FESTTAGSPROGRAMM

Dreck am Stecken

(c) NDR/Majestics/Bernd Spauke

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Lausbubenmission am Mississippi: Mark Twains Südstaatenklassiker „Tom Sawyer“ begeistert seit Generationen nicht nur junge Leser weltweit. ARTE zeigt den preisgekrönten deutschen Kinofilm in hochkarätiger Besetzung.

 Schlammige Sohlen, verkrustete Zehen, dreckige Füße: Man könnte meinen, Hermine Huntgeburth hätte einen Fußtick. Hat sie aber nicht. Die Regisseurin der ersten deutschen „Tom Sawyer“-Verfilmung (2011) hat höchstens die Vorliebe, bodenständige Themen lebensnah zu erzählen. Und in ein deftiges Abenteuer der Sorte Mark Twain gehört nun mal ausreichend Mississippidelta-Schlacke. Kein Wunder, dass auch in Huntgeburths Version von „Tom Sawyer“ diverse Protagonisten wortwörtlich Dreck am Stecken haben; zumindest auf dem Land präsentierte sich das 19. Jahrhundert als eher unhygienisch: Gebadet wurde allenfalls samstags, und Körperpflege war großstädtischer Ostküstenluxus. Gepflasterte Straßen und Schuhabtreter ohnehin.

Hermine Huntgeburths „Tom Sawyer“ ist tatsächlich Wilder Westen, wenngleich im Baumwoll-Süden. Es gibt die Guten und die Bösen, den Sheriff und den Schurken, blitzende Messer und rasende Pferde, rauchende Colts, verruchte Saloons, und alles wird so gezeigt, wie es hätte sein können, im Jahr 1876, als der wohl berühmteste aller Jugendromane erschien. Schließlich ist auch Twains Buch mehr als ein kindgerechter Lesestoff mit aufregender Rahmenhandlung, womöglich das erste wirklich ernst zu nehmende Teenagerdrama der Weltliteratur. Ein Coming-of-Age-Roman, in dem Heranwachsende nicht bloß Objekte elterlicher Pflichtzuweisung sind, sondern eigenständig denkende Protagonisten in Abgrenzung zur Erwachsenenwelt. Und dazu mit eigener Vorstellungskraft.
Das alles angemessen umzusetzen fiel Regisseuren bislang seltsam schwer. Seit der ersten Stummfilmversion von 1917 gab es rund ein Dutzend Adaptionen. Doch von Don Taylors TV-Fassung vor 40 Jahren mit der blutjungen Jodie Foster als Richtertochter Becky Thatcher bis hin zur 26-teiligen ARD-Serie „Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ anno 1979 galt die raue Wirklichkeit als zu schädlich für junge Zuschauerseelen.

