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COEN-FILMREIHE: Die Blues Brothers

 

(c) ARTE France / Universal

(c) ARTE France / Universal

 

Musik ist die heimliche Hauptdarstellerin in vielen Filmen von Joel und Ethan Coen. Kurz vor dem Kinostart des neuen Musikfilms der beiden Brüder, „Inside Llewyn Davis“, zeigt ARTE sechs ihrer Kultfilme – eine vibrierende Reise durch das Klang-Universum der Coens.

  – „Was für Musik machst du?“

– „Folksongs.“

– „Folksongs? Hast du nicht gesagt, du bist Musiker?“

Es ist nur ein knapper Wortwechsel zwischen einem Jazzvirtuosen und einem jungen Liedermacher, aber er verrät einiges über den lakonischen Humor der Brüder Joel und Ethan Coen, die diesen Dialog für ihren neuen Film geschrieben haben. „Inside Llewyn Davis“ handelt von einem verhinderten Künstler im Greenwich Village der 1960er Jahre – einem der vielen Typen, aus denen dann doch kein Bob Dylan werden sollte.

Um das mal groteske, mal tragische, aber immer unterhaltsame Scheitern ihrer Protagonisten an den eigenen Ansprüchen und der Gleichgültigkeit der Welt geht es im Grunde in fast allen Spielfilmen der beiden Brüder aus Minneapolis: die Gangsterklamotte „Arizona Junior“ (1987), der eisige Krimi „Fargo“ (1996), die psychedelische Komödie „The Big Lebowski“ (1998) oder die Krimikomödie „Burn After Reading“ (2008). Mit dem Wort „Kult“ sollte man zwar vorsichtig sein, aber die Coens haben sich die Zuschreibung als Kultregisseure redlich verdient. Ihre Kritiker wenden ein, ihnen sei die vollendete Form wichtiger als die Handlung; ihre Fans entgegnen, dass genau das den eigentümlichen Reiz ihrer Filme ausmacht. Zumal in fast jeder Szene die Musik in einer gewissen Spannung zur Handlung steht. Sogar dann, wenn sie fast ganz verstummt wie im Neowestern „True Grit – Vergeltung“ (2010), als nur noch der Wind zu hören ist.

Kuratierte Klampfenklassiker. Auch bei „Inside Llewyn Davis“, der am 5. Dezember in die deutschen Kinos kommt, spielen große Schauspieler nur Nebenrollen. Die Hauptrolle ist hier weniger dem blassen Helden als vielmehr der Musik selbst vorbehalten. Natürlich ist auch Bob Dylan vertreten, vor allem aber gibt es lange verschüttet geglaubte Klampfenklassiker aus den Anfangstagen der Folk-Bewegung, eingespielt von Musikern wie Justin Timberlake oder Marcus Mumford von der Neofolk-Kapelle Mumford & Sons. Der Soundtrack klingt daher auch nicht nach einem liebevollen Mixtape wie es andere Regisseure ihrem Publikum gerne parallel zum Film liefern, er klingt wie ein Rundgang durchs Folk-Museum. Kuratiert und regelrecht wieder zum Leben erweckt hat diese Musik mit Joseph Henry „T-Bone“ Burnett ein langjähriger, inzwischen unverzichtbarer Kollaborateur der Coens. Neben der Veröffentlichung der Platte zum Film brachte Burnett auch Legenden wie Patti Smith oder Joan Baez dazu, am 29. September in New York ein Konzert zum Film zu spielen.

Auf Konzerttournee. Es ist nicht das erste Mal, dass einer der Coen-Filme den Anlass liefert, eine ganze musikalische Ära wiederzuentdecken. Mit „O Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odyssee“ (2000) adaptierten die Coens Homers „Odyssee“ und verlegten sie, mit George Clooney in der Hauptrolle, in die Südstaaten der frühen 1930er Jahre. Darin geraten drei aneinander gekettete Häftlinge zufällig in ein Tonstudio und singen mit „I Am a Man of Constant Sorrow“ einen Song ein, der sie zu Stars macht. Im weiteren Verlauf der Geschichte avanciert das Lied zur Erkennungsmelodie und ist längst ein Ohrwurm, wenn der Abspann läuft. Tatsächlich war bei diesem Film der Soundtrack schon fertig, bevor überhaupt die erste Szene abgedreht war. Dafür arbeiteten die Coens erstmals mit dem Musikveteranen „T-Bone“ Burnett zusammen. Das frühere Mitglied der „Rolling Thunder“-Revue, einer von Bob Dylan initiierten Konzerttournee in den 70er Jahren, ist ausgewiesener Spezialist für Folk, Gospel, Blues und Hillbilly. Akribisch ließ er zahlreiche Klassiker von zeitgenössischen Künstlern neu einspielen, darunter den circa 100 Jahre alten Hit „I Am a Man of Constant Sorrow“. Der Erfolg dieser Musik übertraf den der Komödie „O Brother, Where Art Thou?“ um ein Vielfaches und läutete die Renaissance eines Genres ein: Mit acht Millionen verkauften Platten und einem Grammy kam der frische Bluegrass nach alten Rezepten so gut an, dass Burnett erstmals eine ganze Reihe der beteiligten Künstler als regelrechte „O Brother“-Revue auf US-Tournee schickte.

