TYPISCH FRANKREICH
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Mut zur Lücke

 

© Drushba Pankow

© Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Im trüben November stellen wir die heitere Frage: Bringen Zahnlücken Glück?

Franzosen haben den Ruf, für die Kunst des Lebens, Liebens und vielleicht auch des Glücklichseins begabter zu sein als die Deutschen. Trotzdem belegen sie im jüngst veröffentlichten UN-Glücksreport Rang 25, nur einen vor uns. Die Kriterien wie Pro-Kopf-Einkommen oder Lebenserwartung waren vielleicht allzu nüchtern: Die Frage nach dem Lebensglück, ist sie nicht subtiler? Macht nicht oft gerade das glücklich, was nichtig erscheint?

In Frankreich gab es in den 1990er Jahren einen Film, eine Komödie über das leichte Leben à la française. Er hieß „Le bonheur est dans le pré“, „Das Glück liegt in der Wiese“, und lief erfolgreich auch in Deutschland. Doch was wäre, wenn das Glück der Franzosen nicht in der Wiese läge (oder auf ihren Tellern, oder in ihren Weingläsern, oder, oder, oder), sondern ganz woanders: in ihren – Mündern?

Die Rede ist von einer Fehlstellung der Zähne, der Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen, dem sogenannten Diastema. Was in Deutschland ein Makel, gilt in Frankreich als das gewisse Etwas: Menschen, die mit Diastema geboren werden, sind „chanceux“, vom Schicksal begünstigt. Sie haben „les dents du bonheur“ oder „dents de la chance“, Zähne, die Glück bringen. Sie sind Glückskinder.

Zahnärzte sagen, dass Patienten sich weigern, ihre „dents du bonheur“ richten zu lassen. War nicht Béatrice Dalle in dem Film „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ legendär sexy mit ihrer Glückslücke? Ist nicht Yannick Noah, Ex-Tennismann und Musiker mit stolzem Diastema, ein Glückspilz? Wer führte ein Leben wie die Birkin, die wie keine andere ihre Liebe zu Serge Gainsbourg besang? Und wen durchliefe es nicht heiß, wenn Vanessa Paradis, die Frau mit dem Engelsgesicht, ihren Mund öffnet und die schönste Zahnlücke Frankreichs offenbart? Deutsche können im Fernsehen und auf dem roten Teppich das wölfische Gebiss eines Jürgen Vogel gut finden – mehr aber auch nicht. Die Sexiness von Zahnlücken fällt einfach nicht in das Attraktivitätsschema der Deutschen.

Kein Geringerer als Napoléon muss herhalten, um den Volksglauben um die „dents du bonheur“ zu erklären (denn niemand kann wirklich sagen, woher er stammt). Napoléon also soll veranlassst haben, alle Soldaten mit Diastema aus seiner Armee auszumustern, denn die Männer brauchten beide Hände, um ihr Gewehr zu halten, und ein lückenloses Gebiss, um Pulvertüten beim Nachladen mit den Zähnen aufzureißen. Wer aber könnte am Ende glücklicher sein als ein Mensch, der nicht in den Krieg ziehen darf?

A propos „entwaffnen“: Gerade das Unperfekte im Perfekten kann unendlich charmant sein. Und der Mut zur Lücke – hat er nicht vielleicht doch auch etwas mit Lebenskunst zu tun?

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

Weitere französische und auch deutsche Egenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

www.arte.tv/karambolage 

DVD-TIPP: „Karambolage“ aus der ARTE Edition

 

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Kategorien: November 2013