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About Schmidt

(c) Arno Schmidt-Stiftung

(c) Arno Schmidt-Stiftung

 

Radikal, eigensinnig, rätselhaft: Der Schriftsteller Arno Schmidt ist bis heute ein Faszinosum der deutschen Literatur. Am 18. Januar wäre er 100 Jahre alt geworden.
Ein Interview mit Förderer Jan Philipp Reemtsma.

Durch schärfste „Wortkonzentrate“ wollte Arno Schmidt (1914–1979) die Lethargie der Nachkriegsjahre brechen – und hielt den Deutschen als unbequemer Chronist den Spiegel vor. Der Klang seiner mit Ironie und Sprachspielen gespickten Bücher ist einzigartig, schon zu Lebzeiten wurde Schmidt als Vordenker verehrt. Sein 1334-Seiten-Buch „Zettel’s Traum“ (1970) war bereits bei Erscheinen Legende. Zu seinem 100. Geburtstag sendet ARTE den ersten Dokumentarfilm über den Autor, der sich als Weltschriftsteller verstand, obwohl er als Einsiedler in dem Dorf Bargfeld in der Lüneburger Heide lebte. Hier traf das ARTE Magazin Schmidt-Förderer Jan Philipp Reemtsma, der auch dessen Nachlass verwaltet. Ein Interview über Humor, Einsamkeit und die wohl berühmtesten Zettelkästen der Welt.

ARTE: Schmidt ist in seinen Büchern beißend ironisch. Was genau macht seinen Humor aus?

Jan Philipp Reemtsma: Humor ist etwas für Kalendersprüche. Arno Schmidt dagegen hatte Witz, grellen Witz und grelle Komik bis hin zum Kalauer.

ARTE: In Arno Schmidts Novelle „Schwarze Spiegel“, die 1951 erschien, geht es um die Zeit nach einem Atomschlag, einem Dritten Weltkrieg. Die Menschheit ist fast ausgelöscht, und nur ein einzelner Mann streift durch die Lüneburger Heide …

Jan Philipp Reemtsma: Arno Schmidt hat einmal gesagt, er habe in „Schwarze Spiegel“ eine Frage aufgenommen, die man Rousseau zuschreibt: Was tut jemand, der sich für den letzten überlebenden Menschen auf Erden hält, dann aber doch einem zweiten begegnet? Wird er ihn lieben, ihn umbringen oder gleichgültig an ihm vorbeigehen? Schmidt merkte dazu an, er habe in „Schwarze Spiegel“ alle drei Möglichkeiten zusammengebracht.

ARTE: Das Monumentalwerk „Zettel’s Traum“ ist eine Montage aus Zitaten und Notizen, das einen Tag aus dem Leben eines Autors erzählt. Das Buch erschien als Faksimile im Format DIN-A-3 und wog fast acht Kilogramm. Arno Schmidt widmete sich ihm sechs Jahre lang. Wie arbeitete er?

Jan Philipp Reemtsma: Er legte an die 120.000 Notizzettel in Kästen an, notierte Beobachtungen, Dialoge, Landschaftsstimmungen. Irgendwann hatte er den Ablauf des Buches im Kopf. Es war ein Ordnungssystem, doch das ist keine Schmidt’sche Besonderheit. Manche Schriftsteller schreiben auf die Wandtafel, manche legen Notizzettel an. Nur ist dieses Arbeiten bei anderen nicht so berühmt geworden, weil es nicht explizit im Buchtitel steht.

 

(c) Hamburger Institut für Sozialforschung

(c) Hamburger Institut für Sozialforschung

ARTE: Arno Schmidt ging davon aus, dass es nur etwa 390 „Kulturträger“ gäbe, die „Zettel’s Traum“ verstünden – er meinte damit diejenigen, die sich wirklich für Kultur interessieren. Er nahm die dritte Wurzel der Bevölkerungszahl von 60 Millionen Westdeutschen. Wie kam er auf eine solche Idee?

Jan Philipp Reemtsma: Obwohl er um die eigene Bedeutung als Schriftsteller wusste, kannte er die niedrigen Absatzzahlen seiner Bücher. Abgesehen davon: Auflagenzahlen von Erstausgaben großer Literatur sind immer verschwindend gering.

ARTE: War es ein Fluch oder ein Segen für Schmidt, dass er vor allem für dieses Buch bekannt ist?

Jan Philipp Reemtsma: Das ist eine berechtigte Frage. „Zettel’s Traum“ ist formal und äußerlich ungewöhnlich, der Titel ist sehr eingängig und es kursierten schon bald nach Erscheinen Raubdrucke. Das war damals noch keinem anderen lebenden Autor passiert. All das führte dazu, dass Arno Schmidt tatsächlich oft auf „Zettel’s Traum“ reduziert wird. Er selbst sah das Buch als sein Hauptwerk an, auch schon allein deshalb, weil er so viele Jahre daran gearbeitet hatte. Gleichzeitig betrachtete er es mit einer gewissen Ambivalenz. Er hat immer gesagt, es musste einmal ein Mensch ein solches Buch schreiben.

ARTE: Ein Kritiker sagte, er bräuchte einen ganzen Schreibtisch an Begleitlektüre, um „Zettel’s Traum“ zu verstehen.

Jan Philipp Reemtsma: Das brauchen Sie bei vielen anderen großen Romanen auch, nämlich dann, wenn Sie ein Studium daraus machen wollen, aber nicht, wenn es um die einfache Lektüre geht. Ich würde Ihnen vielleicht nicht unbedingt raten, mit „Zettel’s Traum“ zu beginnen, wenn Sie Schmidt lesen wollen, sondern mit einem der frühen Romane wie der Nachkriegsgeschichte „Brand’s Haide“ (1951). Trotzdem kann jeder „Zettel’s Traum“ lesen.

