MOTOWN – DIE HITFABRIK

Universal Music

Universal Music

Detroit war der Ort, an dem völlig Unbekannte zu Weltstars werden konnten. Einer von ihnen, Marvin Gaye, sagte einmal rückblickend, die Stadt habe sich „als Himmel erwiesen“. Detroit, das war gleichbedeutend mit Motown – der mit weitem Abstand erfolgreichsten Plattenfirma aller Zeiten. Das Label hatte mehr Nummer-1-Hits als Elvis Presley, die Beach Boys, die Beatles, Whitney Houston und Michael Jackson zusammen. Wobei es sowohl Michael Jackson als auch Whitney Houston ohne das Label aus Detroit nie gegeben hätte und sogar die Beatles coverten den Motown-Hit „Please Mr. Postman“, der unter der Regie von Firmenchef Berry Gordy entstanden war. Mit ihm beginnt eine Ge-schichte, die das Gesicht der Popkultur für immer veränderte und die bis zum heutigen Tag andauert.

 

Ein Friseursalon im Erdgeschoss
Berry Gordy wurde 1929 in Detroit als siebtes von acht Kindern einer aus dem Süden zugewanderten Familie geboren. Der Vater betrieb ein Bauunternehmen, die Mutter verkaufte Lebensversicherungen, ihr Geld investierten die Eltern in die Zukunft ihrer Kinder. Berry erwies sich vorerst als das schwarze Schaf der honorigen Familie, als er früh die Schule schmiss, um schnelles Geld als Boxer zu verdienen. Nachdem er als Soldat im Koreakrieg gedient hatte, eröffnete er 1953 einen Jazz-Plattenladen in Detroit. Mit dem ging er zwar bald bankrott, fand aber in der boomenden Motor City rasch wieder Arbeit, am Fließband bei Ford. Die Musik sollte ihn jedoch nicht loslassen. Im Talentschuppen „Flame Show Bar“ lernte er 1957 den Sänger Jackie Wilson kennen und schrieb ihm die flotte R&B-Nummer „Reet Petite“, die es prompt in die Top 10 schaffte – allerdings nur in England. Wichtiger als die Begegnung mit Jackie Wilson war die Freundschaft zu Smokey Robinson, damals Frontsänger der Gruppe The Miracles, dem Gordy Nachhilfe in Sachen Songwriting erteilte. Robinson ermunterte im Gegenzug den jungen Mann, eine eigene Plattenfirma zu gründen. Gordy lieh sich 800 Dollar von seiner Familie – Geld aus seiner Ausbildungsversicherung – und bewies juristischen Weitblick, indem er gleich zwei Plattenfirmen gründete: Tamla und Motown. Damit wollte er die damals üblichen Strafzahlungen vermeiden, die beim Verdacht von Schmiergeldzahlungen fällig wurden, wenn im Radio zu viele Songs von einem einzigen Label gespielt werden sollten. Auch aus seinem Geschäftssinn machte er keinen Hehl: „Money (That’s All I Want)“ für Barret Strong war 1959 der erste nationale Hit für Motown, und von den Tantiemen kaufte sich Gordy am bürgerlichen West Grand Boulevard von Detroit ein Haus, das für das kommende Jahrzehnt die Zentrale von Motown sein sollte. Der Friseurladen im Erdgeschoss wurde zu einem Studio umgebaut und Gordy nagelte eigenhändig ein vollmundiges Schild an die Fassade: „Hitsville USA“. Tatsächlich entstand mit der Zeit ein regelrechtes Motown-Viertel, als die „Company“, wie sie von ihren Mitarbeitern respektvoll genannt wurde, fast alle Gebäude in der Nachbarschaft aufkaufte.