 

© Focus Features

© Focus Features

Landschaft in Noten gefasst. Fast scheint es, als würden Joel und Ethan Coen hinter diesen Spektakeln ein wenig verblassen. Seit Jahrzehnten arbeiten sie als Autorenfilmer, die Buch, Regie, Produktion, sogar den Schnitt nur ungern aus der Hand geben. Wie alle großen Künstler vermeiden sie den Fehler, ihre Werke und auch den Stellenwert von Musik zu erklären. Da mochten noch so viele Filmwissenschaftler darauf hinweisen, dass die einzige Wärme in einem Film wie „Fargo“ von der Musik kommt – die Brüder zuckten mit den Schultern und schüttelten die Köpfe: Nein, Musik interessiere sie eigentlich kaum. Klar, „für Filme ist Musik wichtiger, als die meisten Menschen denken“, sagte Ethan Coen einmal. Ihm und seinem Bruder aber sei das Thema schon in ihrer Kindheit und Jugend eher gleichgültig gewesen. So erklärte Joel Coen kürzlich, seine Eltern „hörten so wenig Musik, dass sie es nicht einmal merkten, dass ich ihre Anlage mitnahm, als ich aufs College ging“. Wenngleich der Mutter, einer Kunsthistorikerin, zugestanden werden sollte, dass sie das Auge ihrer Söhne geschult hat. Früh begannen die Brüder mit rudimentärem Equipment kleine Horrorfilme zu drehen, ihre ersten Aufträge waren Musikvideos. Seit ihrem ersten Kinofilm „Blood Simple“ (1984) arbeiten die Coens auch mit dem Komponisten Carter Burwell zusammen. Besonders bemerkenswert ist seine Arbeit für den Film „Fargo“, für den Burwell die verschneite Leere der Landschaft in Noten fasste, die ein altes norwegisches Volkslied variieren. Anders als seine Auftraggeber äußert sich Burwell gerne über seinen ungewöhnlichen Ansatz: „Die Musik hat nichts damit zu tun, was jemand auf der Leinwand macht. Sie impliziert, dass da etwas sein muss, was man nicht sieht, dass noch etwas anderes da sein muss, von dem die Protagonisten keine Ahnung haben.“ Musik sorgt dort für Spannung, wo bei den Coen-Brüdern oft die äußere Ruhe ihrer Helden in Kontrast zu inneren Tumulten steht.

Hotel California. Der clevere Einsatz populärer Musik hat den Coens auch ihren bisher größten Erfolg beschert. In der Komödie „The Big Lebowski“ spielt Jeff Bridges einen sympathischen Nichtsnutz, den „Dude“. Im Vorspann läuft Bob Dylans „The Man in Me“, später kehrt der Song in einer Traumsequenz des Helden wieder und läuft, nachdem dieser erwacht ist, ganz leise auf dessen Walkman weiter. Wie in der klassischen Musik bekommt auch der Bösewicht sein Thema: Der „Dude“ hasst „Hotel California“ von den Eagles, und prompt wird sein Gegenspieler auf der Bowlingbahn mit diesem Song eingeführt – in einer besonders scheußlichen Flamenco-Version der Gypsy Kings. Nicht auszudenken, welche Geschichten die Coens mit ihrem Wissen um die Wirkung von Musik noch erzählen werden. Ihr nächster Film ist, wie man hört, bereits in Arbeit. Und soll von einem Opernsänger handeln.

 ARNO FRANK für das ARTE Magazin

 

 ARTE Plus

Musik von Burwell und Burnett in den Coen-Filmen

Seit ihrem ersten Film „Blood Simple“ (1984) arbeiteten die Coen-Brüder 15-mal mit dem Komponisten Carter Burwell zusammen. Joseph Henry „T-Bone“ Burnett stand den Coens bereits viermal musikalisch zur Seite

Filmmusik

 Burwell:
„Fargo/Barton Fink“ (Tvt 2005); „Raising Arizona/Blood Simple“ (Varèse Sarabande 2011)

 Burnett:
„Inside Llewyn Davis“ (Nonesuch 11/2013)

 Burwell und Burnett:
„The Big Lebowski“ (Mercury 1998);
„O Brother, Where Art Thou?“ (Mercury 2002) 

 (Auswahl)

 ARTE Filmreihe

Best of Coen-Brothers

 The Big Lebowski · Komödie · Mo · 4.11. · 20.15

 A Serious Man · Tragikomödie · Mo · 4.11. · 22.05

O Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odyssee · Komödie · Mi · 6.11. · 20.15 

Fargo · Krimi · Mo · 11.11. · 20.15

Blood Simple – Eine mörderische Nacht · Krimikomödie · Mo · 11.11. · 21.45

 Hudsucker – Der große Sprung · Satire · Mi · 13.11. · 20.15

 Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter www.arte.tv/coen

 

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Kategorien: November 2013