GESELLSCHAFT

Künstliche Burger

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Der Hunger auf Fleisch wächst – ein Problem für Klima, Mensch und Tier. Nun präsentierten Forscher das weltweit erste Hacksteak aus der Petrischale. Eine ARTE-Doku geht der Frage nach: Ist Retortenfleisch die Zukunft?

Es war eine Weltpremiere und wohl die Verkostung des Jahres: Der erste Hamburger aus Laborfleisch wurde Anfang August 2013 in London der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Sechs Jahre lang hat Professor Mark Post von der Universität Maas-tricht auf diesen Moment hingearbeitet. Mehrere Millionen Euro kostete das Projekt insgesamt, das zum größten Teil von einem privaten US-Investor finanziert wurde. Mit seiner Forschung verfolgt Mark Post zwei Ziele: Alle Menschen sollen so viel Fleisch essen können, wie sie möchten – und dabei die Umwelt nicht weiter belasten. Denn längst ist klar: Der Fleischkonsum der Weltbevölkerung hat eine kritische Marke erreicht. 15,5 Kilogramm Rindfleisch, 41,3 Kilogramm Schweinefleisch und 23,6 Kilogramm Geflügelfleisch hat allein im Jahr 2012 jeder EU-Bürger im Durchschnitt gekauft. Dazu kommt: In Entwicklungs- und Schwellenländern ist Fleisch ein Symbol des Aufstiegs. Gerade in Ländern wie China und Brasilien wächst der Appetit. Schon heute werden 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche weltweit für die Fleischerzeugung verwendet. Bis zum Jahr 2050, so die Prognose der Agrarorganisation der Vereinten Nationen, werde die Nachfrage nach Fleisch um weitere 73 Prozent steigen. Das würde bedeuten: Noch mehr Land ginge für den Anbau von Futtermittel verloren. Und noch mehr Nutztiere würden mit ihrem Methanausstoß die Erderwärmung antreiben. Von den ethischen Bedenken gegenüber einer auf Effizienz getrimmten Massentierhaltung abgesehen, hätte ein maßloser Fleischkonsum auch für die Gesundheit des Menschen fatale Folgen: Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebsraten würden drastisch zunehmen. Beunruhigende Aussichten – für Agrarwissenschaftler und Klimaforscher, Tierschützer und Ärzte.

Alternative aus der Retorte. Will man Hunger bekämpfen und das Klima schonen, führt kein Weg am künstlichen Fleisch vorbei, davon ist Mark Post überzeugt. Der Wissenschaftler hat mit verschiedenen Teams an Zellkulturen gearbeitet. Das synthetische Fleisch gewinnen Forscher in einem aufwendigen Verfahren, bei dem Rindern adulte Muskelstammzellen entnommen werden – das sind Zellen, die sich zu jenen Zellen entwickeln, die dann Muskelfasern bilden. In einer Nährlösung angesiedelt, vermehren sie sich und entwickeln sich von einem losen Zellhaufen zu festem Muskelgewebe. 40 Milliarden Zellen fügen sich so zu etwa 20.000 Muskelfasern zusammen, aus denen wiederum so viel Fleisch entsteht, dass eine Petrischale gefüllt werden kann. Wie lange der Zellhaufen dazu braucht? Bei der Laborfleisch-Premiere in London sagte Mark Post: „Dieser Burger wurde in drei Monaten hergestellt – schneller, als eine Kuh heranwachsen kann.“ Kann In-Vitro-Fleisch also ein zukunftsweisendes Ernährungsmodell sein? Die Vorteile liegen auf der Hand: Kein Tier muss für den Konsum sterben, die künstliche Fleischproduktion braucht weder Weide noch Stall. Wie klimafreundlich das im Labor gezüchtete Fleisch tatsächlich ist, hat die Agrarökologin Hanna Tuomisto von der Universität Oxford ausgerechnet:  Im Vergleich zur konventionellen Herstellung benötigt es bis zu 45 Prozent weniger Energie, bis zu 96 Prozent weniger Wasser und 99 Prozent weniger Landfläche; zugleich werden bis zu 96 Prozent Treibhausgase eingespart. Außerdem soll das gezüchtete In-Vitro-Fleisch gesünder sein: Mit einem Mix aus Vitaminen und Mineralstoffen, Eiweiß und den sogenannten guten Fetten können Wissenschaftler es in Zukunft auf die individuellen Ernährungsbedürfnisse eines jeden Menschen abstimmen.

