TYPISCH FRANKREICH

Pillen für alle

Drushba Pankow

Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie
wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Im Oktober beginnt auch in Frankreich die Schnupfenzeit. Doch das Land ist gerüstet.

Die Masern sind zurück in Deutschland, mit fatalen, teils tödlichen Folgen. Impfgegner – Eltern, Ärzte, Heilpraktiker – haben die Epidemie beschleunigt. Natürlich heilen, das gilt vielen Deutschen als Königsweg. Antibiotika sind des Teufels, und war die Einnahme unumgänglich, saniere man hinterher bitteschön die Darmflora. Das Baby fiebert? Homöopathie, Wadenwickel! Ohrenschmerzen? Ein Zwiebelsack wirkt Wunder, das wusste schon die Oma, und wenn nicht, dann weiß es heute der HNO. Am allerwichtigsten aber, und das weiß wirklich jeder, sind Liebe, Schlaf und Kräutertee. Schmerzen dagegen sind zu ertragen, bis zu einem gewissen Punkt, denn Paracetamol macht die Leber kaputt.

In Frankreich ist Paracetamol das meistverkaufte Medikament, Ärzte verschreiben es vorbeugend, flächendeckend, in Großpackungen. Schmerzen, und das ist durchaus sehr angenehm, soll niemand haben. Warum auch, wenn man sie ausschalten kann? Frauen entbinden systematisch mit Rückenmarkspritze und kaum ein Patient kann sich so schnell wegducken, wie ihm Antibiotika und Kortison hinterhergeworfen werden. Überhaupt: Gesundwerden aus eigener Kraft, wozu soll das gut sein? Körper können kontrolliert werden, ist das nicht wunderbar?

Ja, Franzosen sind medikamentenhörig. Medikamente sind gut, viele Medikamente sind besser, viele harte Medikamente sind am allerbesten. 48 Packungen hat sich jeder Franzose 2012 im Durchschnitt einverleibt, 95 Prozent aller Patienten verlassen die Arztpraxis mit Rezept. Medikamente sind im EU-Vergleich spottbillig, trotzdem geben Franzosen mehr Geld für sie aus als alle anderen Europäer. Nicht für Mittel gegen schwere Krankheiten wie Krebs oder Parkinson, sondern für solche gegen leichte Schmerzen und alltägliche Infekte – und für Psychopharmaka: Bei der Einnahme von Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigungsmitteln sind Franzosen absolute Weltklasse. Zwar gibt es auch in Frankreich viele Alternativen zur Schulmedizin wie Homöopathie, Osteopathie und Akkupunktur, trotzdem ist das Land im Dauerkrieg. Es schießt scharf – auf Viren und Bakterien, Seelenleid und Schlaflosigkeit, ja, auf alle Angreifer, die den Bürger seinem Alltag entreißen.

Doch jeder Krieg kostet Geld, sehr viel Geld, und so wird der bulimische Umgang mit Medikamenten in Frankreich heiß diskutiert. Das Gesundheitssystem ist Schuld, so der Tenor der Experten. Und einer sprach folgende These aus, die er selbst gewagt nannte: Franzosen gehen in die Apotheke wie Katholiken zur Heiligen Kommunion; sie tauschen ihre kranken gegen gesunde Körper wie Gläubige bei der Eucharistie ihre sündigen gegen reine Seelen. Ein Wadenwickel, so viel ist sicher, ist nichts dagegen.

Katja Ernst für das ARTE Magazin

Weitere französische und auch deutsche
Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

www.arte.tv/karambolage 

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Kategorien: Oktober 2013