LITERATUR

Irland ist weiblich

 

(c) Hans Baltzer

(c) Hans Baltzer

 Was macht die Seele eines Landes aus?
Das beantworten für ARTE Schriftstelleraus fünf Nationen. Edna O’Brien, die Grande Dame der irischen Literatur, sagt: Meine Heimat ist eine Braut, eine Dirne, eine Hexe. Für das ARTE Magazin schreibt sie
über „Mother Ireland“, ihr Mutterland.

 

Wie sind die Briten und warum sind sie so? Was zeichnet Italiener, Ungarn oder Iren aus? Und wie lässt sich der Herzschlag Spaniens fassen? Die Identität fünf europäischer Staaten aufzuspüren – das ist das Ziel der Dokureihe „Europa und seine Schriftsteller“. Ob der Brite Martin Amis, der Ungar Péter Esterházy oder der Italiener Claudio Magris – sie alle zeichnen für ARTE Porträts ihrer Länder, geprägt von Kriegen, Grenzen, den Nachbarn, Sprache, Einwanderung und vielem mehr.

„Irin? Ich möchte nichts anderes sein“, sagt die Schriftstellerin Edna O’Brien, obwohl sie seit über 50 Jahren in London lebt. Einsame Landschaften und die Macht des Katholizismus, irischer Humor und James Joyce: Für das ARTE Magazin beschreibt Edna O’Brien ihr ganz persönliches Irischsein – und ihr Geburtsland als Frau, als „Mutter Irland“.

 

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Irland vereint eine Vielzahl von Attributen und Klischees – bevölkert von Heiligen und Gelehrten, Dichtern und Möchtegern-Poeten, Mystikern und Märtyrern, Träumern und Geschäftemachern. Der englische Dichter G. K. Chesterton nannte sie „die großen Gälen von Irland, die Männer, die Gott verrückt erschaffen hat, denn all ihre Kriege sind fröhlich und all ihre Lieder sind traurig“. Es fällt auf, dass in Chestertons Lobgesang auf die Iren nur von Männern die Rede ist, denn Irland war und ist in sehr hohem Maße ein patriarchalisches Land.

Für mich wird Irland stets mein Mutterland sein und nicht mein Vaterland. In meinem Buch „Mother Ireland“ (1976, dt.: „Mein Irland“) beschreibe ich Irland als Frau – als einen Mutterleib, eine Höhle, eine Kuh, eine Sau, eine Braut, eine Dirne, als eine Rosaleen, die Mädchenfigur aus einem Gedicht des Poeten James Clarence Mangan, die eine patriotische Allegorie für Irland ist, und natürlich als die hagere Alte von Beare, eine hexenartige irische Sagengestalt. Mutter Irland ist die Quelle der Inspiration für die große mystische Dichtung eines William Butler Yeats und die himmlische, geißelnde Prosa eines Joyce, der sie mit der „Sau, die ihre Ferkel frisst“ verglich. Alle Adjektive, mit denen ihre Landschaft und somit ihre Einwohner je bedacht wurden, bleiben gültig: wild, rau, melancholisch, poetisch, heiter und stürmisch.

Ich liebe die irischen Landschaften sehr – sie sind mitunter sehr stimmungsvoll: Manchmal hat der Himmel eine zartviolette, graue, blaue oder rötliche Färbung, die selbst ein Kunstmaler nicht kopieren könnte. Es mag romantisch klingen, aber sie strahlen eine Einsamkeit aus, die einen Schriftsteller oder Maler inspirieren kann. Man betrachtet sie und plötzlich spürt man, dass auch die Landschaft menschlich ist und weint, singt und träumt. All das mit unseren begrenzten Mitteln einzufangen, gelingt uns Schriftstellern nie völlig, weil sich das Gesicht Irlands stetig wandelt; das Land ist ständig in Bewegung, und diese Bewegung ist – überschwänglich ist nicht das richtige Wort, aber es ist etwas Lebhaftes, das man auch in den Menschen wiederfindet. In ihrer Sprache und Gemütsart spiegelt sich ungeheuer viel Humor, weit mehr als bei den Briten. Wir Iren verdienen den ersten Preis in Sachen Humor.

Die Frage, welches Erbe Irlands ich in mir trage, ist komplex und meine Antwort fällt immer wieder anders aus. Wir Menschen in Irland sind geprägt von Geschichte und Geografie, von Krieg, Unterdrückung und Rebellion. Da Irland ein sehr kleines Land ist, gehört alles, was dort geschieht oder geschehen ist, zwangsläufig zu unserer eigenen, persönlichen Geschichte.

Ich bin meinem Land so dankbar für den Reichtum, den es mir geschenkt hat – und war zugleich so froh, es verlassen zu können, indem ich als junge Frau nach London ging, wo ich bis heute lebe. Dieser Zwiespalt steckt in mir und er steckte wohl auch in vielen anderen irischen Schriftstellern wie Joyce und Beckett, die in Paris lebten. Unser Erbe hat auch mit Verrücktheit zu tun. Um annähernd mit Gefühlstiefe zu schreiben, braucht man eine gewisse Geistesgestörtheit. Kafka betrachtete das Schreiben als kriminellen Akt.