Eine Frage der Ethik? So stichhaltig die Argumente für In-Vitro-Fleisch sind, wirft das Kunstprodukt doch viele Fragen auf. Allen voran die ethische: Darf man Gewebestrukturen und damit Teile eines Lebewesens im Labor heranzüchten? Daher erklärt sich auch, warum Mark Post in der Fachpresse „Mister Frankenburger“ genannt wird. Für den Niederländer Willem van Ellen, der als geistiger Vater des In-Vitro-Projekts gilt, ist das eine scheinheilige Diskussion. Gemessen an dem Leid, das Schlachtvieh widerfährt, sei es unmoralisch, sich der Idee vom synthetischen Fleisch zu verschließen. Van Ellen hat den Gedanken Ende der 1990er Jahre in die Wissenschaft getragen, aus einer Zelle die ganze Welt zu ernähren. Seine Motivation: Seit er als Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg Misshandlungen erlitt, sieht er die Menschheit in der Pflicht, jedes Lebewesen, ob Mensch oder Tier, zu schützen. Seine Utopie, Schlachtvieh vom Speiseplan des Menschen zu streichen, scheint nun realisierbarer denn je.

Doch was passiert, wenn Tiere nicht mehr zum Verzehr gebraucht werden? Wäre das, radikal zu Ende gedacht, nicht sogar das Aus für viele Arten von Nutztieren? Auch die kulinarische Vielfalt sehen Kritiker bedroht. Tatsächlich ist die Forschung weit davon entfernt, unterschiedliche Fleischprodukte vom Steak bis hin zu Spare Ribs herzustellen, zu komplex ist die Gewebestruktur. Und zudem ist – nach Meinung des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie – der Konsument nicht bereit für Retortenhack: „Der Verbraucher, der bereits Geschmacksverstärkern und Farbstoffen äußerst kritisch gegenübersteht, wartet sicherlich nicht auf ,Fleisch‘ aus der Petrischale.“

Die Forschung steht zwar noch am Anfang, doch In-Vitro-Fleisch könnte sich als Segen erweisen – nicht zuletzt, wenn die Produktpalette erweitert würde: „Alles eine Frage der Zeit und der Forschungsgelder“, sagt Mark Post. Nicht ob, sondern wann In-Vitro-Fleisch eines Tages das Nutztier ersetzen kann, ist demnach die Frage.

 

Franziska Badenschier, Julian Windisch für das ARTE Magazin

 

ARTE Themenabend 

Auslaufmodell Steak? 

Di · 8.10. 

In-Vitro-Fleisch: Aus dem Labor auf den Teller? · Dokumentarfilm · 20.15 

Debatte ·Diskussion · 21.45

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter
 future.arte.tv/thema/retortenfleisch

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ARTE Plus 

in-Vitro-Fleisch: Die Initiatoren

Ausgangspunkt für die Herstellung des synthetischen Fleischs war die Entdeckung der Stammzellen bei Mäusen 1981. Seitdem wird auf dem Feld der Zellzüchtung geforscht. Im Jahr 2000 gründete sich mit finanzieller Hilfe des niederländischen Staates das In-Vitro-Consortium,ein Zusammenschluss der Universitäten Utrecht, Amsterdam und Eindhoven,unter Vorsitz von Willem van Ellen. 2006 stieß Mark Post (Foto) zu der Forschergruppe.2013 stellte er der Welt den ersten aus Zellkulturen gezüchteten Burger vor

 

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Kategorien: Oktober 2013