GESELLSCHAFT

Die nackte Ikone

 

(c) Single Spark Pictures

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Sie war das Erotikmodel der 1950er Jahre und verschwand plötzlich von der Bildfläche.
Doch bis
heute gilt Bettie Page als Wegbereiterin der sexuellen Revolution. In einem neuen Porträt bei ARTE spricht sie erstmals offen über ihren Aufstieg und Fall.

 Bettie Page war oft nackt, aber mit dem Auspacken wartete sie bis ins hohe Alter. Erst mit über 70 sprach sie mit US-Dokumentarfilmer Mark Mori über ihr Leben und ihre beispiellose Karriere als das Pin-up-Girl Amerikas. Sie wurde Kult – und ist es bis heute. 1996 und 1999, etwa zehn Jahre vor Pages Tod, traf Mori die publikumsscheue Ikone zu Interviews. In seinem Porträt „Bettie Page Reveals All“, das 2013 in den USA uraufgeführt wurde und das ARTE nun unter dem Titel „Bettie Page – Godmother of Striptease“ in Erstausstrahlung zeigt, schildert Page erstmals ihren Aufstieg zur Erotiklegende sowie ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit und die langen Jahre in der Psychiatrie.

„Alle sagten, ich habe die sexuelle Revolution ausgelöst. Dabei habe ich vor allem meine Arbeit gemacht“, sagt Page im Film. Als Aktmodell und gerade als Bondage-Legende ebnete sie der sexuellen Befreiung der 1960er Jahre den Weg. Über den Hype um ihre kurze Karriere wundert sie sich noch als ältere Frau: Ruhm war Page nicht gewöhnt. 1923 in Nashville, Tennessee, geboren, wuchs sie als zweites von sechs Kindern in ärmlichen Verhältnissen auf. Als sie zehn war, ließen sich ihre Eltern scheiden – und gaben sie wegen Geldproblemen ins Waisenhaus. Page war klug, ging aufs College und wollte Lehrerin werden. Später wechselte sie das Fach und studierte Schauspiel, doch ihr Südstaatenakzent verhinderte eine Karriere im Filmgeschäft.

Die Kamera als Geliebter

Bei einem Strandspaziergang 1950 fiel sie dem Amateurfotografen Jerry Tibbs auf. Der Polizist aus New York war Mitglied in einem „Camera Club“, einer Gruppe von Männern, die erotische Fotos von Frauen machten, mehr oder minder heimlich. Die Fotos waren zwar nicht verboten, aber verpönt. Für diese Aufnahmen im Bikini schneiderte sich Page ihre Outfits einfach selbst, denn im prüden Amerika der frühen 1950er Jahre waren sie Mangelware. Rein optisch war Bettie Page noch auf der Suche nach sich selbst. Erst der Fetisch-Fotograf und ihr späterer Produzent Irving Klaw, für den sie auch in der Rolle einer Domina posierte, gab ihr den Rat, sich einen Pony schneiden zu lassen: Er wurde ihr künftiges Markenzeichen, sie trug ihn bis zu ihrem Tod. Es entstanden Zehntausende Aufnahmen, Page avancierte zum begehrtesten Model ihrer Zeit. Der „Playboy“ kürte sie im Januar 1955 zum „Playmate of the Month“ und wenige Monate danach zur „Miss Pin-Up of the World“. Ihren Erfolg erklärte Page sich so: „Sie sagten, es sei mein Lächeln gewesen. Manchmal habe ich mir vorgestellt, die Kamera sei mein Geliebter. Und ich lächle ihm zu.“ Egal ob im Bikini, fast hüllenlos oder mit Geparden an ihrer Seite – sie hatte den unschuldigen Sex-Appeal eines All-American-Girls. „Bettie Page verkörperte wie niemand sonst die stereotypen 50er Jahre – und die schwelende Sexualität, die sich unter der Oberfläche verbarg“, schrieben Karen Essex und James L. Swanson 1996 in ihrer Page-Biografie „The Life of a Pin-Up Legend“. Millionen Hausfrauen ließen sich Pages Pony nachschneiden, an den Stränden waren plötzlich Bikinis zu sehen.

