GESELLSCHAFT

Das obskure Objekt der Begierde

© Maya Goded

© Maya Goded

 Nie gesehene Bilder aus der Welt der Prostitution zeigt Michael Glawogger in seinem preisgekrönten Film „Whores’ Glory“ – und wahrt die Würde der Frauen. Einer von elf bemerkenswerten Beiträgen des Dokumentarfilmfestivals bei ARTE.

Am Anfang war der Titel. „Whores’ Glory“ würde dieser Dokumentarfilm heißen, „Der Ruhm“, „Die Würde“ oder „Die Ehre“ der Huren also – was keine Attribute sind, die für gewöhnlich die Welt der käuflichen Liebe beschreiben. Armut, Zwangspros-titution, Drogen, Menschenhandel, das ja – was aber hat „Glory“ in einem Film über Prostitutierte zu suchen, der vieles zeigt, aber nichts beschönigt?

Der österreichische Regisseur Michael Glawogger hatte vor „Whores’ Glory“ zwei viel beachtete Dokumentarfilme zum Thema Arbeitswelten vorgelegt: „Megacities“ (1998) über Menschen in den größten Metropolen der Welt und „Workingman’s Death“ (2004) über körperliche Schwerstarbeit rund um den Globus. 2011 fügte er seinen, wie er ihn nennt, Hurenfilm hinzu – als Abschluss seiner Trilogie über globale Arbeitswelten. Denn ob gern oder nicht, ob unter würdigen Bedingungen oder nicht, ob aus freien Stücken oder nicht: Prostituierte arbeiten. In diesem Kontext steht der Film.

Mit größtmöglichem Respekt

Der Titel „Whores’ Glory“ sei eine Verbeugung vor den Frauen, sagt Michael Glawogger. Er habe ihn gewählt, weil er mit größtmöglichem Respekt drehen wollte: „Mein Auftrag an mich selbst war: Mach die Frauen nicht runter, mach sie nicht von vorneherein zu Elenden, zu Opfern.“ Vier Jahre hat er an dem Film gearbeitet, mit dem er auch herausfinden wollte, was mit Menschen geschieht, wenn sie bezahlten Sex miteinander haben. Dafür recherchierte er an den unterschiedlichsten Schauplätzen käuflicher Liebe auf der ganzen Welt; er besuchte ein Bordell in Sibirien, wo die Frauen auf Plateau-stiefeln durch tiefen Schnee stöckelten und traf in Nigeria auf Prostituierte von durchschnittlich zwei Metern Körpergröße. In Thailand, Bangladesch und Mexiko machte er die Erfahrung, dass alle Prostituierten gläubig sind – und dass die Religion eines Landes das Gewerbe stark prägt.

© Vinai Dithjon

© Vinai Dithjon

Ein Film wie ein Altarbild

Der Zugang über die Religion faszinierte Glawogger so sehr, dass er sich entschied, seinen Film auf diese drei Länder, das buddhistische Thailand, das muslimische Bangladesch und das christliche Mexiko, zu beschränken und ihn dreiteilig anzulegen: als Tryptichon, als Altarbild, das zur formalen Klammer wurde. Ein katholisches Kunstwerk aus drei Weltreligionen – ein Widerspruch? „Für mich hat das gestimmt, weil ich aus einer katholischen Welt stamme und das auch mein Blick ist.“ Und so öffnet „Whores’ Glory“ erstmals Türen zu Universen der Prostitution in drei Kulturen, drei Religionen und drei sozialen Schichten – Türen zu einer Welt, die von vielfältigen Bildern und Mythen besetzt ist.

Der erste Teil des Films führt nach Thailand, wo Sexualität eher offen gelebt wird. Schauplatz ist ein Middle-bis-Upper-Class-Bordell in Bangkok, ein „Fish Tank“, ein sogenanntes Aquarium. Aquarium deshalb, weil die Frauen, mit Nummern versehen, in einem ausgeleuchteten Glaskasten sitzen. Die Freier, ausschließlich Einheimische, oft Geschäftsmänner, bestellen die Prostituierten nach einer ausführlichen Beschau durch die Scheibe. Für viele Frauen ist das ein Job, um das Budget ihrer Familien aufzubessern – den Großteil des Geldes, das die Freier zahlen, erhalten tatsächlich sie.