 

Ein elfjähriges blindes Kind
Wenn jemals der Begriff „Hitfabrik“ zutreffend war, dann auf Motown in jener Zeit. Was dort produziert wurde, kam dem Massengeschmack ebenso entgegen, wie es ihn elegant formte. Anders als New York, Los Angeles, Nashville oder Chicago war Detroit noch ein weißer Fleck auf der musikalischen Landkarte der USA. Erst Berry Gordy verwandelte die Stadt in eine kulturelle Metropole, wobei er vor allem auf einheimische Talente setzte. Und was für welche! 1961 nahm er ein elfjähriges blindes Kind unter Vertrag, dem die Firma zwei Jahre später ihr erstes Nummer-1-Album verdanken sollte: “ The 12 Year Old Genius“ von Stevie Wonder. Legendär sein Auftritt 1964 in der einflussreichen „Ed Sullivan Show“, als Wonder so frech wie einnehmend den Moderator animierte: „Mister Sullivan, now I want you to clap your hands, stomp your feet, jump up and down, do the thing that you wanna do!“ (Klatsch in die Hände, stampfe mit den Füßen und mach, was immer du willst.) Da lag Amerika dieser neuen schwarzen Musik längst zu Füßen.
Gordy kaufte die besten Produzenten ein und schuf mit den Funk Brothers einen Pool aus angestellten Sessionmusikern, die den unverwechselbaren Sound des Labels prägen sollten. Bei wöchentlichen Qualitätskontrollen wurde die zur Veröffentlichung vorgesehene Musik bisweilen sogar Jugendlichen von der Straße vorgespielt.

 

Ein düsteres Werk
Gordys strenges Regiment zahlte sich aus, allen voran mit den Supremes und deren Frontsängerin Diana Ross – mit der er längst in wilder Ehe lebte. Die Gruppe hatte allein 1964 15 Hits in den Top 10, zehn davon auf Platz 1, was Berry Gordy zu einer berüchtigten Ansage verleitete: „Wir werden von jedem Künstler nur veröffentlichen, was es in die Top 10 schafft. Und von den Supremes werden wir nur noch Nummer-1-Hits veröffentlichen.“ Die Wirklichkeit kam diesem Wunschdenken sehr nahe: Zwischen 1961 und 1971 erreichten 163 Singles die Top 20 und 28 Platz 1. 1971 verlagerte Motown seine Geschäfte mehr und mehr nach Los Angeles, um in der dortigen Filmindustrie Fuß zu fassen – Diana Ross sollte eine „schwarze Barbra Streisand“ werden. Dafür hatten die Stars in Detroit erstmals freie Hand, ihre eigenen künstlerischen Visionen umzusetzen. Das Ergebnis war mit „Innervisions“ (1973) von Stevie Wonder das wahrscheinlich anspruchsvollste Motown-Album aller Zeiten, mit „What’s Going On“ von Marvin Gaye (1971) das erste politische. Es handelte von Vietnam, Polizeigewalt und dem bösen Erwachen aus dem amerikanischen Traum. Es heißt, Gordy winkte dieses düstere Werk nur deshalb durch, weil Gaye zu jener Zeit mit Gordys Schwester Anna verheiratet war. Trotz solcher Experimente lief die Hitmaschine weiter – nun mit Singles von Gruppen wie den Commodores oder Sängern wie Smokey Robinson, der längst in den Vorstand der Firma aufgerückt war.

 

Was immer du willst
Erst in den 1980er Jahren wendete sich das Blatt. 1984 wurde Marvin Gaye, längst in einer Abwärtsspirale aus Kokainsucht, Schulden und Paranoia, zu Hause von seinem Dämon eingeholt – und vom eigenen Vater erschossen. Die Motown-Hits wurden rar und finanzielle Verluste veranlassten Gordy 1988 zum Verkauf all seiner Firmen an Universal, die dafür 61 Millionen Dollar bezahlten. Unter den Fittichen des Großkonzerns wird das Label und sein Erbe seithin weiter gepflegt. Auch Gordy blieb nicht tatenlos. Im April 2013 feierte er auf dem Broadway die Premiere von „Motown: The Musical“. Vielleicht steckt das ganze Geheimnis dieser erstaunlichen Musik ja in ihrer simplen Botschaft. Klatsch in die Hände, stampfe mit den Füßen und mach, was immer du willst.

 

ARNO FRANK FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

DAS LABEL

Motown („Motor“ und „Town“, bezogen auf die Autostadt Detroit) war das erste Label in der Hand eines Afroamerikaners mit nationalem – dann internationalem – Erfolg. Im West Grand Boulevard steht das Gebäude, in dem alles anfing; heute ist es ein Museum. Die erste Band, die Berry Gordy unter Vertrag nahm, waren The Miracles mit Sänger Smokey Robinson: der Beginn einer langen Erfolgsgeschichte. Die Bilanz: mehr als 180 Nummer-1-Hits

 

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Kategorien: August 2013