(c) Clarence Wyatt

(c) Clarence Wyatt

Ein abruptes Ende

Dann der Bruch: Ein junger Mann wurde tot aufgefunden, mit einem Seil um den Hals. Vor ihm lag ein Bild von Bettie Page, gefesselt. Bondage war der neue Trend der Camera-Clubs. Ob dieser Tod Selbstmord oder ein Unfall war, ist bis heute ungeklärt. Für die US-Justiz unter Präsident Dwight D. Eisenhower reichte der Vorfall aus, um Pages Bilder 1957 per Prozess zu verbieten. In den sogenannten Kefauver-Hearings wurde der erotische Fotoversand von Irving Klaw aufgelöst, ein Nachdruck unter Strafe gestellt. Nur ein paar Negative konnte Klaws Frau retten. Der Staat stufte die Fetisch-Aktaufnahmen mit Peitschen und Handschellen als „jugendgefährdend“ ein. Nach ihren Aussagen vor Gericht ver-schwand Page aus der Öffentlichkeit und blieb unauffindbar.

Doch als sich im Amerika der 60er Jahre die Moralvorstellungen lockerten, durften alte Negative wieder nachgedruckt werden. Page erschien auf den Spielkarten der Zocker, den Kalendern der Mechaniker, auf den Comic-Heftchen der High-School-Jungs und für das gutbürgerliche Wohnzimmer-Regal gab es die Bettie-Page-Statue. „Der Page-Hype entwickelte sich erst, nachdem sie von der Bildfläche verschwunden war“, sagt Hugh Hefner, Herausgeber des „Playboy“ in der ARTE-Dokumentation. Für die Jahrzehnte danach, in denen Bettie Page zur Marke der sexuellen Befreiung wurde, hat er im Film folgende Erklärung: „Bettie Page war revolutionär. Sie war eine Ikone der Popkultur, die unsere Sexualität, unseren Modegeschmack und auch die Gesellschaft stark geprägt hat.“

Bettie Page als Inspiration

Dumm nur, dass Page nichts davon mitbekam. Über die Zeit, in der sie abgetaucht war, kursierten viele Gerüchte: Religiös sei sie geworden, als Missionarin nach Afrika ausgewandert, sie habe sich einer Nudisten-Kolonie angeschlossen. Die Wahrheit, die Page im Film erzählt, ist simpler, tragischer auch: „Ich schnappte über.“ In Moris Film erklärt sie erstaunlich offen: „Gott, Teufel und Dämonen sprachen zu mir. Sie hielten mich die ganze Nacht wach.“ Ihre Hinwendung zum Evangelikalismus verwandelte sich in puren Fanatismus. 1982 diagnostizierte ein Arzt paranoide Schizophrenie. Es folgten zehn Jahre in einer staatlichen Psychiatrie in Kalifornien. Page selbst hörte erst nach ihrer Entlassung 1992 von ihrer neuen Popularität. Leben konnte sie davon nicht. Erst nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten um Tantiemen und Fotorechte wurde Page entlohnt: Hersteller von Kalendern und Comics mussten für Bilderrechte zahlen. So kam Page im Alter doch noch zu ihrem Wohlstand.

Heute sieht sich vor allem die populäre Bewegung der erotischen Theaterkunst der New Burlesque in ihrer Tradition. Prominentestes Beispiel: das amerikanische Erotik-Model Dita Von Teese, eine der berühmtesten New-Burlesque-Tänzerinnen der Welt. Sie erklärt im Film, dass sie sich nie besonders schön fand: „Erst als ich Bettie Page entdeckte, erfand ich mich neu.“ Die Frisur ähnlich, in riesigen Champagner-Gläsern badend, immer erotisch, nie billig, ist es ihr erklärtes Ziel, „den Stil und Geist Bettie Pages wieder aufleben zu lassen“. Page selbst starb 2008 mit 85 Jahren in Los Angeles. Nur zwei Jahre zuvor hatte sie ihren letzten Wunsch geäußert: Die Menschen sollten Nacktheit endlich als etwas Natürliches akzeptieren.

 

Tatjana Kerschbaumer für das ARTE Magazin

Die 23-jährige Tatjana Kerschbaumer studierte in München Kommunikationswissenschaft und Politik. 2012, nach ihrem Studium, ging sie an die Deutsche Journalistenschule

 

ARTE Porträt

Bettie Page – Godmother of Striptease

Sa · 4.1. · 22.50

 

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Kategorien: Januar 2014