SERIE

Die Hölle im Paradies

 

© ARTE France / See-Saw Films

© ARTE France / See-Saw Films

Ein schwangeres zwölfjähriges Mädchen verschwindet und eine Reihe mysteriöser Ereignisse nehmen ihren Lauf. ARTE zeigt „Top of the Lake“, die fesselnde erste Serie der preisgekrönten neuseeländischen Regisseurin Jane Campion. Ein Interview.

Mit dem Jagdgewehr auf dem Rücken wird die schwangere zwölfjährige Tui zum letzten Mal in der Nähe des Sees Laketop gesehen. Dann verschwindet sie spurlos. Mit grandiosen Bildern der Landschaft Neuseelands folgt Jane Campion in ihrer sechsteiligen Mystery-Serie „Top of the Lake“ den Ermittlungen eines Falls, die ein grausames Geheimnis zu Tage fördern. Vom Qualitätsanspruch amerikanischer Serien inspiriert, wagt sich die Oscargewinnerin Campion zum ersten Mal an eine Serie. Mit Erfolg: Bei der diesjährigen Berlinale sowie den Filmfestspielen von Cannes wurde „Top of the Lake“ gefeiert. In Cannes erhielt Jane Campion zudem einen Ehrenpreis – 20 Jahre nach ihrer Goldenen Palme für „Das Piano“. Mit dem Filmkritiker Michel Ciment sprach sie dort über ihre Leidenschaft für Neuseeland, über Frauen in den Wechseljahren und Harvey Keitel als Lehrmeister.

© ARTE France / See-Saw Films

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MICHEL CIMENT: Mit „Top of the Lake“ kehren Sie nach Neuseelandzurück. Welche Beziehung haben Sie zur Landschaft Ihrer Heimat?

JANE CAMPION: „Top of the Lake“ ist eine Liebeserklärung an die Wildheit der Südinsel Neuseelands. Meine Leidenschaft für die neuseeländische Landschaft ist teils an Erinnerungen und teils an die Gegenwart geknüpft. Ich glaube, die Landschaft eines Landes erscheint einer Person, die weggegangen ist, wesentlich romantischer als jemandem, der immer dort lebt. Meines Erachtens hat es mit unserer Suche nach einem idealen Ort zu tun. Aber wenn man dort lebt, erkennt man, dass das Paradies in Wirklichkeit nicht existiert. „Top of the Lake“ geht dieser Frage nach den Sorgen im Paradies nach.

MICHEL CIMENT: Heutzutage sind die Drehbuchautoren von Serien oft bekannter als die Regisseure. Sie haben „Top of the Lake“ mit Gerard Lee geschrieben. Was bedeutete die Zusammenarbeit für Sie?

JANE CAMPION: Ich hätte „Top of the Lake“ ohne Gerard Lee nicht machen können. Wir sind alte Freunde und hatten vor langer Zeit sogar eine Beziehung. Wenn man jemanden so gut kennt, kann man ehrlicher miteinander umgehen und direkter sagen, wenn einem etwas nicht gefällt. Das bringt wirklich voran und man fühlt sich vor allem nicht so allein. Außerdem hat Gerard Lee sehr viel Sinn für Humor. Es war in vielerlei Hinsicht eine meiner besten Erfahrungen.

MICHEL CIMENT: In der Serie gibt es verschiedene miteinander verbundene, aber doch unterschiedliche Welten. Die Gruppe der über 40-jährigen Frauen betrachten Sie mit einer gewissen Ironie …

JANE CAMPION: Ich mag an „Top of the Lake“, dass es ein mysteriöser Kriminalfall ist, es uns aber auch gelungen ist, Ernst und Humor zu verbinden. Die Art, wie wir mit den Menschen umgehen, ist die eigentliche Materie des Films: Diese Frauen in den Wechseljahren sind zwar
irgendwie albern, wachsen aber letztlich doch allen ans Herz.

MICHEL CIMENT: In Ihren Filmen begeben sich die Figuren oft auf Reisen. Sie selbst kamen mit Anfang 20 nach Europa. Inwiefern haben Ihre Aufenthalte Ihr Leben beeinflusst?

JANE CAMPION: Jeder in Neuseeland hat eine Auslandserfahrung, denn dort fühlt man sich am Ende der Welt – und das ist man ja auch! Deshalb muss man reisen. Als ich mit 21 nach Italien ging, wurde ich beim Berühren alter Mauern fast ohnmächtig. In Neuseeland ist alles höchstens 100 Jahre alt. Da wir keine geschichtliche Bürde zu tragen haben, sind wir, Neuseeländer und Australier, generell unerschrockener. Also packen wir die Dinge einfach an.

