THE SLAP – NUR EINE OHRFEIGE

Ben King

Ben King

Mit einem großen Grillfest feiert Hector (Jonathan LaPaglia) seinen 40. Geburtstag in Melbourne. Eine scheinbar harmlose Ohrfeige seines Cousins Harry (Alex Dimitriades), der sich vom kleinen Hugo (Julian Mineo) provoziert fühlt, ändert alles – und stellt das Leben der anwesenden Gäste auf den Kopf. Soweit der Ausgangspunkt für die achtteilige Serie, die auf dem Bestsellerroman „The Slap“ („Nur eine Ohrfeige“) des australischen Schriftstellers Christos Tsiolkas basiert. Die Besonderheit: Jede Folge blickt hinter die scheinbar heile Fassade eines anderen Protagonisten. Exklusiv für das ARTE Magazin beschreibt Christos Tsiolkas, wie er auf die Idee zu seinem Roman kam – und inwieweit dieser die Moralvorstellungen der Mittelschicht in Australien widerspiegelt.

 

Manchmal hält das Leben für einen Schriftsteller unerwartete Geschenke bereit: Ich hatte schon begonnen, Ideen für einzelne Romancharaktere zu Papier zu bringen, als meine Eltern – griechische Einwanderer, die seit über 40 Jahren in Australien zu Hause sind – mich zu einem Barbecue einluden. Es war ein zünftiges Fest mit Familie und Freunden an einem Sommernachmittag im Hause meiner Eltern. Mein Vater war für das Fleischgrillen zuständig und meine Mutter in der Küche beschäftigt: Auberginen-Dips und Salate mussten vorbereitet, Brathähnchen in Folie eingewickelt werden. Ich schnitt Tomaten, meine Cousine Vicky bereitete Tzatziki zu und am Küchentisch saß eine gute Freundin mit ihrem dreijährigen Sohn.
Jack war ein süßer Junge, aber an jenem Nachmittag benahm er sich total daneben. Er sprang meiner Mutter vor die Füße, öffnete alle Schränke und knallte wieder und wieder die Türen zu, obwohl sie es ihm mehrmals untersagt hatte. Schließlich wurde sie ärgerlich und zischte mir auf Griechisch zu, sodass Jacks Mutter es nicht verstand: „Warum bringt sie ihn nicht zur Ruhe? Haben australische Eltern ihre Kinder denn nicht im Griff?“ Das war mir natürlich peinlich und ich traute mich nicht, dies meiner Freundin zu übersetzen, die vom wachsenden Unmut meiner Mutter nichts mitbekommen hatte. Da öffnete Jack wieder eine Schranktür, Töpfe und Pfannen fielen heraus. „Jack“, brauste meine Mutter auf, „ich habe dir gesagt, du sollst aufhören!“ Sie verpasste ihm einen leichten Klaps auf sein Hinterteil. Es war kein harter Schlag, sondern nur ein harmloser Klaps. Doch was dann geschah, überraschte uns alle. Niemals werde ich das erschrockene, ungläubige Gesicht des Jungen vergessen: Noch nie war er auf diese Art bestraft worden. Er stemmte seine Hände in die Hüften, musterte meine Mutter empört und fuhr sie laut und heftig an: „Niemand darf meinen Körper ohne meine Erlaubnis anfassen!“ Und ich erinnere mich auch an das verdutzte Gesicht meiner Mutter, als sie das hörte. Ebenso scharf und mit erhobenem Zeigefinger erwiderte sie: „Hör gut zu, wenn du böse bist, bekommst du noch ein paar auf den Hosenboden.“ Ich muss betonen, dass sie ihn wirklich nicht hart angefasst hat. Wir alle lachten in der Küche und wir lachten weiter, als meine Mutter Jack in die Arme nahm und küsste. Kurz darauf stand das Essen auf dem Tisch, und beim Schmausen und Feiern war der ganze Vorfall schnell vergessen.

