FESTTAGSPROGRAMM

So ein Zirkus!

(c) 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

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Fernab von Sägespänen, Löwendompteuren und Elefantennummern begeistert der kanadische Cirque Eloize mit einer spektakulären Bühnenshow. Zum Zirkustag
am 26. Dezember bei ARTE – das poetische Gesamtkunstwerk „Cirkopolis“.

Ausgerechnet in Kanada ist der Zirkus neu erfunden worden. Nicht in Italien mit seiner gro-ßen Buffo-Tradition, nicht in Monaco mit seinem renommierten Monte-Carlo-Festival, auch nicht in Russland oder China, wo Zirkus noch echte Volkskunst ist und Artist ein Traumberuf. Nein, in Kanada, in der frankokanadischen Metropole Montreal, hat der Zirkus Mitte der 1980er Jahre seine Wiedergeburt erlebt. Mehr noch: Er ist durch den Cirque du Soleil und zuletzt durch den Cirque Eloize zur hohen Kunst erhoben worden.

Letzterer feierte dieses Jahr sein 20-jähriges Jubiläum und kann auf eine stolze Bilanz blicken: Zehn Produktionen hat der Cirque Eloize in rund 4.000 Vorstellungen auf die Bühne gebracht und ist durch mehr als 440 Städte in 40 Ländern getourt. Mit seiner aktuellen Show „Cirkopolis“, die ARTE am 26. Dezember zeigt, trat er allein 2013 in sechs Ländern auf, darunter auch Deutschland. Sein Erfolgskonzept: akrobatische Kunst mit Tanz, Theater, Musik und Medienkunst zu verbinden – getreu den Maßstäben des Anfang der 1980er Jahre in Frankreich entstandenen „Nouveau Cirque

1993 gründete der diplomierte Zirkusschüler der Ecole Nationale de Cirque von Montreal, Jeannot Painchaud, gemeinsam mit seinem ehemaligen Kommilitonen Daniel Cyr und der Artistin Claudette Morin den Cirque Eloize. Jene Lichtblitze, die sich über den Magdalenen-Inseln im St.-Lorenz-Golf ihrer Heimat Kanada entladen – die „éloizes“ – gaben der Truppe ihren Namen. 20 Jahre später zählt sie mehr als 100 Mitarbeiter.

Von der Manege auf die Bühne. Die verblüffenden artistischen Darbietungen der Montrealer sind nicht wie in einer Revue Nummer an Nummer gereiht, sondern eingebettet in eine Rahmenhandlung: In „Rain – Wie Regen in Deinen Augen“, das 2004 zum ersten Mal gezeigt wurde und 2007 durch Deutschland tourte, träumt sich ein Mann in seine Kindheit zurück, in die Zeit, da er auch im Regen draußen bleiben und Ball spielen durfte. In „Nebbia“ von 2007 spielt der Nebel die Hauptrolle. Regisseur Daniele Finzi Pasca lässt aus ihm einen Karneval der fantastischen Figuren aufsteigen und nimmt den Zuschauer so mit auf eine Reise durch die Erinnerungen an seine Kindheit, in eine Welt zwischen Traum- und Trugbildern. In „iD“, das 2009 entstand, versuchen Menschen in einer verwirrenden Mega-City ihrer Anonymität zu entfliehen. Sie treffen sich auf einem öffentlichen Platz, auf dem sie ihre Individualität ausdrücken und ihre Identität finden können.

Hereinspaziert in die Stadt „Cirkopolis“ (2012): Dunkle Wolkenkratzer ragen bedrohlich am Horizont in einen wolkenverhangenen Himmel auf, Menschen in grauen Anzügen bahnen sich ihren Weg zwischen massiven Toren und Zahnrädern. In diesem Moloch, für den Fritz Langs Filmklassiker „Metropolis“ mit seinem unterirdischen Maschinenreich und Terry Gilliams filmisches Meisterwerk „Brazil“ mit seiner düsteren bürokratisierten Welt Pate gestanden haben, ist der Held ein Büromensch. Blatt um Blatt muss der arme Mann abstempeln. Fließbandarbeit am Schreibtisch. Kein Wunder, dass er sich aus seiner grauen Umgebung in ein anderes, ein buntes Universum zu träumen versucht. Und tatsächlich verändern sich sein Büro und seine Kollegen.