Ich komme aus einem winzigen Dorf, wo es keine Literatur gab und das Wort Kultur unbekannt war – ich glaubte, man schreibe „culture“ mit „k“. Und wenn man nach etwas hungert, zum Beispiel nach Sprache und Erzählungen, wirkt dieser Hunger stimulierend. Er treibt einen an, immer intensiver nach dem zu suchen, was einem fehlt.

Als ich, von London aus, meine ersten Bücher schrieb, galt das als pure Niedertracht. Besonders meinen Erstling „The Country Girls“ (1960, dt.: „Die Fünfzehnjährigen“), ein Buch über den Ausbruch zweier Irinnen aus der Dorfgemeinschaft in die sexuell freizügige Großstadt, hielten selbst irische Verleger für eine Form des Verrats – genau wie meine Mutter. Sie erzählte mir, dass die protestantische Postbeamtin gesagt hatte, man müsse mich ausziehen und mit Schlägen durchs Dorf treiben. Ich fragte, warum ich dazu nackt sein müsse, aber das änderte nichts. Es gab ein Autodafé, nichts Großartiges, nur ein bescheidener Scheiterhaufen aus zwei Büchern, die zwei liebeshungrige Frauen gekauft hatten. Meine Mutter im Dorf war wütend und schämte sich für mich, ihre Tochter. Warum? Weil alle der Meinung waren, ich hätte die Gemeinschaft gedemütigt und verraten. Man schreibt ein Buch nicht, um jemanden zu verraten, aber sie wollten nicht auf mich hören.

Dann wurde der Roman verboten. Drei Männer, völlig anonyme Figuren irgendwo in Dublin, zensierten mein Buch. Es war gefährlich, es war erotisch, es war sündhaft und durfte so nicht durchgehen. Ich war in guter Gesellschaft: William Faulkner beispielsweise war dasselbe Unglück widerfahren, aber das wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass ich einen Fehltritt begangen hatte. Der führende Kopf war der Erzbischof von Dublin, John Charles McQuaid, ein krimineller, unmenschlicher Kerl. Er trug einen Ring, der aussah wie der Giftring der Lucrezia Borgia, und hatte seine Augen und Ohren überall. Seine tyrannische Haltung war unglaublich. Dabei ging es nicht nur um Religion, sondern auch sehr stark um Politik. In diesem Umfeld bin ich aufgewachsen. Ich lebte unter seinem Joch, doch trotz aller Strafen, die verhängt wurden, hat es mir ein Erbe hinterlassen: die Fähigkeit, eine Sache zu bekämpfen und zugleich zu lieben.

Da ist das Irland, das ich kannte, und das Irland, das ich heute kenne. Und da ist das Irland, über das ich schreibe und das sich von dem Irland unterscheidet, über das andere Autoren schreiben, da jeder von uns sein eigenes Fleckchen hat, aus dem er schöpft und das er neu erfindet. Ich meine, dass Irland weniger auf seine Politik und seine Kriege stolz sein darf als auf seine Literatur. Dieses Land, das in vielerlei Hinsicht auf kulturellem Gebiet völlig unbedarft war und auch dem Rest der Welt unbedarft gegenüberstand, hat zahlreiche überragende Schriftsteller hervorgebracht. James Joyce, ein zorniger, unterdrückter, aber auch vor Energie strotzender Mann, wollte gerade, weil er aus Irland stammte, die englische Sprache in Atome und subatomare Teilchen zerlegen und sie dann völlig neu wieder zusammensetzen – obwohl er nicht sehr stolz darauf war, Ire zu sein (aber ich glaube, insgeheim war er es doch). Joyce hat Irland durch seine Meisterschaft, seine Persönlichkeit und seine Kühnheit gewissermaßen geadelt; er hat als erster diesen steilen Weg beschritten, und wir, die anderen irischen Schriftsteller, bemühen uns noch, diesen Berg zu erklimmen. «

Edna O’Brien für das ARTE Magazin

 

ARTE Gastautorin

Edna O’Brien

Die Schriftstellerin Edna O’Brien, geb. 1930, wuchs in einer streng katholischen Farmerfamilie auf. Sie gilt als unbestechliche Chronistin Irlands. Zuletzt erschienen: „Country Girl“(2012, Memoiren, bisher nur in englischer Sprache)

 

ARTE Dokureihe

Europa und seine Schriftsteller

(1) Irland erzählt von Colm Tóibín, Robert McLiam Wilson, Edna O’Brien, Roddy Doyle

Mi · 6.11. · 21.55

(2) Italien erzählt von Erri De Luca und Claudio Magris

Mi · 13.11. · 22.00

(3) England erzählt von Martin Amis

Mi · 20.11. · 22.20

(4) Spanien erzählt von Juan Goytisolo, Manuel Rivas und Bernardo Atxaga

Mi · 27.11. · 22.10

(5) Ungarn erzählt von Péter Esterházy und Péter Nadas

Mi · 4.12. · 22.00

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter www.arte.tv/schriftsteller

 

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Kategorien: November 2013