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Die Königin der Serien

 

Mike Kolöffer/DR

Mike Kolöffer/DR

 

Dänische Serien gelten derzeit als die besten der Welt – woran liegt das? Zum Start der dritten und letzten Staffel der Kultserie „Borgen“ spricht das ARTE Magazin mit Produzentin Camilla Hammerich über das Erfolgsgeheimnis des Nordens.

 

In Kasachstan und Südkorea sitzen die Menschen neuerdings gebannt vor dem Fernseher, wenn dänische Politik auf dem Plan steht. Sie schauen Birgitte Nyborg zu, der ersten Premierministerin Dänemarks, und wie die Macht diese Frau verändert. Dass die Serie „Borgen“ in über 70 Länder verkauft werden würde, hätte beim öffentlich-rechtlichen Sender Danmarks Radio niemand geahnt. Inzwischen pilgern Delegationen von Fernsehmachern nach Kopenhagen, um von Serienerfolgen wie „Borgen“ oder auch „The Killing“ um Kommissarin Lund zu lernen. Eine Vision, gute Geschichten, feste Strukturen, wenige Entscheidungsträger: Im ARTE Magazin lüftet die verantwortliche Produzentin Camilla Hammerich das Erfolgsgeheimnis. Derzeit schreibt sie an einem Buch über „Borgen“ – und die dänische Art, Fernsehen zu machen.

 

ARTE: Selbst die Amerikaner, einst Vorreiter auf dem Gebiet der Serien, kaufen inzwischen die Remake-Rechte an dänischen Serien. Woher kommt dieser unglaubliche Erfolg?

CAMILLA HAMMERICH: Ehrlich gesagt: Das ist auch für mich ein Rätsel. Wir verwenden viel Zeit darauf, gute Drehbücher zu machen: Das ist vielleicht das ganze Geheimnis. Manche meinen auch, weil Dänemark ein so kleines, liberales Land ist, werde in dänischen Serien eine Modellgesellschaft gezeigt, von der viele Menschen träumen.

ARTE: In „Borgen“ geht es um dänische Politik – das Thema klingt erst einmal recht dröge und ist zudem sehr national. Wieso funktioniert es weltweit?

CAMILLA HAMMERICH: Es geht zwar um dänische Politik – aber vor allem um die ganz normalen Menschen, die dahinter stehen, mit all ihren Problemen. Um Menschen mit enorm viel Macht, die aber mit dem Rad zur Arbeit fahren, sich um ihre Kinder kümmern müssen, ihr Privatleben manchmal mehr schlecht als recht auf die Reihe bekommen. Und darin finden sich viele Zuschauer wieder.

ARTE: Wie schlägt sich die Protagonistin Birgitte Nyborg in Ihren Augen?

CAMILLA HAMMERICH: Manchmal finde ich sie ziemlich hart und manchmal frage ich mich, ob sie eine gute Mutter ist. Sie ist intelligent und sie nutzt die Macht, die sie hat. Sie will kein Unmensch sein, aber wenn sie doch einer ist, gibt es immer einen Grund dafür. Letztlich ist sie eine Vollblutpolitikerin, die auf der politischen Bühne sterben würde. Aber ich mag sie – und so geht es sicher vielen.

ARTE: Bei „Borgen“ wirkt alles sehr authentisch, von den Kleidern Birgitte Nyborgs, die sie schon in der ersten Staffel trug, bis zu ihren Gesichtsfalten – wie gezielt setzen Sie solche Details ein?

CAMILLA HAMMERICH: Wir planen das sehr genau, „Borgen“ sollte immer nah an der Realität sein. Ich glaube, das ist etwas sehr Dänisches. Wir sind sehr natürlich, wir können uns nicht gut verstellen. Wir wollen Birgitte Nyborgs Falten sehen, und sie soll dabei trotzdem gut aussehen. Sie muss auch für ihr Alter glaubwürdig sein – und wenn sie sich schlecht fühlt, dann soll man ihr das auch ansehen. So ist das doch im Leben!

ARTE: Wie wichtig ist die Rolle des Drehbuchautors für den Erfolg der dänischen Serien?

CAMILLA HAMMERICH: Der Autor ist das Herzstück, das innere Geheimnis des Erfolgs. Daher wird er vom Sender DR festangestellt und hat inhaltlich das letzte Wort. Alle verfolgen „eine Vision“, wie wir es nennen, und das ist die des Autors. Wir haben bei „Borgen“ alle für Adam Price gearbeitet und versucht, seine Vision umzusetzen. Das geht vor allem deshalb, weil der DR fast 90 Prozent des Budgets der Serie bestreitet. Das bedeutet, dass nur wenige Koproduzenten beteiligt sind und ganz wenige Leute Entscheidungen treffen.

ARTE: Journalisten schreiben immer wieder, dass Sie eine Carte blanche bei der Arbeit haben – redet Ihnen und dem Autor tatsächlich niemand rein?

