTE seinen Charakter nie verbogen und seine Klasse schon so lange erhalten hat, ist so ein Wunder. Das ARTE Magazin ist nun ein adäquater Teil davon, konnte es aber erst in mühevollen Teilschritten werden. In meinen Jahren als Vorstandsmitglied war selbst die bescheidene, bilderlose, einfachst erstellte, an verspäteten Inhaltszulieferungen leidende Monatsschrift,  ein Stück Eigenleben und Eigenwerbung, wie es für andere TV-Programme nicht existierte, und das deshalb in den deutschen ARTE-Kontrollgremien beargwöhnt und als ein unnützer Kostenfaktor teilweise bekämpft wurde. An die entsprechenden Debatten denke ich ungern. Sie sind nun auch überholt.  „Manche Wunder dauern etwas länger“, sagt man ja sprichwörtlich, und hier trifft das augenfällig zu. Die Zeitschrift ist in ihrer graphischen Gestalt und der Komposition der Inhalte nun schon viele Jahre ein reines Vergnügen. Eine Qualität, die dem Programm entspricht. So kann sie bleiben, auch wenn inzwischen das Internet als Last und Lust einer weiteren Informationsquelle hinzugetreten ist.“

Dietrich Schwarzkopf

ARTE-Vize-Präsident (1991-1994)

„ARTE hat eine große Zahl von Freunden. Man begegnet ihnen so häufig, dass man den Eindruck gewinnen könnte, ARTE habe mehr Freunde als Zuschauer. Wenn dies so wäre, dann zeigte es, wie sehr ARTE im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert ist. Daraus, dass ARTE derzeit die höchste Reichweite seit seiner Gründung 1992 hat, ist zu schließen, dass Freunde vermehrt auch Zuschauer werden. Das ARTE Magazin wendet sich an gegenwärtige und zukünftige Zuschauer sowie an einen darüber hinaus reichenden Kreis von Interessenten. Ihnen allen zeigt das Magazin, wie sehr es sich lohnt, die wachsende Vielfalt des ARTE-Programms zu nutzen. Zum Magazin-Geburtstag gratulieren ich herzlich.“

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Kategorien: Januar 2014