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VERHÄNGNISVOLLE AFFÄRE

ZDF/Hendrik Heiden

ZDF/Hendrik Heiden

Augen, so heißt es, sagen manchmal mehr als Worte. Mit einem Wimpernschlag können sie Verzagtheit ausdrücken und Hoffnung, Hilflosigkeit, Freude, Trauer und Wut, oft in so rascher Folge, dass ein einziger Blick alles vereint, was gelungene Melodramen ausmacht. Veronica Ferres beherrscht diesen Blick, sie hat ihn perfektioniert, er ist ihr Markenzeichen. Wenn sie mit diesem Blick also in dem ZDF-/ARTE-Thriller „Mein Mann, ein Mörder“ vor der besten Freundin Vera (Ulrike Kriener) ihr gebrochenes Herz ausschüttet, dabei zugleich weint und lächelt, wenn sich ihre Augen vor Wut und Trotz ganz klein zusammenziehen und dennoch den Raum füllen – dann ist Veronica Ferres in ihrem Element und schafft es, die Essenz von 90 Minuten in wenigen Sekunden einzufangen.
Dieser Film ist ein Paradebeispiel für das, was so viele an Veronica Ferres ablehnen, aber noch viel mehr an ihr mögen, und was etliche Filme, in denen sie mitspielt, zum Erfolg machte. In diesem Film nun mimt die Ferres die eher gewöhnliche Minette Frei, eine Übersetzerin mittleren Alters und Mutter zweier wohlgeratener Kinder, mit einem schönen Heim, viel Kultur und finanziell ohne Sorgen. Alles in Ordnung also – würde ihr Mann sie nicht betrügen. Mit einer Jüngeren, versteht sich. Und nicht zum ersten Mal, Minette weiß das. Also spioniert sie Paul bis ins billige Hotelzimmer nach, kontrolliert sein Handy, folgt ihm sogar mit dem Zug Richtung Prag ins Liebesnest, stets auf der Suche nach einer Wahrheit, die peu à peu in eines der vielleicht bizarrsten Happy Ends der deutschen Fernsehgeschichte mündet.

 

Familienidyll mit Rissen. Der Nachwuchsregisseur Lancelot von Naso, 1976 in Heidelberg geboren, brachte 2010 mit dem preisgekrönten Kriegsdrama „Waffenstillstand“ seinen ersten Spielfilm heraus. In „Mein Mann, ein Mörder“ bebildert er zunächst das uralte Drama um Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Trotz und Trost in so ruhigen Kamerafahrten durchs Innenleben der deutschen Mittelstandsehe, dass der Film fast in Gefahr gerät, ein betuliches Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten zu werden. Die unaufdringliche Hintergrundmusik von Oliver Thiede trägt ihr Übriges zur reduzierten Gestaltung des Ambientes bei. Doch immer dann, wenn das fragile Gefüge aus heranwachsenden Kindern und schwindender Hingabe der Eheleute allzu leise implodiert, sorgt der zweite Hauptdarsteller in der Rolle des Ehemannes für Schwung: Ulrich Noethen. Seit er vor 18 Jahren in Dominik Grafs „Tatort: Frau Bu lacht“ brillierte, ist der Saubermann mit fleckiger Weste seine Paraderolle. Kein Wunder also, dass der Schauspieler mit dem unscheinbaren Dutzendgesicht die emotionale Tristesse der Familie Frei zum Glänzen bringt, besonders den promisken Familienmenschen Paul, um die 50, beruflich erfolgreich, leidlich attraktiv, aber unbeirrbar selbstsicher. Ein guter Mann für das anspruchsreduzierte Wechseljahredasein von Minette Frei mit Opern-Abo und getrennter Kasse. Kein Traumprinz, aber bei allen Schwächen im Zweifel doch verlässlich.

 

Vom Jäger zum Gejagten. Dann aber macht ihm seine neueste Affäre Nora, lolitahaft gespielt von Esther Zimmering, einen Strich durch die Rechnung und verschwindet spurlos. Bei Minette taucht plötzlich ein Mann auf – gespielt von Mehdi Nebbou, der sich als Noras Exfreund vorstellt. Er behauptet gegenüber Minette, Paul habe Nora in Prag umgebracht. Dass ein Mord im Raum steht, sagt der Filmtitel. In der Eingangsszene wird er dann schnell konkret, als eine Frau schreiend vom Fenstersims in die Tiefe stürzt.

 

Ein verbissener Kampf um Harmonie und Restidylle beim gemeinsamen Abendessen.

Was sich im weiteren Verlauf entspinnt, ist jedoch kein Krimi, die Polizei tritt nicht auf, selbst das Opfer fehlt. Keine Spur von einem Tatort also, auch wenn bald Erpressung, Schwarzgeldkonten, gar etwas Verfolgungsaction ins Spiel kommen. Doch wenn etwas gejagt wird, sind es nicht Mörder, sondern Ängste. Und statt nach Tätern wird höchs-tens nach der früheren Geborgenheit der vom Zerbrechen bedrohten Familie gesucht. Auf die Frage ihrer Freundin Vera, ob sie den notorischen Fremdgänger Paul als Ehemann behalten will, zuckt das Opfer Minette nur mit den Schultern und nimmt die Witterung des mutmaßlichen Täters auf, der so vom Jäger zum Gejagten wird.
Es ist ein ständiges Wechselspiel des Nachstellens. Und es bringt immer neue Vexierbilder vermeintlicher Schuld und Unschuld hervor. „Mein Mann, ein Mörder“ ist Lancelot von Nasos dritte gemeinsame Arbeit mit seinem Stammautoren Kai-Uwe Hasenheit, mit dem er vor vier Jahren bereits „Waffenstillstand“ realisierte. Dessen versiertes Drehbuch liefert dem Film jene Fallstricke menschlicher Beziehungen, die die bürgerliche Mitte in ihrer ganzen Verletzlichkeit sichtbar machen.

Der verbissene Kampf um Harmonie und Rest-idylle beim gemeinsamen Abendessen mit Rotwein, Schultagsberichten und Geplauder wirkt vor allem deshalb so authentisch, weil von Naso das Ambiente bewusst Geld und Geist atmen lässt, ohne wie in vergleichbaren Melodramen permanent nur Luxus auszustellen. „Mein Mann, ein Mörder“ spielt nicht in einer Designervilla von Rem Koolhaas, sondern im gediegenen Chaos eines teilsanierten Münchner Altbaus. Reichtum light, aber real. In ihm können die Charaktere tun, was ihnen das hiesige Fernsehen oft versagt: agieren, spielen, sich entwickeln, statt bloß tolle Kulissen zu dekorieren. Vor allem aber ist der Thriller ein Ensemblestück, das den Beteiligten die bekannten Stärken abverlangt, ohne ins Klischee tradierter Rollenprofile abzugleiten. Die Ferres mag dabei ihre gewohnte Rolle des waidwunden Muttertiers mit Courage beackern; sie tat es selten besser als in „Mein Mann, ein Mörder“. Dafür reicht ihr oft nur ein Augen-Blick.

 

JAN FREITAG FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

FILMOGRAFIE VERONICA FERRES

„König von Deutschland“ (2013), „Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis“ (2011), „Die Patin – Kein Weg zurück“ (2008), „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ (2007), „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ (2006), „Klimt“ (2006), „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ (2001), „Ladies Room“ (2000), „Late Show“ (1999), „Eine ungehorsame Frau“ (1998), „Rossini oder Die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ (1997), „Das Superweib“ (1996), „Voll normaaal“ (1994), „Schtonk!“ (1992)

(Auswahl)

 

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Kategorien: September 2013