Anders im zweiten Teil, der ins muslimische Bangladesch führt, in eine ausgeprägte Männergesellschaft: In der „Stadt der Freude“ in der Kleinstadt Faridpur bündelt sich käufliche Liebe auf engstem Raum in einem mehrstöckigen Bordell-Ghetto. Während die Freier hier – und nur hier – ein Ventil für ihre Sexualität und machohafte Männlichkeit finden, leben die Prostituierten, oft Kindfrauen, in einer Art Matriarchat: Ältere Puffmütter, einst selbst Professionelle, halten die Mädchen, die sie gekauft haben und für sich anschaffen lassen, wie Sklavinnen. „Nirgendwo auf der Welt“, sagt Michael Glawogger, „habe ich so brutale Zuhälter gesehen, wie wenn sie Frauen sind.“

Im letzten Teil des Tryptichons, nahe der mexikanischen Grenze zu Texas, arbeiten die Frauen in „Zonas de tolerancia“, in Toleranzzonen. Hier ist Prostitution legal, die Einfahrt zur „Zona“ mit Schranken gesichert, die Polizei mit Kontrollen präsent. „Drive-In-Puff“ nennt Michael Glawogger den Hurenbezirk nahe der Großstadt Reynosa, wo die internationale Kundschaft aus dicken Autos heraus das Angebot auf den Bordsteinen sondiert. Charakteristisch für die „Zona“ ist auch die große Solidarität unter den Frauen, das allgegenwärtige Crack und die inbrünstige Verehrung und Anbetung einer Mutter Gottes, die mit Schuld und Todessehnsucht aufgeladen ist.

Der Kunde mit der Kamera

„Whores’ Glory“ beruht auf einem Geschäft: Der Filmemacher bezahlte, um drehen zu können – auch die Frauen. „Ich war der Kunde mit der Kamera und finde das völlig legitim“, sagt er. In diesem Gewerbe laufe ohne Bezahlung nichts, außerdem nähmen die Frauen, wenn sie sich filmen ließen, ein Risiko auf sich. Und schließlich mache er künstlerische Dokumentarfilme und keinen Journalismus: „Für mich ist es eine Unart, dass man sich das Leben anderer nimmt, daraus einen Film macht, ihn verkauft und den Leuten nichts gibt. Das ist eine Haltungsfrage.“ Glawogger definiert sich als Dokumentarfilmer, der sich möglichst einer Wertung, eines Urteils enthält – was sicher dazu auch beigetragen hat, dass „Whores’ Glory“, 2011 fertiggestellt, im selben Jahr den Jury-Spezialpreis der Biennale Venedig und 2012 den Österreichischen Filmpreis in den Kategorien „Bester Dokumentarfilm“ und „Beste Kamera“ erhielt.

Wie in allen seinen Filmen fing er auch diesmal Widersprüche, Leid und Schönheit ein, indem er zuhörte und zuschaute. Er ließ die Kamera beob-achten, sie lange auf Gesichtern, Körpern und Details verharren. Dazu verbrachte er sehr viel Zeit in den Milieus; wirklich in eine Welt einzudringen, in der er dreht, ist ein absolutes Muss, sagt Glawogger: „Für Dokumentarfilmer gilt, in Abwandlung eines Wittgenstein-Zitats: Was du nicht filmen kannst, darüber musst du schweigen“. In Mexiko filmte er auch, wie eine Frau ihre Arbeit tut, die Dienstleis-tung vom Anfang bis zum Schluss. Die Szene zeigt Prostitution als Handwerk: „Beim Sichten des Materials hat mich sofort die Umkehrung der Machtverhältnisse überrascht: Draußen wird kokettiert, um den Kunden hereinzulocken, doch sobald die Zimmertür zugeht, wird die Frau geschäftstüchtig – und übernimmt das Kommando. An der Szene ist so faszinierend, dass das Verhalten, das die Frau Tag für Tag bei ihren Kunden zeigt, sofort hervortritt. Das ist es, was Dokumentarfilm leisten kann: dass er die kleinen Gesten im Alltag zeigt.“

