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Willy Brandts Lehrjahre

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Er war ein Grenzüberwinder mit zwei Vaterländern: Am 18. Dezember wäre Willy Brandt 100 Jahre alt geworden. Wie aus dem jungen Lübecker Herbert Frahm der Jahrhundertpolitiker Willy Brandt wurde: die Jugendjahre eines Staatsmannes.

Studienrat Kramer ist besorgt um seinen Schüler Herbert Frahm: „Halten Sie Ihren Sohn von der Politik fern! Der Junge hat gute Anlagen, es ist schade um ihn. Die Politik wird ihn ruinieren.“ Martha Frahm geht bekümmert nach Hause. Ihr Sohn, den seine Mitschüler „den Politiker“ nennen, scheint unbelehrbar. Herbert ist ein Feuerkopf, ein Revolutionär, kein Ja-Sager und Anpasser.

Als Willy Brandt Deutschland im April 1933 verlässt, ist er 19 Jahre alt. Doch er verlässt seine Heimat nicht aus Furcht, obwohl er die Verfolgung durch die Nazis fürchten muss; seine Partei schickt ihn nach Norwegen, weil er Sprach- und Ortskenntnisse besitzt. Er ist seit 1931 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei SAP, einer linkssozialistischen Splitterpartei der SPD. Zu kraftlos und schlaff, so der Vorwurf der jungen Wilden der SAP, gehe die Mutterpartei gegen die faschistischen Kräfte vor. Auch die Weimarer Republik schätzen sie gering. Brandt gehört zu denen, die auf den Straßen von Lübeck skandieren: „Republik, das ist nicht viel – Sozialismus ist das Ziel!“

Exil in Norwegen

In Oslo soll er für die SAP Geld beschaffen und Mitglieder werben, denn in Deutschland ist die Partei nicht nur verboten, sondern auch bankrott. Vaterlos aufgewachsen, hängt der junge Brandt nicht an seinem alten Leben und richtet sich in der Fremde schnell ein – unter dem unauffälligen Namen Willy Brandt, den er im März 1933 angenommen hatte, um sich bei einem illegalen Parteitag in Dresden vor den Nazis zu tarnen. Im Exil wächst ihm dieser
„nom de guerre“, dieser Kriegsname, wie eine zweite Haut an. Er lernt, saugt alles auf und schreibt bald die ersten Artikel in norwegischer Sprache. Als politischer Publizist kämpft er fortan für seine erste Heimat und erwirbt sich eine zweite: Er wird zum Deutsch-Norweger. Und er hat Erfolg. So ist die Verleihung des Friedensnobelpreises 1936 an den von den Nazis verfolgten Publizisten Carl von Ossietzky maßgeblich Willy Brandt zu verdanken, da er namhafte Mitglieder des Nobelkomitees überzeugen kann. Die Jahre des Exils von 1933 bis 1947, Brandt nennt sie später die wichtigsten Jahre seines Lebens, sind also keine verlorenen, obschon er manches verliert. Die Hoffnung, die Nazis seien bald erledigt, stirbt rasch. Im Herbst 1936 schickt ihn die Partei nach Berlin, als Kontaktmann für die Genossen im Untergrund. Brandt gibt sich als norwegischer Student Gunnar Gaasland aus. Einmal fliegt seine Tarnung fast auf, als er auf einen norwegischen Nazi-Sympathisanten trifft. Ein anderes Mal zieht die Polizei seinen falschen Pass ein. Hält das Dokument der Prüfung stand? Nach einigen Tagen, die er in höchster Erregung verbringt, erhält er die Papiere zurück. Was er von den im Untergrund lebenden Genossen erfährt, was er selbst erlebt, ist wenig ermutigend: Die meisten Deutschen richten sich in ihrem politikfernen Alltag ein und ducken sich weg. Weil Brandt kein Duckmäuser ist, gerät er in der europäischen Linken oft zwischen alle Stühle. Er ist unermüdlich als Kurier für die SAP unterwegs, reist kreuz und quer durch Europa, wird mehrfach verhaftet und kann der Gestapo nur knapp entkommen. Willy Brandt ist jedoch kein politischer Abenteurer, das zeigt sich, als er von der SAP 1937 nach Spanien entsandt wird, wo der Bürgerkrieg tobt. Dort soll er Informationen sammeln, aber auch die deutsche Sektion der spanischen Partei der marxistischen Einheit leiten. 