CAMILLA HAMMERICH: Natürlich agieren wir nicht völlig eigenmächtig auf unserer kleinen Insel, ich informiere meine Vorgesetzten regelmäßig. In der dritten Staffel ging es um recht kontroverse politische Fragen, die große Diskussionen in den Medien ausgelöst haben. Die Folge über Prostitution war zum Beispiel die schwierigste von allen, da wir die betroffene Frau nicht einfach als „glückliche Prostituierte“ darstellen wollten. Über solche Szenen diskutieren wir natürlich. Aber insgesamt ist der Autor sehr frei in seinen Entscheidungen. 

ARTE: Der DR hat einen sogenannten Writers’ Room für Autoren eingerichtet. Was genau ist das?

CAMILLA HAMMERICH: Der Writers’ Room ist ein fester Arbeitsraum für unsere Autoren – wichtig darin ist vor allem die Kaffeemaschine! In diesem Raum ist „Borgen“ entstanden, hier haben der Hauptautor Adam Price und seine zwei Koautoren 18 Monate an der dritten Staffel geschrieben.

ARTE: Wie genau entsteht eine Folge?

CAMILLA HAMMERICH: Am Anfang treffen sich die drei Autoren sechs Stunden am Tag im Writers’ Room und schreiben Ideen für eine Handlung auf. Nach acht Tagen stoße ich dazu und sie müssen mir das Ganze schmackhaft machen. Zwischen der dritten und achten Woche schreiben die Koautoren zwei Drehbuchentwürfe, die sie immer wieder mit Adam und mir diskutieren. Danach übernimmt Adam und schreibt das Skript bis kurz vor Dreh noch drei- bis fünfmal um. Wir machen immer zwei Episoden parallel, je eine pro Koautor.

ARTE: „Adam und Camilla, das perfekte Paar“ – so nennt man Sie in den Medien. Wie arbeiten Sie zusammen?

CAMILLA HAMMERICH: Wir sind wie ein altes Ehepaar! Wir kennen uns wirklich sehr gut, weil wir schon seit 15 Jahren gemeinsame Projekte machen. Zwischen uns gibt es keine Tabus. Adam schreibt, ich lese, gebe ihm meine Anmerkungen – und dann streiten wir darüber. Das können wir sehr gut miteinander, Streiten, Spannungen abbauen und dann ganz von vorn anfangen – so läuft das bei uns.

ARTE: Mit all den Erfolgen, die „Borgen“, „The Killing“ und andere dänische Serien feiern – steigt da nicht auch der Druck, sinkt da nicht die Freiheit?

CAMILLA HAMMERICH: Doch, und das ist sogar schon jetzt der Fall. Früher sollten Serien vor allem in Dänemark hohe Einschaltquoten erreichen, das war das Erfolgskriterium. Aber heute ist die Erwartungshaltung – auch wenn das nirgendwo geschrieben steht –, dass die Serie internationale Preise gewinnen oder ins Ausland verkauft werden sollte, weil wir dadurch finanzielle Unterstützung aus anderen Ländern erhalten. Ganz eindeutig geraten Produzenten und Autoren dadurch mehr unter Druck.

ARTE: Alle Serien des Senders DR haben grundsätzlich nur drei Staffeln, auch bei „Borgen“ ist nach der dritten Staffel Schluss – warum?

CAMILLA HAMMERICH: Das hat der DR schon immer so gemacht: Sie hören auf, wenn es noch gut ist. Dann machen sie für andere Talente Platz, was ich sehr gut finde. Und seien wir ehrlich: Wenn wir die sechste oder siebte Staffel einer amerikanischen Serie sehen, dann wissen wir doch im Prinzip schon alles, oder?

Interview: Diana Aust für das ARTE Magazin

ARTE Politserie

Borgen
Staffel 3 ab Do., 3.10. · 21.00

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter: www.arte.tv/borgen

 

Mike Kolöffer/DR

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ARTE Interview

Camilla Hammerich

Geboren 1963 in Kopenhagen, begann Camilla Hammerich als Volontärin beim Sender DR. Nach Stationen als Produktions-Assistentin und Fernsehchefin des Senders TV2 ist sie heute Produzentin für den DR

 

ARTE Plus

Borgen – was bislang geschah

Staffel 1: Birgitte Nyborg, dänische Politikerin der Moderaten Partei Dänemarks, schafft, womit kaum jemand gerechnet hat: Sie wird als erste Frau zur Premierministerin Dänemarks. Die Idealistin wird bald mit der Realpolitik konfrontiert – und kann die Balance zwischen Familie und Beruf nicht mehr halten …

Staffel 2: In ihrem zweiten Amtsjahr als Premierministerin muss Birgitte Nyborg nicht nur eine Vielzahl von politischen Affären, Turbulenzen und Intrigen überstehen – sie muss vor allem die neue Freundin ihres Mannes akzeptieren. Zudem stehen Neuwahlen an …

 

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Kategorien: Oktober 2013