(c) 2012 Productions Neuvart/Valérie Remise

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Surreale Wunderwelten. Auf der Videoleinwand im Bühnenhintergrund schaffen die Kreativen von Eloize einen surreal wirkenden Bildraum, vor dem sich die Handlung des Stücks entfaltet: Die Sachbearbeiter springen plötzlich über den Schreibtisch, legen ihre Trenchcoats ab, entledigen sich ihrer Anzüge und werden zu bunten Faltern des Showgewerbes, die mit Hilfe eines Schleuderbretts durch die Luft fliegen, Diabolos hüpfen lassen, sich an Bändern in den Himmel rollen, mit Keulen jonglieren – die zwölf Akteure dieses eleganten Spektakels beherrschen jeder bis zu sechs verschiedene artis-tische Disziplinen. Sie schweben in einer bunten Wunderwelt, in der die Gravitation und andere fesselnde Kräfte ihre Macht verloren haben. „‚Cirkopolis‘ zu betreten, bedeutet, die Welt um sich herum loszulassen und eine Wiedergeburt oben im Reich der Hoffnung zu erleben“, sagt Painchaud.

Inszenierungen wie Gemälde. Jeannot Painchaud, der seit 1998 als künstlerischer Direktor des Cirque Eloize agiert, hat den bild- und gefühlsmächtigen frankokanadischen Choreografen Dave St-Pierre für seine „Cirkopolis“-Produktion gewonnen. „Es war ein Abenteuer, mit ihm zu arbeiten“, sagt Painchaud. St-Pierre sei ein kreativer Kopf mit einer ganz eigenen Richtung und einem besonderen künstlerischen Vokabular. Tatsächlich sind St-Pierres Tanzstücke auch von Franz Kafkas Erzählungen, die so oft von Entfremdung und Entmenschlichung handeln, inspiriert.

Einfluss auf den Cirque Eloize hatte der Cirque du Soleil, der 1984 von Straßenkünstlern um Guy Laliberté in Montreal gegründet wurde und den man durchaus als den großen Bruder des Cirque Eloize bezeichnen kann. Mittlerweile ist der Sonnenzirkus ein internationaler Konzern, bespielt alleine in Las Vegas neun Häuser und ist mit einem halben Dutzend Shows weltweit auf Tournee. Gegenüber diesen Superlativen, die der Cirque du So-leil für sich in Anspruch nimmt, mögen die Erfolge des Cirque Eloize bescheiden klingen – aber dieser will gar kein Weltkonzern sein, der einen Massenmarkt bedient, sondern eine kreative Manufaktur, die ihrer Linie treu bleibt.

Der Cirque Eloize reist nicht mit einem Zelt durch die Welt, seine Shows zeigt er auf ehrwürdigen Bühnen wie jener des Staatstheaters Wiesbaden oder auf internationalen Festivals wie in Edinburgh, Jerusalem oder Hongkong. Mit seinen Produktionen überzeugt die Truppe selbst diejenigen, die das Treiben von Artisten, Clowns und Dompteuren normalerweise als banale Unterhaltung abtun. Bei der Tournee von „Cirkopolis“ im Sommer 2013 durch Deutschland honorierten die Besucher die Artisten sogar regelmäßig mit Standing Ovations – aus gutem Grund.

Die Shows des Cirque Eloize haben so ihren eigenen Kunstcharakter und setzen vor allem auf Bildhaftigkeit. Durch die Mischung der künstlerischen Ebenen entstehen gemäldeartige Szenerien in den Köpfen der Betrachter. Nachdrücklich in Erinnerung bleibt aus „Cirkopolis“ beispielsweise jene Frau im roten Kleid, die sich in einem Metallreifen, dem nach seinem Erfinder Daniel Cyr benannten Cyr-Rad, in wunderbarer Eleganz auf der Bühne dreht. Zuweilen steht sie in diesem Ring wie der Mensch in Leonardo da Vincis berühmter Proportionsstudie – ein menschlicher Kreisel. Spätestens dann merkt jeder Zuschauer: Zirkus ist Kunst.

Hans Riebsamen für das ARTE Magazin

ARTE Plus

Shows des Cirque Eloize

„Le Music-Hall de la Baronne“ (2013); „Cirkopolis“ (2012); „iD“ (2009); „Nebbia“ (2007); „Rain – Wie Regen in Deinen Augen“ (2004); „Typo“ (2003); „Nomade – La nuit, le ciel est plus grand“ (2002); „CirqueOrchestra“ (1999); „Excentricus“ (1997); „Cirque Eloize“ (1993)

www.cirque-eloize.com

 

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Kategorien: Dezember 2013