GESCHICHTE

Der Krieg und ich

(c) Dieter Jüdt

(c) Dieter Jüdt

 

2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Anlass für einen jungen Journalisten zu fragen: Was haben die Soldaten in den Schützengräben von 1914 mit mir zu tun? Über einen Krieg von gestern und das Europa von heute.

Es ist der Beginn des Ersten Weltkriegs. Paul Bäumer und seine Kameraden kämpfen neun Kilometer hinter der Westfront. Gerade haben sie einen Freund im Lazarett besucht, der sterben wird. Auf dem Rückweg bricht es aus dem jungen Albert heraus: „Eiserne Jugend. Jugend! Wir sind alle nicht mehr als 20 Jahre. Aber jung? Das ist lange her. Wir sind alte Leute.“ Ihr Lehrer hatte sie in einem Brief als „eiserne Jugend“ gelobt. Der Abiturient Bäumer ist eine Romanfigur, der Protagonist in Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ (1929). Als Bäumer fällt, ist er Mitte 20, so alt wie ich heute.

Lange dachte ich, Krieg beträfe mich nicht, der Erste Weltkrieg schon gar nicht. Viele Soldaten zogen damals euphorisch in den Krieg. Sie wollten für ihr Vaterland kämpfen. Der Gedanke, für Deutschland zu sterben, war heroisch. Mir ist diese Vorstellung fremd. Ich habe Zivildienst in einem Flüchtlingsheim in Frankreich gemacht, zur Bundeswehr zu gehen, kam nicht in Frage. Mein jüngerer Bruder kann sein Studium gleich nach dem Abitur beginnen, er muss sich nicht einmal mehr zwischen Zivil- und Militärdienst entscheiden. Wir leben in einem Land, das unmilitärischer nie war. Kriege auf deutschem Territorium sind Geschichte.

Ich habe noch mit niemandem gesprochen, der den Ersten Weltkrieg erlebt hat und kenne nur sehr wenige Zeitzeugen des Zweiten. Der Erste Weltkrieg war für mich immer eine Ansammlung von Zahlen und Fakten: 65 Millionen Soldaten. 20 Millionen Tote. 21 Millionen Verwundete. Giftgas, Verdun, Versailles. Das alles bleibt für mich und die meisten in meiner Generation abstrakt. In der Schule wurde der Zweite Weltkrieg intensiver behandelt als der Erste, er kam mir als Schüler näher. Außerdem konnten wir seine Spuren im Rheinland besichtigen. Das wäre für den Ersten Weltkrieg nicht möglich gewesen, denn die meisten Erinnerungsorte liegen im Ausland. Jetzt jährt sich der Kriegsausbruch zum 100. Mal. Für mich ein Anlass, noch einmal Remarque zu lesen. Und mich zu fragen: Hat dieser Krieg noch irgendetwas mit der jungen Generation von heute zu tun? Ist es wichtig, dass wir uns erinnern – und wenn ja, warum?

In Frankreich würde man sich diese Fragen so nicht stellen. Als Jugendlicher nahm ich an einem Austausch mit einer Schule in Bordeaux teil. Dort war der Erste Weltkrieg, was der Zweite Weltkrieg bei uns ist: ein immer wiederkehrendes Thema, mit unzähligen Museumsbesuchen und Studienfahrten zu Kriegsschauplätzen wie der Marne oder Verdun. Nicht umsonst heißt der Erste Weltkrieg in Frankreich „la Grande Guerre“, der Große Krieg, denn als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ sprengte er alle bis dahin bekannten Größenordnungen; schon die Zeitgenossen nannten ihn „totalitär“. Auch wenn Geschichte nicht linear verläuft: In seiner Brutalität war der Erste Weltkrieg der Ausgangspunkt für den Zweiten. Die europäische Katastrophe des 20. Jahrhunderts können wir nur verstehen, wenn wir den Ersten Weltkrieg mit einbeziehen. Das macht die Aktualität dieser Epoche aus. Und wer heute über Europa nachdenkt, sollte den Ersten Weltkrieg mitdenken.

Europa trägt seine Meinungsverschiedenheiten heute verbal aus mit Dolmetschern in klimatisierten Sälen. Aber als Mahnung muss das jähe Ende der Belle Epoque, der friedlichen, prosperierenden Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, im Gedächtnis bleiben. Die Geschichte zeigt, wie abrupt sich aufgestaute nationalistische Konflikte entladen können: Bis 1914 glaubten viele Europäer, ihr Kontinent sei auf einem guten Weg. Tatsächlich aber standen sich auf engstem Raum aggressive Staaten gegenüber. Zwischen 1887 und 1907, und das ist keine lange Zeit, kam es zur Konfrontation zweier Bündnisse, der Entente Cordiale aus England und Frankreich mit Russland auf der einen Seite, dem Dreibund aus Deutschem Reich, Österreich-Ungarn und Italien auf der anderen. Das Deutsche Reich war eine imperialistische Zeitbombe, „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ eine unverhohlene Drohung.

Die EU besteht in ihren heutigen Grundzügen nach dem Vertrag von Maastricht erst seit 1992. Sie ist länger gewachsen, als selbstverständlich darf sie trotzdem nicht gelten. Es ist wichtig zu wissen, wie zerbrechlich Frieden sein kann. „Im Westen nichts Neues“ ist da ein generationenübergreifendes Mahnmal. Als Paul Bäumer 1918 fällt und es im Heeresbericht nur heißt, „im Westen sei nichts Neues zu vermelden“, zeigt das die kalte Sinnlosigkeit eines Krieges, in dem eine ganze Generation verbrannt wurde, gleich ob die Männer starben oder traumatisiert zurückkehrten. Remarque stellte seinem Roman die Zeilen voran: „Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“

Sebastian Kempkens für das ARTE Magazin

Sebastian Kempkens, geboren 1988, wuchs in Bonn auf. Er studierte Sozialwissenschaften und Geschichte in Berlin. Seit 2012 ist er Schüler der Deutschen Journalistenschule

 

1914, Tag für Tag

Das Web-Projekt

„1914, Tag für Tag“ ist eine Chronik der Vorkriegsmonate in einer neuen,
interaktiven Erzählform: Mehrere Monate lang können User täglich in ein Foto

aus dem Jahr 1914 zoomen, Infopunkte suchen und Hintergründe erfahren.

Samstags wird „1914, Tag für Tag“ zur Videochronik.
ab 7.1. unter www.arte.tv/1914tagfuertag

ARTE Schwerpunkt 

Erster Weltkrieg 

1914 – Der letzte Glanz der alten Welt · Sa 11.1. · ab 12.45 und So · 12.1. · ab 11.15 

Programm der Folgemonate 

Der Erste Weltkrieg im Kino · Filmreihe im Februar 

14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs · Dokufilmreihe im März 

Kleine Hände im großen Krieg · Kinderserie im April 

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter www.arte.tv/erster-weltkrieg 

 

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Kategorien: Januar 2014