(c) NDR/Majestics/Bernd Spauke

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Schonungslose Realität, harte Bilder. Bei Hermine Huntgeburth ist das ein bisschen anders. Hier darf Sawyers schlicht gestrickter Altersgenosse eher historisch denn politisch korrekt „das ist doch Niggerarbeit“ sagen, bevor ihn sein listiger Mitschüler vom Reiz des Zaunstreichens überzeugt. Hier erntet Tom echte Ohrfeigen von Tante Polly (herrlich resolut: Heike Makatsch) und Peitschenhiebe vom Lehrer (schön schmierig: Thomas Schmauser), während brave Mädchen im Unterricht fragen, warum Frauen nicht wählen dürfen. Hier spuckt der grandios versiffte Joachim Król als Trunkenbold Muff Potter Essensreste durch die fauligen Zähne, wenn ihn ein aufgebrachter Mob für den Mord am backenbärtig fiesen Doc Robinson (Sylvester Groth) lynchen will. Angehängt wird ihm der Mord von Indianer-Joe (Benno Fürmann), der als ruchlose Rothaut gezeichnet wird, während er selbst das Opfer rassistischer Auswüchse ist. Keine Frage, auch Huntgeburths „Tom Sawyer“ ist nicht frei von abgeschliffenen Kanten. Für sich genommen mag Kino, wie Nebendarstellerin Heike Makatsch bemerkt, „experimentierfreudiger, mutiger sein als das Fernsehen“. Wenn es wie hier gießkannengefördert für den Bildschirm koproduziert wird, muss es allerdings ein paar ästhetische Kompromisse eingehen. Die Sklaven geraten dann zuweilen etwas gesünder als in der Herrenmenschenwelt jener Tage, der Irrsinn starrer Konventionen aus Twains Vorlage wird oft nur angerissen statt ausdifferenziert. Zudem ist die Grundmelodie heiterer, als es der knüppelharte Alltag der standesbewussten amerikanischen Gesellschaft gestattete. Und wenn spielende Kinder unter Schäfchenwolken über Wiesen laufen, machen visuelle Spezialeffekte und digitale Bildbearbeitung aus der Südstaatenlandschaft, wie Mark Twain sie beschreibt, schon mal das Auenland von „Herr der Ringe“-Autor J.R.R. Tolkien – aber bitte! Tom Sawyer ist und bleibt Unterhaltungsliteratur plus etwas Gesellschaftskritik für junge Leute. Nicht umgekehrt. „Und gerade große Unterhaltung“, meint Regisseurin Huntgeburth, „bietet ja auch die große Chance, sozialpolitische Aussagen einfach mitzuliefern.“ Dabei helfen ihr neben Topschauspielern von Hinnerk Schönemann (als Sheriff) bis Peter Lohmeyer (als Richter Thatcher) zwei keinesfalls unerfahrene, aber noch unverbrauchte Talente. Dank Louis Hofmann und Leon Seidel als jugendliches Duo Infernale Tom und Huck kann Hermine Huntgeburth das Schicksal zweier – wie man heute sagen würde – sozial benachteiligter Waisen voll nostalgischer Leichtigkeit erzählen, ohne unablässig mit Erhobenem Zeigefinger auf deren Lebensumstände zu zeigen.

Heiterer Ernst. Wie sehr das gottesfürchtige Milieu den fröhlichen Freiheitsdrang der jungen Schäfchen bekämpft, gerät im unverkrampften Spiel der damals kaum 13-jährigen Titelhelden eher zum Subtext als zum Wesenskern. Spürbar bleibt es dennoch. In fast jeder Sekunde. Genau das ist die Stärke Hermine Huntgeburths: ernste Botschaften in leichtes Entertainment zu verpacken. Bei „Tom Sawyer“ wird es zusätzlich durch die detailverliebte Ausstattung verstärkt, den opulenten Kulissenbau, das Bedürfnis zu bildgewaltigem Realismus. Der Hafen des fiktiven amerikanischen Städtchens St. Petersburg, erklärt die Regisseurin, wurde zwar vollständig am Rechner erstellt, doch Huntgeburths Team konnte große Teile eines Westerndorfs aus dem Hollywood-Film „Unterwegs nach Cold Mountain“ (2003) verwenden. „So einen tollen Kostümfilm dreht man nicht alle Tage“, freut sich Huntgeburth. Und erinnert sich an ihre Kindheit, die eng mit Filmen wie dem ZDF-Vierteiler „Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer“ von 1968 verbunden ist: noch so eine Adaption, in der die Wirklichkeit fernsehrein gebürstet und das Vagabundenleben aufs Abenteuer reduziert wurde, in der die Klamotten heil waren – und die Füße sauber.

Jan Freitag für das ARTE Magazin

 

ARTE Plus

Hermine Huntgeburth

Geboren 1957 in Paderborn; Filmstudium in Hamburg und Sydney; zahlreiche Auszeichnungen
wie etwa Grimme-Preis (2002 für „Romeo“; 2009 für „Teufelsbraten“), Deutscher und Bayerischer Fernsehpreis (2005 für „Der Boxer und die Friseuse“, 2008 für „Teufelsbraten“, 2011 für „Tom Sawyer“)

Filmografie

„Die Abenteuer des Huck Finn“ (2012), „Tom Sawyer“ (2011), „Neue Vahr Süd“ (2010),
„Effi Briest“ (2009), „Teufelsbraten“ (2007), „Die weiße Massai“ (2005), „Bibi Blocksberg“ (2002), „Das verflixte 17. Jahr“ (2001), „Romeo“ (2001), „Das Trio“ (1998)

(Auswahl)

ARTE Abenteuerfilm 

Tom Sawyer

Fr · 20.12. · 20.15

 

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Kategorien: Dezember 2013