FILM

Blut geleckt

Jean-Claude Kieffer

Jean-Claude Kieffer

  

Von Murnaus blutrünstigem „Nosferatu“ bis zum handzahmen Beau: Der Vampir hat im Laufe seiner jahrhundertealten Geschichte einiges mitgemacht. ARTE widmet dem Blutsauger einen Schwerpunkt – und erkundet, was den Mythos noch immer am Leben hält.

Knoblauch, Kreuz und Weihwasser: Im 18. Jahrhundert empfahlen Gelehrte diese Ingredienzen als Abwehrmittel gegen Vampire. Der Mythos des blutdürstigen Wiedergängers, der des nachts sein Unwesen treibt, entsprang auf dem Balkan des 16. Jahrhunderts. Der Aberglaube der von bitterer Armut und Seuchen geplagten Bevölkerung war der ideale Nährboden für die Entstehung von derlei Phantasmen. Vielerorts wurden in jener Zeit Verstorbene drastischen Bestattungsritualen unterzogen; noch immer stoßen Archäologen im Balkan auf Begräbnisstätten, die von posthumer Enthauptung oder Pfählung zeugen.

Vom Monster zur gequälten Seele. Diese Legende beflügelte auch die Fantasie westeuropäischer Literaten des 19. Jahrhunderts. 1897 griff der irische Schriftsteller Bram Stoker die schaurigen Geschichten um die Untoten aus Südosteuropa auf: „Dracula“ hieß der Roman, der den Vampir als triebhaften, andersartigen Fremden unwiderruflich ins kulturelle Gedächtnis katapultieren sollte. Die Handlung ist schlicht: Der abnorme transsilvanische Aristokrat Dracula reist nach England, um jungfräulichen Damen mittels eines schmerzhaften Bisses in den Hals ihr Blut auszu-saugen. Was uns heute kaum aus der Fassung bringt, sorgte im sittenstrengen viktorianischen Zeitalter für Furcht und Faszination gleichermaßen.

Als abschreckende Horrorgestalt erschien der Vampir schließlich auch auf der Leinwand. In Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922), der ersten erhalten gebliebenen Filmadaption von „Dracula“ überhaupt, verlieh Darsteller Max Schreck dem Vampir so unmenschliche, monströse Züge, dass sich sogar die Filmcrew vor ihm gefürchtet haben soll. In den darauffolgenden Jahrzehnten schlüpften zahlreiche Schauspieler in die Rolle des blutrüns-tigen Aristokraten, verliehen ihm aber immer das gleiche Maß an Bösartigkeit – egal ob der Vampir nun tölpelhafte Dorfbewohner durch Roman Polanskis Horrorkomödienklassiker „Tanz der Vampire“ (1967) jagte oder zur homosexuellen Vampir-Gräfin in Jess Francos Trash-Produktionen mit illustren Titeln wie „Vampyros Lesbos – Erbin des Dracula“ (1971) wurde.

Der ab 1976 erschienene Vampir-Zyklus „Chronik der Vampire“ der amerikanischen Autorin Anne Rice brach die Eindimensionalität der Vampirfigur auf und gestattete ihr mehr menschliche Regungen. Die Verfilmung des ersten Romans der Reihe, „Interview mit einem Vampir“ (1994), zeigt einen sympathisch-apathischen Brad Pitt in der Hauptrolle, der im Gespräch über die Schattenseiten seiner unsterblichen Vampirexistenz auspackt: Einsamkeit, Ausgrenzung und Orientierungslosigkeit prägen sein Dasein. Als ähnlich gequälte Seele verkörperte Gary Oldman den Vampir in Francis Ford Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“ (1992): Durch den Verlust seiner geliebten Frau gebrochen, löst sich Graf Dracula vom Gottesglauben und wendet sich dem unseligen Blutsaugertum zu. Der Wandel des Vampirs von der furchterregenden zur tragischen Figur war vollzogen. Seine Unsterblichkeit wurde nicht mehr als bedrohliche Überlegenheit, sondern als schwere Bürde interpretiert. Der Vampir litt und jammerte – und war uns plötzlich gar nicht mehr so unähnlich.

Die Entmystifizierung der Kreatur. Von dieser Vermenschlichung der Vampirfigur war es nur ein kleiner Schritt zu ihrer Domestizierung. In Stephenie Meyers vierbändiger „Twilight“-Saga (2005–2008) begegnet man einem Vampir, der im ursprünglichen Sinn keiner mehr ist: Edward Cullen, zu Beginn der Tetralogie ein 104-jähriger Teenie, hat dem Menschenblut ebenso entsagt wie dem vorehelichem Geschlechtsverkehr. Unsterblichkeit als Garant für ewige Liebe – diese Formel ließ die Romane und ihre Verfilmung Einnahme-Rekorde brechen. Am Ende der Saga ist aus Edward ein stolzer Familienvater geworden, der zusammen mit Vampir-Ehefrau und -Tochter einer glücklichen Ewigkeit entgegenblickt.

Der Vampir schien entmystifiziert – wären nicht Produktionen erschienen, die den Blutsauger in einen neuen, gesellschaftskritischen Kontext stellten: In der HBO-Erfolgsserie „True Blood“ (in Deutschland ab 2009 ausgestrahlt) etwa kämpfen Vampire als diskriminierte Minderheit um Bürgerrechte. In Tomas Alfredsons Coming-of-Age-Drama „So finster die Nacht“ von 2008 tritt ein kindlicher Vampir als ebenso einfühlsamer wie gefährlicher Außenseiter auf. Und in Park Chan-wooks „Durst“ (2009) führt der Blutdurst eines ehemaligen Pries-ters zur Reflexion über Lebenshunger und Moral.

Die einstige Horrorgestalt hat sich zum Außenseiter der Gesellschaft gewandelt – der uns den Spiegel vorhält. Und auch das wird sicher nicht die letzte Erscheinungsform des Vampirs sein, er ist ja schließlich unsterblich – genauso wie unsere Faszination für ihn.

 

Dobrila KontiĆ für das ARTE Magazin

 

ARTE Schwerpunkt 

Die Nacht der Vampire 

So · 27.10. 

Die Vampirprinzessin · Geschichtsdoku · 18.20 

Zu Tisch in … Tanssilvanien · Esskulturdoku · 19.45

Tanz der Vampire · Horrorkomödie · 20.15 

Dracula – Die wahre Geschichte der Vampire · Kulturdoku · 22.00

Shadow of the Vampire · Horrorfilm · 22.45 

 Durst · Thriller · 00.15

 

Warner Bros. Distribution

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Kategorien: Oktober 2013