aurore.schaller@arte.tv

STEUERN? OHNE UNS!

Jörg Hülsmann

Jörg Hülsmann

20 bis 30 Billionen Dollar Finanzvermögen liegen weltweit in Steueroasen. Die fehlenden Steuereinnahmen daraus bringen mittlerweile ganze Staaten an den Rand des Ruins. Auch in Deutschland werden Milliarden erwirtschaftet, ohne dass darauf Steuern gezahlt werden. Frank Wehrheim hat fast 30 Jahre lang für die hessische Steuerfahndung ermittelt. Dabei konnte er Mitte der 1990er Jahre einen der größten Fälle von Steuerhinterziehung in Deutschland aufklären. Mit dem ARTE Magazin sprach er über den Erfindungsreichtum von Firmen bei der Vermeidung von Steuerzahlungen.

 

 

ARTE: Sie schreiben in Ihrem Buch „Inside Steuerfahndung“ aus dem Jahr 2011, dass in allen Branchen Steuern hinterzogen werden, sogar bei der Kirche. Welche sind die gängigen Methoden?
FRANK WEHRHEIM: Wenn man Steuern hinterziehen will, muss man entweder Einnahmen weglassen oder Ausgaben fingieren. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.

ARTE: Wobei ein internationaler Konzern da andere Möglichkeiten hat als ein Mittelständler.
FRANK WEHRHEIM: Für große Firmen typisch ist die legale Steuervermeidung oder – wie die Profis sagen – Steueroptimierung. Meist werden dabei Gewinne dank eines Firmensitzes oder einer Tochtergesellschaft in ein Niedrigsteuerland verlagert, damit sie dort, wo sie erzielt wurden, nicht versteuert werden müssen. So entstehen dann die berühmten Briefkastenfirmen. Eine andere Möglichkeit ist, Gewinne innerhalb des Konzerns klein zu rechnen. Nehmen Sie zum Beispiel einen japanischen Automobilkonzern, der in Deutschland Autos verkauft, also Gewinne erzielt. Um diesen Gewinn klein zu halten, setzt er hohe Verrechnungspreise für innerbetrieblich ausgetauschte Güter und Dienstleistungen an. Die Gewinne werden gegen diese fingierten Ausgaben verrechnet, und so muss der Konzern auf einen niedrigen Gewinn entsprechend weniger Steuern zahlen. Kleinere Unternehmen haben nicht alle diese Möglichkeiten.

ARTE: Und was machen die?
FRANK WEHRHEIM: Die erfinden ganze Geschäftsvorgänge oder auch mal einen Prozessgegenstand: Ich erinnere mich an den Fall eines deutschen Geschäftsmannes, der von einem französischen Partner auf die Zahlung einer Provision von mehreren 100.000 DM verklagt und zur Zahlung der Provision verurteilt wurde … und dann kam heraus: Der ganze Rechtsstreit war ein Fake, damit die Provision, die tatsächlich nie gezahlt wurde, von der Steuer abgesetzt werden konnte.

ARTE: Wann wird die Steueroptimierung zur Steuerhinterziehung und damit zum Straftatbestand?
FRANK WEHRHEIM: Die Grenze wird überschritten, wenn Belege gefälscht, Geschäftsvorfälle manipuliert, Betriebsausgaben fingiert oder Einnahmen nicht angegeben werden.

ARTE: Legal ist dagegen, wenn ich meinen Firmensitz in eine Steueroase wie die Cayman Islands verlege und damit sehr viel weniger Steuern zahle als in Deutschland?
FRANK WEHRHEIM: Genau. Und ich sehe auch nicht, dass sich das ändern wird. Multinationale Konzerne beschäftigen ganze Heerscharen von Beratern, die nur dazu da sind, die steuerlich günstigsten Orte auf der Welt ausfindig zu machen und dann mit einer komplizierten Restrukturierung des Konzerns dafür zu sorgen, dass die einzelnen Geschäftsfelder möglichst dort sitzen, wo wenig oder keine Steuern anfallen.

ARTE: Und keiner wird misstrauisch, wenn in einem einzigen Gebäude mehr als 200.000 Firmen ihren Sitz haben, wie in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware?
FRANK WEHRHEIM: Diese Briefkastengebäude gibt es in den Steueroasen weltweit. Steuerfahnder kennen sie und wissen, dass dort nicht wirklich gearbeitet wird. Nur sie haben keine rechtliche Handhabe. Hier ist die Politik gefragt. Übrigens machen das nicht nur Amazon oder Starbucks, sondern auch VW mit Briefkastenfirmen in den Niederlanden oder BASF mit einer Tochter in Belgien.

ARTE: Spektakulär war Mitte der 1990er Jahre der Fall Commerzbank, den Sie mit aufgeklärt haben.
FRANK WEHRHEIM: Dieser Fall wurde zum Skandal, weil sich damals keiner vorstellen konnte, dass Banken Steuern hinterziehen oder dabei behilflich sind. Kreditinstitute galten als ausgesprochen seriös. Man sprach sogar von „meinem Bankbeamten“. Dass da krumme Geschäfte liefen und Bilanzen manipuliert wurden, erschien unmöglich. Es war außerdem der erste Fall, bei dem deutsche Steuerfahnder direkt in die Vorstandsetage gegangen sind und somit aufklären konnten, dass im großen Stil Gelder reicher Kunden über Transferkonten anonym ins Ausland verschoben wurden. Das haben damals übrigens alle deutschen Banken gemacht.

ARTE: Ist für Sie der politische Wille erkennbar, Steuerhinterziehung wirksam zu bekämpfen?
FRANK WEHRHEIM: Politischer Wille und Mut fehlen meiner Meinung nach, wenn die USA zwar auf die Schweiz Druck ausüben, sich im eigenen Land aber eine Oase wie Delaware halten, und keiner sie deswegen behelligt. Der fehlende Wille alleine ist allerdings nicht das Problem. In Deutschland ist es auch die Struktur. Steuerfahndung ist bei uns Ländersache. Da sind die Zuständigkeiten nicht klar. Und wenn ein Bundesland Steuergelder eintreibt, kann es diese wegen des Länderfinanzausgleichs unter Umständen nicht behalten. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Deshalb plädiere ich für eine international vernetzte Bundessteuerfahndung.

ARTE: Gibt es denn auch positive Beispiele oder tricksen alle mit der Steuer?
FRANK WEHRHEIM: Nein, viele arbeiten auch ehrlich. Mir sind bei meiner Arbeit zahlreiche Unternehmer begegnet, die sagen: Ich verdiene gutes Geld und profitiere von Deutschland. Ich zahle meine Steuern hier.

 

INTERVIEW: SABINE KLÜBER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: JÖRG HÜLSMANN

 

ARTE INTERVIEW

FRANK WEHRHEIM

Frank Wehrheim, geboren 1949, war 28 Jahre lang Steuerfahnder für das Land Hessen. Er ermittelte gegen deutsche Konzerne, Banken und Politiker. Heute arbeitet er als selbstständiger Steuerberater

 

ARTE PLUS

BUCH-TIPPS

Wilhelm Schlötterer: „Wahn und Willkür: Strauß und seine Erben oder wie man ein Land in die Tasche steckt“ (Heyne Verlag 2013)

Hans-Lothar Merten: „Steuerflucht: Das Milliardengeschäft mit dem Schwarzgeld. Ein Insider packt aus“ (Linde Verlag 2012)

Frank Wehrheim / Michael Gösele: „Inside Steuerfahndung – Ein Steuerfahnder verrät erstmals die Methoden und Geheim-nisse der Behörde“ (Riva Verlag 2011)

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: September 2013