ENTDECKUNG

Das Lächeln von Angkor

Iliade Productions

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Im Dokumentarfilm „Angkor entdecken“ dringt ARTE tief in die mysteriöse Welt der Tempelstadt Angkor in Kambodscha vor. Deren steinerne Kunstwerke sind ständig vom Verfall bedroht – Restaurationsexperte Hans Leisen im Interview.

 

Mächtige Götter, anmutige Tänzerinnen, heldenhafte Krieger: Unzählige Kunstwerke zeugen davon, wie prächtig die kambodschanische Stadt Angkor einst gewesen sein muss. Im 15. Jahrhundert aus bislang ungeklärten Gründen verlassen, lag das im 9. Jahrhundert gegründete Zentrum des mächtigen Khmer-Reiches unter dichter Vegetation verborgen. Französische Forscher brachten es vor 150 Jahren wieder ans Tageslicht. Mit einer Fläche von circa 400 Quadratkilometern gehört Angkor heute zum Weltkulturerbe der UNESCO. Welche Schätze dort schlummern, weiß der deutsche Geologe Hans Leisen: Er widmet sich seit fast zwei Jahrzehnten der Denkmalpflege in Angkor. Im Interview erzählt der „Steindoktor“, wie ihn die Medien nennen, von der Restaurierung mit Zahnbürsten, dem Kampf gegen Fledermäuse und dem Lächeln von Angkor.

 

ARTE: Sie reisen seit fast 20 Jahren immer wieder nach Angkor. Was fasziniert Sie an diesem Ort?

HANS LEISEN: Wohin man in Angkor auch blickt, die Landschaft ist durchdrungen von Tempeln. Manche stehen mitten im Urwald, andere thronen auf hohen Tempelbergen, wieder andere sind ganz klein, fast wie Puppenstuben. Aber das großartigste Bauwerk ist für mich der Haupttempel Angkor Wat. Als ich zum ersten Mal seine riesigen Ausmaße gesehen habe und die hohe Qualität der Bildhauerarbeiten, mit denen er verziert ist – das war schon ein einmaliges Erlebnis.

ARTE: Welche Bedeutung hatte Angkor als Hauptstadt des Khmer-Reiches?

HANS LEISEN: Angkor war damals sicherlich eine der größten Stadtanlagen der Welt mit circa einer Million Menschen. Forscher gehen heute davon aus, dass es eine „Low Density Megapolis“ war, deren Bevölkerung sich über eine weitläufige Region verteilte. Die Könige lebten nicht alle am gleichen Ort, sondern bauten an jeweils unterschiedlichen Plätzen ihre Paläste, Staatstempel, Ahnenklöster.

ARTE: Welche dieser Bauwerke sind noch erhalten?

HANS LEISEN: Die Tempel und Klöster, denn nur sie waren aus Stein gebaut. Die Paläste der Könige dagegen bestanden aus Holz und waren dadurch sehr vergänglich, sobald sie nicht mehr bewohnt und gepflegt wurden. Deshalb ist auch der Nachweis, wo sie standen, so schwierig.

ARTE: Wie kamen Sie dazu, das „German Apsara Conservation Project“ ins Leben zu rufen?

HANS LEISEN: 1995, als ich das erste Mal nach Angkor gereist bin, musste ich feststellen, dass ausgerechnet Angkor Wat, das Meisterwerk, stark angegriffen war. Sehr viele der Reliefs, mit denen der Tempel von der Spitze bis zum Boden dekoriert ist, befanden sich in einem erbärmlichen Zustand, weil bis dahin noch nichts für ihren Erhalt getan worden war. Da stand für mich fest, dass etwas passieren musste. Sonst wäre das Lächeln von Angkor verschwunden, und das durften wir nicht zulassen.

ARTE: Das Lächeln von Angkor?

HANS LEISEN: Das sind die lächelnden Steinfiguren an den Tempeleingängen. Sie stellen Göttinnen aus der hinduistischen Mythologie dar, die im Volksmund Apsaras genannt werden. Von ihnen existieren über 1.900, aber nicht eine gleicht der anderen. Manche stehen einzeln, andere in kleinen Gruppen, jede von ihnen trägt einen individuellen Kopf- und Halsschmuck. Es wäre wirklich dramatisch gewesen, wenn diese Reliefs vollständig verlorengegangen wären.

