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Diana Damrau – Reif für die Scala

 

(c) John Palmer

(c) John Palmer

Drei Akte voller Leidenschaft, Gefühl und Dramatik – Verdis Oper „La Traviata“ verlangt ihren Darstellern alles ab. Sopranistin Diana Damrau singt am 7. Dezember in der Mailänder Scala die Violetta. ARTE ist live dabei. Das Interview.

 

Lange hat sie auf diese Rolle gewartet und Angebote abgelehnt, denn sie wollte ihrer Stimme Zeit zum Reifen geben. Jetzt erfüllt sich der Traum von Diana Damrau: Am 7. Dezember singt sie auf der Bühne der Mailänder Scala. In Verdis „La Traviata“ gibt sie die Violetta, die Königin der Kurtisanen, die begehrteste Frau von Paris, der die Männer zu Füßen liegen, doch der die wahre Liebe erst begegnet, als es schon fast zu spät ist. Wie es ist, einen der schönsten Bühnentode zu sterben, was ihre Söhne mit ihrer Stimme zu tun haben und wie ein Ritt von Plácido Domingo alles ins Rollen brachte, verrät die erfolgreiche Sopranistin dem ARTE Magazin im Interview.

 

ARTE: Ein Bonmot sagt: Für die Darstellung der Violetta Valéry in Giuseppe Verdis „La Traviata“ braucht man drei Stimmen und drei Schauspielerinnen.

DIANA DAMRAU: Das stimmt. Das liegt vor allem an den drei großen Gefühlsdimensionen, die die Darstellerin erfassen muss: Violetta ist zunächst einmal Kurtisane; dann ist sie eine Frau, die weiß, dass sie bald sterben wird; und schließlich findet sie in den letzten Monaten ihres Lebens die Liebe und hadert mit sich, ob sie sich darauf einlassen soll. Natürlich kann man all diese Facetten mit einer guten Stimmtechnik über die Bühne bringen. Ich persönlich finde aber: Wer Violetta singt, muss Vollblutkünstlerin und Sängerschauspielerin sein. Denn mir bedeutet die „Traviata“ noch sehr viel mehr.

ARTE: Was genau?

DIANA DAMRAU: Als ich zwölf war, erlebte ich sie zum ersten Mal im Fernsehen, in Franco Zeffirellis Opernverfilmung mit Teresa Stratas und Plácido Domingo. Die Geschichte spielte in einem Landhaus bei Paris und kam völlig ohne diese typischen Papp-Kulissen aus. Plácido Domingo galoppierte auf einem Pferd daher. Sie merken: Ich komme heute noch ins Schwärmen! Die „Traviata“ hat mich geprägt. Ich wusste schon damals: Da will ich hin.

ARTE: Doch es wird nicht nur Plácido Domingo auf dem Pferd gewesen sein, der diese Begeisterung in Ihnen ausgelöst hat …

DIANA DAMRAU: Aber nein, das Gesamtkunstwerk hat mich beeindruckt! Gefühlsmäßig wie stimmlich hat diese Oper ein unglaubliches Spektrum. Da ist die strahlende Kurtisane, die Gastgeberin eines Salons im ersten, sehr virtuosen Akt. Dann begegnet sie Alfredo und ahnt, dass zwischen ihnen eine große Liebe wächst. Das zerreißt sie innerlich und die Klangfarben ihrer Stimme laufen rauf und runter. Der zweite Akt ist teils sehr lyrisch. Auf Piani folgen große Gefühlsausbrüche. Eine leichte Stimme, die im ersten Akt noch glänzen konnte, schafft es hier nicht mehr. Im dritten Akt braucht man dann den dramatischen Sopran, es geht an die Substanz: Die todkranke Violetta sieht ihr Leben wie Körnchen in einer Sanduhr verrinnen. Sie ist schwach und verzweifelt, will dagegen ankämpfen. Ein Hoffnungsschimmer blitzt auf, als Alfredo noch rechtzeitig kommt, um sie zu sehen. Doch sie stirbt in seinen Armen.

ARTE: Wie ist es, auf der Opernbühne zu sterben?

DIANA DAMRAU: Wunderschön! Und leichter, als Komödie zu spielen. Denn da ist das Tempo viel zackiger. Tragödien sind einfacher zu realisieren. Man darf nur nicht allzu sehr übertreiben, sonst wirkt es billig und melodramatisch.

