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NEUBEGINN AUF GRIECHISCH

Jörg Hülsmann

Jörg Hülsmann

Die deutsche Berichterstattung über Griechenland in den letzten Jahren war sehr einseitig, mit immer denselben Horrormeldungen. Aber es gibt sie, die Griechen, die Ideen und Visionen haben, die versuchen, etwas zu tun: für sich und für andere. Umso wichtiger war es mir, diesen „Neubeginn auf Griechisch“ zu erzählen. Mein gleichnamiger Film konzentriert sich auf Erfolgsgeschichten.

 

Meine Mutter stammt aus Griechenland, und in Deutschland werde ich seit der Krise stärker als Griechin wahrgenommen. Das verwirrt mich: Ich wuchs in Kreuzberg auf, wo unterschiedliche Hintergründe normal sind. Mit meiner Dokumentation wollte ich auch mein Griechischsein erforschen. Ich hatte das Bedürfnis, mehr über das aktuelle tatsächliche Leben in Griechenland zu lernen.
Während der Arbeit an meinem Film und in den letzten anderthalb Jahren hat sich die Lage in Griechenland stark verschlechtert. Die Armut ist offen zu sehen auf den Straßen, die Kriminalität steigt, Vertrauen in Behörden und Politik gibt es nicht. Aber gleichzeitig konnte ich neben Erschöpfung, Traurigkeit und Wut in Athen eine unheimliche Energie und das Bedürfnis nach Veränderung beobachten, und das quer durch die Gesellschaft. Die Rentnerin Maria Choupi setzt sich für ein Tauschnetzwerk ein. Bezahlt wird mit einem Punkte-system, einer Alternativwährung zum Euro. Wer teilnimmt, hat ein Online-Konto, wo er auch Dienste wie handwerkliche Tätigkeiten oder Sprachunterricht anbieten kann. Das kennt man zwar aus Deutschland, aber Maria hat durch ihr Engagement einen Weg gefunden, mit der Ausweglosigkeit zu leben und etwas gemeinsam mit anderen auf die Beine zu stellen. Solidarität ist überhaupt ein Wert, der wichtiger wird. Ein Tauschnetzwerk wie das von Maria hätte es vor der Krise nicht gegeben.

Der Biochemiker Dimitris Kouretas kämpft an der Universität. Als Wissenschaftler nimmt er Einfluss auf die gut ausgebildete junge Generation. Seinen Studenten vermittelt er Stipendien, auch um sie davon abzubringen, ins Ausland zu gehen. Außerdem sitzt er an der Schaltstelle zwischen Forschung und Wirtschaft, er will die Wirtschaft an die Universität koppeln und berät junge Unternehmer. Sie bauen Heilpflanzen an, die es nur in Griechenland gibt. Kouretas gründete auch ein eigenes Unternehmen, in dem er zum Beispiel proteinreiche Produkte entwickelt. Dieses Protein gewinnt er aus Molke, einem Abfallprodukt, das bislang in der „Käseregion“ Thessalien das Wasser verschmutzte. Sehr beeindruckt hat mich auch der Journalist Aris Chatzistefanou. Er verteidigt einen Journalismus ohne Zensur. Viele Themen kommen in der Presse nicht mehr vor; kritische Journalisten wurden im Zuge der Krise entlassen. Mit seiner Radiosendung „Infowar“, die er übers Internet sendet, und der Zeitschrift „Unfollow“ berichtet er über brisante Themen, wie die Zusammenarbeit der Regierung mit der rechtsradikalen Partei Chrysi Avgi. Er ist unter jüngeren Griechen eine Art Sprachrohr.

Es gibt inzwischen sichtbare fremdenfeindliche Strömungen in Griechenland; Chrysi Avgi ist mit 18 Abgeordneten im Parlament vertreten. Dieser Rechtsruck ist eine Riesengefahr. Aber Nordeuropa kann auch von Griechenland lernen: Junge Griechen sind politisch sehr viel informierter, engagierter, diskussionsbereiter – und bereit, auf die Straße zu gehen. Es gab eine Phase des Wohlstands und Komforts, doch nach den Ereignissen der letzten Jahre glauben viele nicht mehr an das bisherige korrupte System. Die Menschen denken um, stellen vieles, vielleicht sogar alles, in Frage. Das ist hier in Nordeuropa noch nicht angekommen.

Ich wollte von Anfang an etwas sehr Positives erzählen, doch eines hat mich bei der Arbeit an meinem Film sehr getroffen: wie den Menschen, auch meinen Protagonisten, die Kräfte schwinden. Sie haben keine Reserven mehr, weil ihr Alltag so anstrengend ist. Auch ein Mensch wie Maria, die als Lehrerin einmal zur Mittelschicht gehörte, steht kurz vor der absoluten Armut. Und selbst der Wissenschaftler Kouretas, der ein geregeltes Einkommen hat und dem Möglichkeiten offenstehen wie die Expansion seines Unternehmens in die USA, ist erschöpft vom täglichen Überlebenskampf.

Geht Griechenland unter oder hat es die Chance auf einen Neubeginn? Niemand weiß es. Diese Ratlosigkeit ist das Schwierigste an der Krise. Es gibt ein großes Potenzial in Griechenland. Wie der Wissenschaftler Dimitris Kouretas in meinem Film sagt: „Jetzt ist ein guter Moment zu sehen, in welche Richtung das Pendel schlägt. Die Mentalität der Griechen kann sich ändern.“ Und er fügt an: „Tie-fer können wir nicht fallen. Also gibt es nur eine mögliche Richtung: nach oben.“ Das ist eine Sicht auf die Dinge, die Mut macht. Ob sie realistisch ist, weiß ich nicht.

 

PROTOKOLL: KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

DIE FILMEMACHERIN Alkmini Boura, geboren 1981 in London als Tochter eines Briten und einer Griechin, wuchs in Berlin auf. Sie studierte Film an der Zürcher Hochschule der Künste

 

 

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Kategorien: August 2013