MICHEL CIMENT: Ihre erste Goldene Palme erhielten Sie 1986 für den Kurzfilm „Orangenschalen – Eine Übung in Disziplin“. Welchen Einfluss hatten Ihre Kurzfilme auf Ihre spätere Arbeit?

JANE CAMPION: Ich hätte meine Laufbahn nie mit einem Spielfilm starten können. Als ich beim Sydney Film Festival Kurzfilme sah, begann ich davon zu träumen, selbst einen zu machen. Mit einem Film, der noch an der Kunsthochschule entstand, gelang mir der Sprung an die Filmhochschule. Hier missfiel den meisten, was ich machte, da es eine sehr konservative Schule war. Umso überraschter war ich, als meine Kurzfilme in Australien auf Fes-tivals erfolgreich liefen. Es war letztlich gut, dass beim Studium niemand große Hoffnungen in mich setzte. So hat man viel mehr Gestaltungsfreiheit.
MICHEL CIMENT: Mit dem Film „Das Piano“ mit Holly Hunter und Harvey Keitel gelang Ihnen 1993 schließlich der Durchbruch. Was meinten Sie, als Sie einst sagten, die Zusammenarbeit mit Harvey Keitel habe Sie auf die Probe gestellt?

JANE CAMPION: Wie viele junge Filmemacher fürchtete ich mich vor Schauspielern. Als ich dann „Das Piano“ drehte, war mir klar, dass ich meine Schauspieler nicht wie Marionetten dirigieren konnte und sie ihr eigenes Temperament mitbringen. Und vor Harvey Keitel fürchtete ich mich wirklich. Also fragte ich ihn: „Harvey, du hast so viel Erfahrung und ich gar keine, wie soll das funktionieren – ich als deine Regisseurin?“ Worauf er erwiderte: „Lass mich dir einfach zeigen, was ich will – und ich verspreche dir, dass ich dann alles tue, was du sagst.“ Er übernahm die Führungsrolle und ich ging als Schülerin in seine Meisterklasse.

MICHEL CIMENT: Mit Erfolg – Sie sind die erste und bislang einzige Frau, die in Cannes mit einer Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Ist es für Frauen schwieriger, sich im Filmgeschäft zu behaupten?

JANE CAMPION: Die Tatsache, dass es immer noch so wenige Filmemacherinnen gibt, empört und langweilt gleichermaßen. Wahrscheinlich müsste uns erst ein Abraham Lincoln sagen: „Die Hälfte aller Filme auf der Welt muss von Frauen gemacht werden!“ Frauen hören auf Filmfestivals wie dem in Cannes immer nur: „Sie sind Regisseurin, was bedeutet das für Sie?“ Wie viele Männer werden gefragt: „Sie sind Regisseur, was bedeutet das für Sie?“ Wäre es nicht schön, wenn man uns einfach sagen würde: „Sie haben einen Film gedreht, herzlichen Glückwunsch!?“

Interview Michel Ciment für das ARTE Magazin bei der Quinzaine des Réalisateurs im Rahmen des Filmfestivals Cannes 2013

 

ARTE Interview

Jane Campion

Jane Campion wurde 1954 im neuseeländischen Wellington als Tochter einer Schauspielerin und eines Theaterregisseurs geboren. In Sydney studierte sie bis 1984 an der Australian Film, Television and Radio School. Als bislang einzige weibliche Regisseurin gewann sie die Goldene Palme beim Filmfestival von Cannes

 

ARTE Plus

Filmografie Jane Campion

„Bright Star“ (2009), „In the Cut“ (2003), „Holy Smoke! Auf der Suche nach der Erleuchtung“ (1999), „Portrait of a Lady“ (1996), „Das Piano“ (1993), „Ein Engel an meiner Tafel“ (1990), „Sweetie“ (1989) 

(Auswahl)

 ARTE Serie

Top of the Lake · 6-teilig · donnerstags · 7. und 14.11. · 20.15

ARTE Kurzfilme

Fr · 8.11.

Orangenschalen – Eine Übung in Disziplin · 00.10

A Girl’s Own Story · 00.20

Leidenschaftslose Augenblicke · 00.45

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter www.arte.tv/topofthelake

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Kategorien: November 2013