Mit das Interessanteste war für Glawogger die Normalität, die ihm in den Milieus entgegenschlug: die Erfahrung, dass Bordelle, diese Projektionsflächen für das Geheimnisvolle, für den Reiz des Verbotenen, gewöhnliche Welten mit Regeln, einer Hackordnung und einer Nachbarschaft sind – gestrickt wie ein Kiez, eine Kleinstadt: „eine Normalität, die erschrecken kann“. Katja Ernst

 

Das Dokumentarfilmfestival bei ARTE

Fürs Kino gedreht und vielfach ausgezeichnet: Von Donnerstag, 24.11. bis Sonntag, 28.11. bringt ARTE elf lange Dokumentarfilme auf den Bildschirm   

Cinema Jenin: Die Geschichte eines Traums

Ein verfallenes Kino in Palästina soll Kulturzentrum werden. Von Marcus Vetter („Das Herz von Jenin“).
Dt. Filmpreis 2010; Friedenspreis
des Deutschen Films 2011.
> Sonntag · 24.11. · 22.15

Das fehlende Bild

Regisseur Rithy Panh aus Kambodscha erzählt die Geschichte seiner Familie – sie starb unter der Herr-schaft der Roten Khmer. > Sonntag · 24.11. · 23.50

Die Wohnung

Filmemacher Arnon Goldfinger stößt in der Wohnung seiner Großmutter auf einen erstaunlichen Abschnitt deutsch-israelischer Geschichte. U. a. Bavarian Film Award 2012.  > Montag · 25.11. · 21.50

Mein Herz der Finsternis

Vier Kriegsveteranen des angolanischen Bürgerkriegs reisen zurück in die Vergangenheit, auf der Suche nach Sühne und Versöhnung. Von Staffan Julén und Marius van Niekerk. > Montag · 25.11. · 23.20

The Big Eden

Alternder Playboy, Lebe- und Geschäftsmann, Diskothekenkönig und einst der „peinlichste Berliner“: Regisseur Peter Dörfler ist dem Phänomen Rolf Eden auf der Spur. > Dienstag · 26.11. · 20.15

Women are Heroes: Frauen sind Heldinnen

Der französische Fotograf JR plakatiert großflächige Porträts von Frauen aus Kriegs- und Krisen-
gebieten an ihren Heimatorten. > Dienstag · 26.11. · 21.45

Larzac – Aufstand der Bauern

Regisseur Christian Rouaud dokumentiert den legendären Kampf der Bauern aus der französischen Region Larzac gegen die Errichtung eines Militärgebiets. > Dienstag · 26.11. · 23.10

BB, eine Liebeserklärung

Eine sehr persönliche Hommage an Brigitte Bardot von Filmemacher David Teboul. Die deutsche Filmfassung sprechen Matthias Brandt und Maria Schrader. > Mittwoch · 27.11. · 20.15

Michel Petrucciani: Leben gegen die Zeit

Die Geschichte des französischen Jazzmusikers Michel Petrucciani, der an der Glasknochenkrankheit litt. Porträt von Michael Radford. > Mittwoch · 27.11. · 23.05

Whores’ Glory

Einblicke in Bordelle in Thailand, Bangladesch und Mexiko von Michael Glawogger. Spezialpreis der Jury der Filmfestspiele Venedig 2011; Österreichischer Filmpreis 2012. > Donnerstag · 28.11. · 23.15

Fix me

Raed Andoni lebt im Westjordanland – und dokumentiert humorvoll seine verzweifelte Suche nach einer Therapie in Ramallah. Denn er hat brüllende Kopfschmerzen … > Donnerstag · 28.11. · 01.05

 

ARTE Plus

Michael Glawogger – Filmografie

„Whores’ Glory“ (Dokumentarfilm, 2011), „Contact High“ (Komödie, 2009), „Das Vaterspiel“ (Drama, 2009), „Slumming“ (Tragikomödie, 2005), „Workingman’s Death“ (Dokumentarfilm, 2004), „Nacktschnecken“ (Tragikomödie, 2004),
„Zur Lage“ (Dokumentarfilm, 2004), „Frankreich, wir kommen“ (Dokumentarfilm, 1999),
„Megacities“ (Dokumentarfilm, 1998)

 (Auswahl)

 

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Kategorien: November 2013