TYPISCH FRANKREICH

Gerolltes Glück

(c) Drushba Pankow

(c) Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Warum Franzosen im Dezember Holz nicht vor der Hütte, sondern im Kühlschrank haben.

Ein Holzscheit ist eine schöne Sache, vor allem im Winter. Es lässt das Kaminfeuer knistern, verströmt Wärme und Weihnachtsgefühl – so man denn einen Kamin hat, was weder bei Deutschen noch bei Franzosen eine Selbstverständlichkeit ist. Der Unterschied: Deutsche, die keinen Kamin haben, haben in der logischen Folge eher kein Holzscheit. Franzosen aber doch, zumindest in der Weihnachtszeit. Sie lagern es in ihrem Kühlschrank und nennen es „la bûche de Noël“.

Deutsche haben Adventsbräuche, von denen Franzosen, außer denen an der deutschen Grenze vielleicht, nicht einmal träumen: Kalender und Märkte, Kränze mit Kerzen darauf, Glühwein, Lebkuchen, Zwetschgenmännlein, Nikolaus und Ruprecht, eine Palette an stimmungsvollen Liedern, all das ummantelt von wohliger, bedeutungsschwerer Festlichkeit. Franzosen haben weniger Brauchtum, dafür aber, wie jeder weiß, das feinere Essen. Doch wenn in Frankreich beides, Brauchtum und Essen, aufeinandertrifft, entsteht etwas so Wunderbares wie „la bûche de Noël“, das Weihnachtsholzscheit.

Kein Weihnachten ohne „bûche“: Dieses Dessert, der Kuchen aller Kuchen, ist ein süßes Laster aus Mousse, Crème pâtissière oder Buttercreme in Form eines Baumstammes – aber ursprünglich gar kein Kuchen gewesen. In der Zeit, als Familie, Haus und Hof sich noch um den Kamin versammelten, war „la bûche de Noël“ ein echtes Holzscheit. Am Vorabend des Weihnachtstages wurde es entfacht, oft mit Holzresten vom Vorjahr. Kam die Familie aus der Messe zurück, nahm sie im Schein dieses Feuers das Weihnachtsmenü ein. Das Entzünden des Stammes, der gesegnet wurde, galt als schützendes Ritual, weshalb das Feuer drei Tage lang brennen musste: Die Asche, so glaubte man, hielt den Teufel fern. Als dann Feuerstellen und Kamine aus den Haushalten verschwanden, wurde aus dem Scheit ein Nachtisch: Gebacken wird er in Frankreich seit dem 19. Jahrhundert.

Traditionell ist „la bûche“ eine Biskuitrolle mit Buttercreme – ein Stück gerolltes Glück. Aber Frankreich hat auch Heerscharen meisterhafter Konditoren, die „la bûche“ Jahr für Jahr neu interpretieren. Ob mit dunkler Schokolade und Fleur de Sel, roten Früchten und Bourbon-Vanille, hartem Karamell und weicher Ganache: Die Fülle an Geschmäckern und Texturen, Formen und Dekorationen ist grenzenlos. Auch der Kauf, der oft bedeutet, stundenlang Schlange zu stehen, ist keine Banalität. Daher laden gute Pâtissiers zur „dégustation“, einer Verkostung, ein. Wer das mitgemacht hat, weiß: Frankreich hat zwar wenige Weihnachtsbräuche. Aber ein einziges Löffelchen „bûche“ im Mund kann dazu führen, dass man die Engel jubilieren hört.

 

Katja Ernst für das ARTE Magazin

Weitere französische und auch deutsche
Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

www.arte.tv/karambolage  

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Kategorien: Dezember 2013