Der Mythos von Gleichheit. Bereits seit einiger Zeit wollte ich einen Roman über die australische Mittelklasse von heute schreiben. Als ich mich nach der Feier auf der Heimfahrt an das kleine Drama in der Küche erinnerte, wusste ich, wie ich meinen Roman beginnen würde. Ich fand, dass diese harmlose kleine Begebenheit zwischen meiner Mutter und Jack eine Menge Stoff bot: Ein einziger Moment gab mir die Gelegenheit, nach und nach die Widersprüche der heutigen australischen Mittelschicht zu demaskieren.
Ausgehend von ihren ursprünglich weitgehend anglo-keltischen Wurzeln hat sich diese Schicht seit Beginn des 20. Jahrhunderts stark gewandelt. Inzwischen gehören ihr auch die Nachkommen der Einwanderer aus Südeuropa, dem Nahen Osten und Asien an. Und natürlich jene Mitglieder der Arbeiterklasse, denen der Aufstieg in die Mittelschicht gelungen ist. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ungeachtet des hohen materiellen Wohlstands dieser neuen australischen Mittelschicht der Mythos von Gleichheit, aus dem Australien seine Stärke bezog, nicht der Realität entspricht. Der Wahrheitsgehalt dieser Legende war im Grunde immer schon fragwürdig, schließlich gründet sich unsere Nation auf koloniale Ausbeutung und Dezimierung der Ureinwohner des Landes.
Doch die Gier und Selbstsucht, die mein Land zunehmend zu kennzeichnen scheinen, sind eher neuere und zutiefst beunruhigende Phänomene, und der Schriftsteller in mir wollte ihnen unbedingt auf die Spur kommen.

Eine verlorene Generation. Meine Mutter ist in einem Dorf auf dem Balkan aufgewachsen, in dem ihr als Kind eine Schulbildung verwehrt worden war. Sie erinnert sich an ihren Bruder, der sie geschlagen hat, wenn sie einen Jungen auch nur anzuschauen wagte. Ich weiß noch, wie sie mir erzählte, dass sie als junges Mädchen im Dorf immer nach unten auf ihre Füße geblickt habe, nur um nicht als „poutana“, als Hure, abgestempelt zu werden, sollte sie zufällig in die falsche Richtung sehen. Und ich, ein Kind australischer sozialdemokratischer Bildungspolitik und des Feminismus, hörte mir diese Geschichten ungläubig an. Für mich klangen sie wie aus einem anderen Universum, einem anderen Zeitalter. Jack hingegen ist ein Junge, der in einer Gesellschaft groß wird, in der Disziplin und Bestrafung bei der Kinder-erziehung scheinbar keine große Rolle beigemessen wird. Inwiefern ist in dem von der Mittelschicht geprägten Australien Raum für diese verschiedenen Erfahrungswelten? Wie gehen Generationen miteinander um, wenn die Erfahrungen so gegensätzlich sind? Und welche traditionellen Werte wurden bei unserer Suche nach Selbstverwirklichung unseren Vorstellungen von Familie und Identität geopfert? Solche Fragen stellten sich mir, als ich begann, „Nur eine Ohrfeige“ zu schreiben.
In meinem Roman porträtiere ich die australische Mittelklasse als egoistisch, gierig, selbstgerecht und intolerant. Die jüngeren Protagonisten des Buches stelle ich sympathischer dar – ebenso wie die älteren Charaktere, die die Würde und die Gelassenheit meiner Eltern verkörpern: Ihre Generation ist nicht egoistisch. Mit „Nur eine Ohrfeige“ möchte ich meinen Optimismus in Bezug auf die junge und die alte Generation bekunden: Denn in meine eigene – selbstgerechte – Generation setze ich derartige Hoffnungen nicht mehr.

 

CHRISTOS TSIOLKAS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE-GASTAUTOR:DER ERFOLGSAUTOR CHRISTOS TSIOLKAS WURDE 1965 ALS SOHN GRIECHISCHER EINWANDERER IN MELBOURNE GEBOREN UND IST UNTER ANDEREM AUCH FÜR THEATER UND FERNSEHEN TÄTIG

 

ARTE PLUS

DAS BUCH

Christos Tsiolkas’ 2008 erschienener Roman „The Slap“ („Nur eine Ohrfeige“) wurde in 25 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u.a. 2009 mit dem Commonwealth Writers’ Prize

DIE SERIE

Die mit Jonathan LaPaglia („Die Sopranos“) hochkarätig besetzte achtteilige australische Serie wurde 2011 erstmals ausgestrahlt und in mehr als zehn Länder verkauft. Sie gewann zahlreiche Auszeichnungen, darunter den AACTA Award, den wichtigsten australischen Preis für Film- und TV-Produktionen

 

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Kategorien: September 2013