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Man kann den Blick kaum abwenden, so faszinierend ist die wohlorganisierte Betriebsamkeit der Blattschneiderameisen. Dass das Fernsehen eine Kolonie dieser tropischen Insekten bis in die verborgensten Winkel ihrer Nesthöhlen studieren konnte, ist dem Forscherteam um die Biologen George McGavin und Adam Hart zu verdanken: Sie bauten den Ameisen eine lebensgroße, durchsichtige Behausung, gespickt mit Überwachungstechnik. Welche Erkenntnisse dort gewonnen wurden und was sich der Mensch von den Ameisen abschauen kann, erklärt Adam Hart im Interview.

 

 

ARTE: Was macht Ihren Ameisenversuch und die verwendete Konstruktion so einzigartig?
ADAM HART: Die Konstruktion ist sehr nah an der Realität und bietet den Ameisen optimale Lebensbedingungen. Gleichzeitig wurde das Ganze aber auch so gestaltet, dass Film- und Tonaufnahmen gemacht werden konnten. Um die Ameisen zu orten, haben wir einige von ihnen mit Funkchips versehen und das Nest mit einer entsprechenden Detektoranlage ausgestattet. Und manche der Kästen, die die unterirdischen Nesthöhlen ersetzen, kann man öffnen, um direkt ins Innere hineinzusehen.

ARTE: Was war das Ziel des Ameisenexperiments?
ADAM HART: Im Prinzip wollten wir zeigen, in welch bewundernswerter Weise Ameisen agieren, wie gut sie organisiert sind – und anschaulich machen, was der Mensch alles von ihnen lernen kann. Nicht so sehr in Bezug auf unser gesellschaftliches Leben, sondern eher im Hinblick auf die Art, wie man viele Dinge organisieren kann.

ARTE: Warum ausgerechnet Blattschneiderameisen? Haben sie anderen sozialen Insekten wie Bienen oder Termiten etwas voraus?
ADAM HART: Blattschneiderameisen sind ideal. Sie lassen sich in künstlichen Behausungen halten und haben eine komplexe Gesellschaft mit einer gro-ßen Anzahl an Individuen. Eine hochorganisierte Honigbienenkolonie zeichnet sich zwar ebenfalls durch ein breites Verhaltensspektrum aus, aber mit Blattschneiderameisen kann man etwas Größeres, Spektakuläreres aufbauen als mit Bienenstöcken. Die sind einfach wesentlich kleiner. Termiten sind auch faszinierend, doch es ist schwieriger, sie unter Laborbedingungen zu halten und zu beobachten.

ARTE: Wie viele Ameisen befanden sich in dem künstlichen Bau?
ADAM HART: In der Hochphase waren es wahrscheinlich über eine Million. Einige der größten Kolonien, die bisher untersucht wurden, enthalten sogar fünf bis acht Millionen Tiere.

ARTE: Wie verständigen sich so viele einzelne Ameisen untereinander? Läuft das bei jeder Ameisenart gleich ab?
ADAM HART: Es gibt tatsächlich Unterschiede in der Art und Weise, wie innerhalb der verschiedenen Arten kommuniziert wird, wobei die Umweltbedingungen eine wesentliche Rolle spielen. Sehr oft setzen Ameisen so genannte Pheromone ein, das sind chemische Lockstoffe. Allerdings kommen sie selten in heißen Wüstengegenden zum Einsatz, da sie im Sand schnell verfliegen würden. In solchen Gebieten haben Ameisen sich auf visuelle Kommunikation spezialisiert. Bei anderen Arten wiederum funktioniert die Verständigung vorwiegend über akustische Signale.

ARTE: Sind die gesellschaftlichen Strukturen von Ameisen und Menschen überhaupt vergleichbar?
ADAM HART: Nicht direkt. Besonders in zwei Punkten unterscheiden sie sich grundlegend von uns: In der Ameisengesellschaft besteht strikte Arbeitsteilung bei der Fortpflanzung, die Königin sorgt für den gesamten Nachwuchs, während die restlichen Individuen verschiedene Aufgaben erfüllen. Zum anderen ist die menschliche Gesellschaft eher hierarchisch organisiert: Bestimmte Individuen haben die Kontrolle und legen fest, was andere tun sollen. Ameisen hingegen organisieren sich selbst – die Königin hat keine Befehlsgewalt. Aber letztlich stehen Ameisen und Menschen vor denselben grundlegenden Problemen: Sie müssen Nahrung finden, Material transportieren, Behausungen bauen, Abfall entfernen etc. Und manche vom Menschen entwickelten Systeme funktionieren ähnlich wie eine Ameisengesellschaft.

ARTE: Welche Systeme sind das?
ADAM HART: Kommunikationssysteme beispielsweise. Wenn man E-Mails verschickt, sollen sie sich im Grunde verhalten wie Ameisen auf Nahrungssuche. Der Mensch will nicht ständig eingreifen und den E-Mails den Weg über die Datenbahnen des Internets vorgeben, vielmehr sollen sie, indem sie ein paar einfachen Regeln folgen, selbst den schnellsten Weg zum Empfänger finden. Die Arbeiterinnen machen das auch so: Anhand simpelster Regeln orientieren sie sich in ihrer Umwelt. Wenn wir also herausfinden, welche Regel welchen Zweck erfüllt, können diese Erkenntnisse bei der Entwicklung unserer eigenen Systeme von Nutzen sein.

ARTE: In welchen Bereichen kann dieses Wissen angewendet werden?
ADAM HART: In Sachen Netzwerke. Beispielsweise können wir von der Art und Weise lernen, wie Ameisen Artgenossen zu den besten Nahrungsquellen leiten. Eine Arbeiterin legt eine Duftspur aus: Wenn sie einen Weg findet, der zu Nahrung führt, wird dieser auf dem Rückweg ins Nest noch stärker markiert und dadurch attraktiver für nachfolgende Ameisen, die ihrerseits die Spur verstärken, und so weiter. Auf der Basis dieses Verhaltens kann man sehr nützliche Rechenmodelle erstellen.

ARTE: Wofür werden diese konkret eingesetzt?
ADAM HART: Manche Firmen nutzen bereits Ameisenalgorithmen, um Lieferwege zu optimieren, sprich um von einem Ausgangspunkt die kürzeste Route über eine vorgegebene Anzahl von Etappen zu finden. Herkömmliche Programme sind mit so etwas schnell überfordert. Wie Ameisen manche Probleme durch Schwarmintelligenz lösen, ist schon ziemlich raffiniert!

ARTE: Die einzelne Ameise ist also eher dumm, die Gemeinschaft aber intelligent?
ADAM HART: Genau! Während auf die Menschen häufig das Gegenteil zutrifft. (lacht) Als Einzelwesen mögen wir durchaus intelligent sein, aber als Gemeinschaft stellen wir uns zuweilen ziemlich dumm an.

 

INTERVIEW: EVA-MARIA VON GELDERN FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

ADAM HART

Der Biologieprofessor Adam Hart lehrt seit 2005 an der Universität Gloucestershire in Südwestengland. Zudem wirkt er an Wissenschaftssendungen in Radio und TV mit

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Kategorien: September 2013