EXPEDITION SCHULWEG

Maximus Film GmbH

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Wenig vertrauenerweckend baumelt der Metallkorb Marke Eigenbau am Ufer des Treshulis. Er hängt an zwei rostigen Drahtseilen, die über den nepalesischen Fluss gespannt sind. Das dritte ist erst kürzlich gerissen. Seitdem hat die „Tui“, wie die Miniaturschwebebahn genannt wird, Schlagseite. Niemand weiß, wie lange sie noch halten wird. Da helfen nur ein Stoßgebet und die Hoffnung, unversehrt an die andere Seite zu gelangen. Die andere Seite, das ist die moderne Welt Nepals, die den Schülern nur über den reißenden Strom zugänglich ist. Einer von ihnen ist der achtjährige Ajit, der zusammen mit anderen Kindern aus dem Bergdorf Kumpur am Fuß des Himalaya jeden Tag den Treshuli überqueren muss, um die zwei Stunden entfernte Schule zu erreichen. Schwimmen kann Ajit nicht, doch seine Angst vor dem Ertrinken sei nicht so groß wie die vor dem Zuspätkommen, sagt er abgebrüht. Schnell gibt er dem Gestell einen Schubs, und schon beginnt der waghalsige Tanz auf den maroden Seilen über den Fluss. Er müsse nun mal auf die andere Seite, um nicht sein ganzes Leben als armer Bauer im Bergdorf zu verbringen. Bildung, das wissen hier alle, ist der einzige Weg in eine bessere Zukunft. Wenn auch ein gefährlicher.

 

Auf den ersten Blick bilden Schule und Abenteuer nicht unbedingt ein Begriffspaar. Auf den zweiten durchaus, sofern man ihn weit weg von unseren amtlich genormten Verhältnissen in die letzten Winkel der Erde lenkt. Vier Filmemacher haben ihn gewagt: In Dreierteams, bestehend aus einem Regisseur und zwei Kameraleuten, haben sie für ARTE jeweils zwei Wochen lang schwer zugängliche Regionen in Nepal, Kenia, Indien, Peru und Sibirien bereist, um Kinder auf ihren außergewöhnlichen Schulwegen zu begleiten. Das Ergebnis ist eine fünfteilige Dokureihe über den Lebensalltag von Schülern und deren Familien, die allesamt ein autarkes Leben fernab moderner Zivilisation führen. Einzige Verbindung zwischen den Welten: der Schulweg. Für ihr Ziel, die Schule besuchen zu können, nehmen die Abc-Schützen extreme Strapazen auf sich, trotzen Wind und Wetter und riskieren nicht selten ihr Leben: Sie überqueren reißende Ströme, marschieren durch Savannen, stapfen bei minus 50 Grad durch den sibirischen Winter oder rudern über den unberechenbaren Titicacasee.
Schauplätze und Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch vermittelt die Dokureihe eindrücklich, wie ähnlich sich all die Schüler sind, wenn sie in Extremsituationen auf den Zusammenhalt untereinander angewiesen sind. So lernen sie auf ihren Gewaltmärschen das Wichtigste, noch bevor sie ihre Klassenzimmer betreten: Verantwortung. Verdient haben sich alle ihren ersten Einser schon vor Beginn des Schulalltags: Marielle und Belinda etwa, zwei peruanische Mädchen aus dem Volk der Uru, bringen die Jüngsten sicher über den Titicacasee, obwohl sie selbst gerade erst rudern gelernt haben. Oder Nengilanget und Ayubu, die beiden Massai-Jungen, deren Schulweg in der kenianischen Savanne durch die Leopardenschlucht führt. Sie bilden ein Schicksalstandem, in dem jeder auf den anderen aufpasst – ganz nebenbei bekommen sie auf ihrem Schulweg Tiere zu Gesicht, die andere Schulkinder höchstens aus dem Zoo kennen: Leoparden, Giraffen und Antilopen.

 

Außergewöhnlich normal. Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich alle Kinder die Mühsal hinnehmen: „Das Außergewöhnliche ist hier Normalität“, so Joachim Förster, Regisseur der Kenia- und Nepal-Folge, anerkennend. Dieses Urteil gilt auch für den Internatsschüler Motub aus einem kleinen Bergdorf im Himalaya, dessen 100 Kilometer langer Schulweg an einer schmalen Eisstraße zwischen Felsen und Fluss verläuft. „Schulweg“ ist dabei lediglich eine harmlose Umschreibung für „Expeditionsreise“. Dem Jungen steht die Angst vor den lebensgefährlichen Passagen durch das Eis ins Gesicht geschrieben. Doch Motub weiß: „Mit Geduld lässt sich der Weg am leichtesten ertragen.“ Wie gefährlich die Reise tatsächlich ist, musste der erfahrene Filmemacher Leonhard Steinbichler am eigenen Leib erfahren, als er sich beim Dreh im Himalaya die Hand brach. Inmitten der Eiswüste blieb ihm nur eines übrig: Zähne zusammenbeißen und weitermarschieren. Ungeachtet solch misslicher Umstände sind atemberaubende Landschaftsaufnahmen entstanden, die mal aus Sicht der Kinder, mal in Großaufnahmen die fesselnde Schönheit der Natur einfangen. So besticht auch die Peru-Folge durch ein prächtiges Farbenspiel: Hier trifft das Ultramarinblau des Titicacasees auf knallbunte Wollmützen, dort das satte Indigo der Trachten auf das Grün der Schilfblätter.

 

Gefährliche Heimat Natur. Welten trennen den avancierten Reformhaustrend unserer Gesellschaft von der Notwendigkeit der gefilmten Familien, im Einklang mit der Natur zu leben. Und doch ist die Natur eine immerwährende Gefahr, der sich die Schulkinder wohl oder übel ausliefern müssen, damit sie den Anschluss an die Moderne nicht verpassen. An keiner Stelle sitzt die Dokureihe dabei dem Klischee gestellter Abenteuerromantik auf. Vielmehr sind den vier Regisseuren bildgewaltige Filme gelungen, die in ihrer Vielschichtigkeit – vom Eintauchen in verschiedenste Kulturkreise über die abenteuerlichen Schulwege hin zu den Landschaftsbildern – die archaische Lebensweise fremder Völker in Kontrast zur Opulenz der Natur setzen. Genauso abenteuerlich, nur weniger strapaziös, ist das Zuschauen selbst.

 

JULIAN WINDISCH FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

FAKTEN ZU DEN SCHULSYSTEMEN DER BEREISTEN LÄNDER

Nepal: fünfjährige Grundschulpflicht; nur die Hälfte aller Kinder erlangt einen Abschluss; Analphabetenquote liegt bei 45 Prozent

Kenia: kostenlose staatliche Schulen, allerdings mit weit schlechterem Niveau als Privatschulen; Anteil landesweit jeweils 50 Prozent

Sibirien: allmähliches Loslösen indigener Völker vom russisch-nationalen System; Rückkehr ihrer Sprachen in das Schulwesen

Indien: große regionale Unterschiede im Bildungssystem; 2005 wurde kostenloser Schulbesuch zum Grundrecht erhoben

Peru: Es besteht eine elfjährige kostenlose Schulpflicht, auf dem Land mangelt es aber an Schulen

 

 

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Kategorien: September 2013