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Der Grenzüberwinder

Brandt erlebt die Gräuel des Krieges auf allen Seiten und begreift, dass man nicht säuberlich zwischen Gut und Böse trennen kann, sondern dass der Riss durch jeden Menschen geht. Der Mensch kann scheitern und sich an die eigene Bestie verlieren. Dagegen gilt es zu kämpfen, nicht mit der Waffe, sondern mit Worten. Im Gegensatz zu George Orwell etwa, den er flüchtig kennenlernt, greift Brandt in Spanien nie zum Gewehr. Sein Weg setzt auf Abrüstung, er entwickelt eine Rhetorik des Ausgleichs, des Denkens in Gegensätzen. Brandts berühmtes, manchmal berüchtigtes Sowohl-als-auch-Sprechen gewinnt Gestalt. Obgleich der Krieg droht, wird Brandt, dem 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft wegen seines Widerstandes gegen das NS-Regime aberkannt wird, zum Grenzüberwinder. Frankreich, das er zwischen 1934 und 1938 achtmal besucht, wird ihm „zum europäischen Erlebnis“. Er spricht fließend Spanisch, Französisch, Englisch und Norwegisch. Diese Sprachkompetenz beeinflusst auch sein Denken, enge nationale Pers-pektiven überwindet er und lernt die Welt durch die Augen der anderen zu sehen. Und je mehr sich seine Weltsicht weitet, desto enger erscheint ihm die Brille der Partei, desto dogmatischer ihr Urteilen. Als die Nazis am 9. April 1940 Norwegen überfallen, verliert Brandt ein zweites Mal seine Heimat. Er tarnt sich als norwegischer Soldat, wird verhaftet und flieht nach seiner Freilassung ins neutrale Schweden. In Oslo bleibt seine Freundin Carlota zurück, die ein Kind von ihm erwartet. Die Hoffnung auf das Kind trägt Brandt durch Phasen größter Verzweiflung. Doch bald vertraut er seiner Gabe, Menschen für sich zu gewinnen, zu überzeugen, mit ihnen für eine bessere Zukunft zu streiten.

Die schwedischen Jahre

Im schwedischen Exil wird Brandt 1940 die norwegische Staatsbürgerschaft verliehen. Und obwohl ihm als Ausländer dort jedes politische Engagement verboten ist, lässt er nicht davon ab, gegen Hitler-Deutschland zu agitieren. Das ist gefährlich, denn der schwedische Staat will den Nazis nicht den geringsten Anlass zur militärischen Aggression geben. Deshalb wird Brandt von der schwedischen Fremdenpolizei verhaftet und verhört, doch seine norwegischen Freunde, einflussreiche Politiker, sorgen für seine Freilassung. Brandt ist als umtriebiger publizistischer Anwalt der Freiheit einer der ersten, der Informationen über den Holocaust nach Amerika übermittelt. Die skandinavischen Jahre prägen ihn stark, er streift radikale Positionen ab. Unter dem Eindruck der norwegischen und schwedischen Sozialdemokraten, die ihre Länder wirtschaftlich voranbringen und Klassengegensätze ausgleichen, wird er zu einem reformorientierten Sozialdemokraten, der den Zweifel als produktive Kraft schätzen lernt. 1944 tritt Brandt wieder der SPD bei. Dabei vergisst er nie, für sein erstes Vaterland zu werben und festzustellen: „Hitler ist nicht Deutschland!“ Über den Tag hinaus denken, ist sein Überlebenselixier.

An dieser Haltung ändert sich auch nichts, als er 1945 als Journalist nach Deutschland zurückkehrt, um von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zu berichten. Er, der so andere Deutsche, setzt sich für jene Deutschen ein, die keine Verbrecher geworden waren. Bei Kriegsende ist er 32 Jahre alt: Dem gut vernetzten Grenzüberwinder, dem Mann mit den zwei Vaterländern, stehen viele Türen offen, doch er folgt einer inneren Überzeugung und schreibt am 4. Dezember 1947 aus Berlin an seine siebenjährige Tochter Ninja: „Ich muss jetzt für dasjenige von meinen beiden Vaterländern arbeiten, das es schwer hat und meine Hilfe braucht.“ Am 1. Juli 1948 wird Brandt wieder deutscher Staatsbürger, behält aber seinen Kampfnamen Willy Brandt bei, diesen Allerweltsnamen, der ihm half, den Nazis zu entkommen und der heute, weltberühmt, für Verständigung, eine Politik der Aussöhnung und die Kraft der kleinen Schritte steht.

 

Torsten Körner für das ARTE Magazin

 

ARTE Gastautor

Torsten Körner schrieb die Biografie Die Familie Willy Brandt(august 2013)

 

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Willy Brandt

Kurzbiografie

Geboren 1913 als Herbert Frahm in Lübeck, wird der spätere Willy Brandt 1930 in die SPD aufgenommen. 1931 wechselt er zur SAP, tritt aber 1944 wieder in die SPD ein. Nach seinem Exil in Norwegen hat er die deutsche und norwegische Staatsbürgerschaft. 1957–1966 ist er Bürgermeister von Berlin, 1966–1969 Außenminister und Vizekanzler unter Kiesinger, ab 1969 Bundeskanzler; 1974 tritt er im Zuge der Guillaume-Affäre überraschend zurück. 1970 geht das Bild von seinem Kniefall vor dem Ghetto-Mahnmal in Warschau um die Welt; 1971 wird er für seine Entspannungs- und Ostpolitik mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. 1992 stirbt Willy Brandt in Bonn

Weitere Informationen unter www.willy-brandt.de

ARTE Dok.-Film 

Willy Brandt – Erinnerungen an ein Politikerleben 

Di · 10.12. · 20.15

 

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Kategorien: Dezember 2013