ARTE: Die Rolle wurde Ihnen mehrmals angeboten. Fühlten Sie sich erst jetzt reif genug, sie zu singen?

DIANA DAMRAU: Ja. Durch die Geburt meiner Söhne, das hormonelle Auf und Ab hat sich die Stimme verändert. Sie hat in der mittleren und tiefen Lage an Volumen, an Dunkelheit gewonnen und die Höhe hat mehr Charakter. Sie klingt nicht mehr nach Mädchen, sondern nach Frau.

ARTE: Ein Rezensent schrieb, Verdis „männliche Gestaltung“ würde verhindern, dass sein Seelendrama banal wird. Was meint er damit? 

DIANA DAMRAU: Man darf nicht weinerlich werden. Denn Violetta hat sich unter Kontrolle. Sie ist eine gebildete Frau, die sich in einer Männerwelt ihren Platz erkämpft hat. Sie hat für sich entschieden, weder ein Mütterlein zu werden, noch einen vermögenden Mann zu heiraten, den sie nicht liebt. Wichtig ist, ihre psychologische Entwicklung zu zeigen, anstatt nur die große Liebe zu inszenieren.

ARTE: „La Traviata“ heißt „die vom rechten Weg Abgeirrte“. Inwiefern trifft das auf Violetta zu?

DIANA DAMRAU: So bezeichnet sie sich selbst, weil die Gesellschaft, in der sie sich bewegt, eine Frau wie sie nicht toleriert. Doch am Ende zeigt sie Größe, mehr als alle anderen. Sie denkt nicht an ihre eigenen Bedürfnisse, sondern handelt aus Liebe, als sie sich von Alfredo trennt, um dessen Familie nicht zu schaden.

ARTE: Wie viel „Traviata“ steckt in Ihnen?

DIANA DAMRAU: Wie Violetta bin ich recht bodenständig und lasse mich nicht vom schönen Schein und materiellen Dingen blenden. Und ich bin gläubig, allerdings mit Abstand zur Kirche.

ARTE: Vor der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov in der Scala, die am 7. Dezember bei ARTE zu sehen ist, debütierten Sie im März als Violetta an der Metropolitan Opera, New York. Was war das Besondere?

DIANA DAMRAU: Diese Inszenierung von Willy Decker war die Übernahme einer Produktion der Salzburger Festspiele aus dem Jahr 2005, in der alles in Schwarz und Weiß gehalten ist. Nur Violetta trägt als Sinnbild ihrer starken Gefühle ein feuerrotes Kleid und hochhackige Schuhe, die sie gleichzeitig als Folterinstrumente gegen sich selbst begreift, als Symbol für ihr Leben als Kurtisane.

ARTE: Wie wichtig sind in „La Traviata“ die Inszenierung und die Kostüme?

DIANA DAMRAU: Eigentlich erzählt die Musik bereits alles, und trotzdem zählt die Optik. Eine Teresa Stratas in Zeffirellis Verfilmung war fragil. Bei mir musste man nachhelfen, mich kränklicher aussehen lassen. Als die Met diese Inszenierung übernahm, mit mir in der Hauptrolle, musste das Kleid angepasst werden: Es war kurz nach der Geburt meines zweiten Kindes. Ich sah so gesund aus, das passte nicht zur kranken Violetta. Doch die Aura dieser tragischen Figur muss vom ganzen Ensemble getragen werden. Im Theater heißt es: „Den König spielen immer die anderen.“ So ist es auch mit der Figur der Violetta.

 

Interview: Teresa Pieschacón Raphael für das ARTE Magazin

 

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Biografie

Diana Damrau, geboren am 31. Mai 1971 in Günzburg, studierte Gesang in Würzburg und Salzburg. 1995 gibt sie ihr Operndebüt und ist seither in den großen Opernhäusern weltweit zu erleben. Durch ihren Beitrag bei der Eröffnungsgala der Fußball-WM 2006 wurde sie einem Millionenpublikum bekannt. Neben der Oper widmet sie sich auch dem Liedgesang

Diskografie

„Forever“ (Erato, 2013), „Liszt Lieder“ (Virgin Classics, 2011), „Poesie“ (Virgin Classics, 2011), „Arie di Bravura“ (Virgin Classics, 2007)

(Auswahl)

 

ARTE Oper 

La Traviata – Live aus der Mailänder Scala 

Sa · 7.12. · 20.15 

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter www.arte.tv/verdi

 

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Kategorien: Dezember 2013