ZURÜCK AUF LOS

Drushba Pankow

Drushba Pankow

Es ist ein Naturgesetz: Im Juli und im August sind die Franzosen alle weg, Ende August sind sie alle wieder da. Einer Völkerwanderung gleich, stürmen sie, gebräunt und energiegeladen, von Stränden und Bergen zurück in den Alltag, denn der September ist in Sicht. Er ist in Frankreich gleichbedeutend mit „la rentrée“.

 

„Rentrée“ bedeutet „Rückkehr“ und leitet sich von „la rentrée des classes“ ab, dem ersten Schultag. In Deutschland wird der Ansturm auf die Schulen gebremst durch die versetzten Ferientermine in den Bundesländern. Die französische „rentrée“ dagegen bricht wie eine Naturgewalt über das Land herein – wenn auch eine selbstgemachte. Sie katapultiert die Menschen vom seligen Zustand der Sommerfrische in die Betriebsamkeit eines Ameisenbaus; Hysterie liegt in der Luft. Nicht nur Schüler und Lehrer, Studenten und Dozenten kehren auf einen Schlag in die Lehrsäle zurück, nein: Auch Politik und Medien, Verwaltung und die gesamte Arbeitswelt tauchen in einer landesweiten Synchronbewegung aus der Sommerpause auf. Eine Bewegung, die Wellen schlägt.

Franzosen denken in Zeitspannen von September bis Juni. Jetzt gilt es, das Schuljahr neu zu erfinden – ein logistisches Glanzstück für Familien, denn ihr Alltag hat es in sich. Plätze im Sportverein oder in der Musikschule sind rar; wer jetzt noch keinen ergattert hat, muss bis September warten – im nächsten Jahr. Und überhaupt: Sie haben keine Tickets fürs Schulrestaurant? Noch keinen Platz im Hort? Keine Schulversicherung für das Kind? Es gilt: jetzt oder nie! Profis rennen den Zutaten für eine gelungene „rentrée“ schon ab Mai hinterher, doch nicht alles lässt sich vorbereiten. Eltern haben zum Beispiel das Vergnügen, zum Schulbeginn tonnenweise Zettel auszufüllen. Letzte Tetanusimpfung, Nummer der Kindergeldkasse, Allergien, Telefonnummern und Adressen – alles schreibt man wieder und wieder hin, für wen auch immer. Das sind abendfüllende Beschäftigungen.

Doch „la rentrée“ ist nicht nur Hektik und Frust. Sie ist das wahre Neujahr, der Startschuss für Veränderungen. Neues Spiel, neues Glück, ein Land geht zurück auf Los. Wahre Vorsätze treffen Franzosen nicht an Silvester, sondern jetzt: zu diesem Stichtag Anfang September, den die Regierung festsetzt. Und all das wird zelebriert. Es riecht nach Neuanfang, die Bleistifte sind frisch gespitzt. Schulmaterial und Kleider sind zu kaufen, es gibt „rentrée“-Kollektionen und -Bankkredite. Politische Programme, neue Kollegen und Fernsehformate, all das macht die „rentrée“ frisch und spannend. Nach so viel Bewegung ist sicher: Im Oktober kommt bereits die große Erschöpfung. Weshalb zu einer „rentrée“ auch dies gehört: das Buchen eines Herbsturlaubs.

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

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Kategorien: September 2013