ARTE: Worin bestand die besondere Herausforderung bei der Restaurierung?

HANS LEISEN: Bei der irrsinnigen Menge an Einzelobjekten durften wir nicht den Überblick verlieren und haben als Erstes eine Risikokarte und Prioritätenkarte erstellt, die festlegte, in welcher Reihenfolge die Objekte abgearbeitet werden mussten. Erschwerend kam hinzu, dass wir während der ersten beiden Jahre nur über sehr knappe Finanzmittel verfügten. Das änderte sich 1997, als wir erstmals Geld aus dem Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amtes erhielten. Ab da konnten wir die ersten kambodschanischen Mitarbeiter einlernen und im Lauf der Zeit ein einheimisches Team aufbauen, das manche Aufgaben bereits selbstständig übernimmt. Mittlerweile haben wir an fast 20 Tempeln gearbeitet. Unser Ziel ist es, dass das Team in Zukunft die Arbeit als Teil einer kambodschanischen Behörde komplett in Eigenregie weiterführt.

ARTE: Was ist Ihre Philosophie beim Restaurieren?

HANS LEISEN: Wir betrachten jedes Objekt als Individuum, ähnlich wie ein Arzt, der ja auch nicht einfach sagt: „Der Patient hier sieht in etwa so aus wie der andere, darum mache ich bei ihm das gleiche.“ Wir müssen das Material, aus dem ein Bauwerk hergestellt ist – in Angkor Wat ein spezieller, sehr verwitterungsanfälliger Sandstein – genau kennen, ebenso die schädlichen Einflüsse. Dann überlegen wir uns, welche Konzepte Aussicht auf Erfolg haben, entwickeln und optimieren sie, bis sie schließlich zur Anwendung kommen.

ARTE: Was sind die größten Feinde des Steins?

HANS LEISEN: Die tropische Witterung mit der hohen Luftfeuchtigkeit und den vielen Niederschlägen, aber auch die Fledermäuse, die jahrhundertelang im Tempel gelebt und enorme Mengen Kot und Urin abgesetzt haben. Aus den Fäkalien spült das Regenwasser Salze heraus, die zusätzlichen Schaden anrichten. Im Lauf der Zeit wird der Stein mürbe, zentimeterdicke Schalen lösen sich von der Oberfläche ab, fallen herunter und sind verloren.

ARTE: Haben Sie es geschafft, das zu verhindern?

HANS LEISEN: Größtenteils ja. 1.000 teils stark gefährdete Apsaras und eine große Menge weiterer Reliefs haben wir bereits konserviert. Trotzdem können wir uns nie zurücklehnen: Die Verwitterung kommt nicht zum Stillstand, und wir haben es mit Patienten zu tun, die alt und schwer geschädigt sind. Die müssen ständig gepflegt werden.

ARTE: Klingt so, als nähme die Arbeit kein Ende …

HANS LEISEN: Ja, es erinnert manchmal an Sisyphus. Aber mit einem Team wie dem unseren kann man den Verfall zumindest verlangsamen. Auch wenn es manchmal absurd anmutet, mit welchen Werkzeugen wir an diesen riesigen Flächen arbeiten. Das muss man sich einmal vorstellen: Angkor Wat ist eines der größten religiösen Bauwerke der Welt – und wir sitzen da und reinigen es mit Zahnbürsten.

 

Interview: Eva-Maria von Geldern für das ARTE Magazin

 

ARTE Dokumentarfilm 

Angkor entdecken

Sa, 5.10. · 20.15

Iliade Productions

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ARTE Interview

Hans Leisen

Der Geologe und Konservierungswissenschaftler Hans Leisen leitet seit 1995 das „German Apsara Conservation Project“ zum Erhalt der Reliefs am Tempel Angkor Wat. Bis 2013 war er Professor in Köln

 

ARTE Plus

Ausstellungs-Tipp 

Vom 16. Oktober 2013 bis zum 13. Januar 2014 zeigt das Musée Guimet in Paris zahlreiche Khmer-Kunstwerke in der Ausstellung „Angkor: Naissance d’un mythe – Louis Delaporte et le Cambodge“

 

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Kategorien: Oktober 2013