ARTE: Sind wir heute wirklich so weit, das Werk von Arno Schmidt zu verstehen?

Jan Philipp Reemtsma: Es ist nur ein von Journalisten mitgeschlepptes Vorurteil, die Literatur von Arno Schmidt sei schwierig. Das ist Unsinn. Schmidt wurde und wird gelesen – von Menschen, die Vergnügen an seinen Büchern haben wie an anderen Büchern auch. Er wird gelesen an Schulen und Universitäten wie andere Autoren auch.

ARTE: Schmidt war der Meinung, dass er erst nach seinem Tod berühmt werden würde. Warum?

Jan Philipp Reemtsma: Er empfand sich als Avantgardist – der er war. Und er kannte die Rhythmen der Literaturgeschichte. Er wusste, wie viele Autoren zu Lebzeiten nicht die Anerkennung fanden, die ihnen posthum zuteil wurde.

ARTE: Schmidt hatte das Image eines mürrischen Menschen. Wie war Ihre erste Begegnung?

Jan Philipp Reemtsma: Wer sagt, Arno Schmidt sei mürrisch gewesen, hat ihn nicht wirklich gekannt. Wenn man ihm gegenüberstand, empfand man Einzigartigkeit, Singularität. Unser erstes Treffen verlief sehr freundlich und höflich. Ich traf ihn in Bargfeld bei einem Spaziergang. Seine Frau Alice badete derweil in einem Teich.

ARTE: Arno Schmidt sagte einmal, jedes Gespräch sei Gewäsch und Freizeit eine Störung. War Arbeit wirklich alles für ihn?

Jan Philipp Reemtsma: Ja, aber das ist nun wirklich keine ausschließlich Schmidt’sche Eigenart. Denn wenn Sie Ihr Leben dem Schreiben widmen, was soll dann Freizeit sein? Genau das ist es ja, was Sie mit Ihrer Zeit tun wollen.

ARTE: Am Ende seines Lebens schottete sich Schmidt fast komplett von der Außenwelt ab. Sie waren einer der wenigen Menschen, die dennoch Kontakt zu ihm hatten. Wie war Ihre Beziehung?

Jan Philipp Reemtsma: Arno Schmidt schottete sich nicht ab, er lebte auf dem Dorf und sein Haus war kein Tummelplatz für Besucher. Was mich betrifft: Die Zeit, die Sie ansprechen, umfasst seine beiden letzten Lebensjahre. Ich habe ihn insgesamt viermal besucht, nicht öfter. Ich wollte den Umstand, Zugang zu ihm zu haben, nicht ausnutzen. Schließlich habe ich Arno Schmidt finanziell unterstützt. Ich wollte keine Situation schaffen, in der er sich verpflichtet fühlt.

ARTE: Was wird von seiner Literatur bleiben?

Jan Philipp Reemtsma: Schmidt ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Prosa der Werke vor „Zettel’s Traum“ zeichnet sich vor allem durch einen Realismus aus, der sehr auf den Alltag gerichtet und in manchen Zügen dokumentarisch zu nennen ist – in einer Sprache, die an poetischer Intensität, Bilderreichtum, emotionalem Tempo nicht ihresgleichen hatte und hat. In den späten Werken entwirft Schmidt große Fantasiepanoramen, in denen sich inneres Erleben und Außenwelt zu großen Weltkarikaturen verbinden. Das klingt in dieser Verkürzung rätselhafter als es ist: Ähnliches finden Sie immer wieder in der Literaturgeschichte. Denken Sie an Aristophanes, Rabelais, Swift, Stern und auch an Döblin vielleicht.

Lisa Schnell für das ARTE Magazin

Lisa Schnell, geboren 1984, arbeitete für das Satiremagazin „quer“ des BR und schreibt u. a. für „SZ“, „FAZ“ und „taz“. An der Deutschen Journalistenschule studiert sie seit 2012

 

ARTE Interview

Jan Philipp Reemtsma

Jan Philipp Reemtsma, geboren 1952 in Bonn, ist Literatur- und Sozialwissenschaftler.Als Mäzen fördert und initiiert er zahlreiche Kulturprojekte.1981 gründete er mit Alice Schmidt die Arno-Schmidt-Stiftung, 1984 das Hamburger Institut für Sozialforschung

ARTE Plus

Veranstaltungen zum 100. Geburtstag

Gespräch und Filmvorführung:

„Arno Schmidt – ‚Mein Herz gehört dem Kopf‘“: 8.1., 19.30, Literaturhaus Leipzig; 9.1., 20.00, Literaturhaus Berlin; 14.1., 19.00 Literaturhaus Rostock

Autorenlesung:

„Schmidt und Neun seiner Bewunderer. Arno Schmidt zum 100. Geburtstag“: 18.1., 19.00, Literaturhaus Hamburg in Kooperation mit der Patriotischen Gesellschaft von 1765. Mit Uwe Timm, Karen Duve, Christoph Hein u. a.

Konzert:

„‚Süß sog und sandete die Musik‘. Götz Alsmann singt Schlager, die Arno Schmidt hasste.“: 19.1., 20.00, Celle; 20.1., 20.00, Hamburg; 21.1., 20.00, Berlin

(Auswahl)

ARTE Dokumentarfilm 

Arno Schmidt – „Mein Herz gehört dem Kopf“

Mittwoch · 15.1. · 22.40

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Kategorien: Januar 2014