I HAVE A DREAM

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In der Nacht vor dem Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit am 28. August 1963 bat Martin Luther King seine Mitarbeiter im Willard Hotel um Rat für seine Rede. „Verzichte auf den Satz ‚Ich habe einen Traum‘“, schlug sein Stabschef Wyatt Walker vor, einer der führenden Köpfe der Bürgerrechtsbewegung, „er klingt abgedroschen und klischeehaft, du hast ihn schon zu oft wiederholt.“ In der Tat hatte King diese Formulierung bereits mehrfach benutzt, zuletzt während des „Marsches zur Freiheit“ („Walk to Freedom“) in Detroit am 23. Juni.

 

 

Nachdem er sich die teils weit auseinandergehenden Ratschläge angehört hatte, sagte King zu seinen Mitarbeitern: „Ich gehe jetzt nach oben in mein Zimmer, um mich mit Gott zu beraten. Wir sehen uns morgen.“ Er stand unter gewaltigem Druck. „King verhielt sich oft wie ein Innenarchitekt“, beschrieb ihn einer seiner engsten Berater, Clarence Jones, der die erste Fassung der Rede entworfen hatte. „Ich lieferte vier tragfähige Wände, die er dann mit seinen naturgegebenen Fähigkeiten in ein wohnliches Heim verwandelte.“ King hoffte, dass seine Ansprache wie Abraham Lincolns „Gettysburg Address“ von 1863 einschlagen würde, in der der damalige US-Präsident die Gleichheit aller Amerikaner beschworen hatte. King beendete seine Gliederung um Mitternacht und setzte dann einen handschriftlichen Entwurf auf. Gegen vier Uhr ging er schlafen, nachdem er den Text seinen Mitarbeitern gegeben hatte. Die „I have a Dream“-Passage hatte er weggelassen.
Der damals 34-jährige Martin Luther King war 1963 bereits eine politische Figur von nationalem Rang, doch sein herausragendes Redetalent war außerhalb der schwarzen Kirchengemeinde und der Bürgerrechtsbewegung kaum bekannt. Nachdem sich im Jahr 1955 in Montgomery, Alabama, die Afro-amerikanerin Rosa Parks geweigert hatte, ihren Platz im Bus einem Weißen zu überlassen, kam es in der Folge zum „Montgomery Bus Boycott“. King wurde zum Sprecher der Streik-Bewegung – nach einem Urteil des Obersten Gerichts der USA wurde die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln 1956 schließlich aufgehoben.
Nach diesem Erfolg waren in der Bürgerrechtsbewegung zunächst kaum nennenswerte Vorstöße erzielt worden, bis King schließlich im April 1963 in Birmingham friedlich demonstrierende Bürgerrechtler anführte. Die Proteste, gegen die die Polizei mit massiver Gewalt vorging, rückten King ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit und führten der Nation die Dringlichkeit der Durchsetzung von Bürgerrechten vor Augen. Beim Marsch auf Washington sollten ihn nun Amerika und die ganze Welt dank der Live-Berichterstattung auf den nationalen Fernsehsendern als begnadeten Redner kennenlernen.

 

Ein Satz wird Legende. Der Tag, an dem der Marsch stattfand, war voller Hektik. Dennoch fand King Zeit, weiter an seiner Rede zu feilen, sodass die getippte Endfassung von durchgestrichenen Passagen und Randnotizen nur so wimmelte, als er schließlich zum Rednerpult ging. Es war ein heißer Tag und die Stimmung flaute allmählich ab. Kings Ansprache war an 16. Stelle vorgesehen; manche waren schon gegangen, doch die, die King zuhörten, waren von seiner Rede mitgerissen. Mit den Worten „Geht zurück nach Mississippi, geht zurück nach Alabama, geht zurück nach South Carolina, geht zurück nach Georgia, geht zurück nach Louisiana“, näherte er sich dem Ende seiner vorbereiteten Rede, die gewiss Anerkennung gefunden hätte, für Kings Maßstäbe aber ohne nennenswerte Resonanz verhallt wäre. Da rief hinter ihm die Gospelsängerin Mahalia Jackson, die kurz zuvor „I’ve been ’buked and I’ve been scorned“ („Ich bin übergangen und verhöhnt worden“) gesungen hatte: „Erzähl ihnen vom Traum, Martin!“ Sie war dabei gewesen, als King im Juni sein Credo in Detroit ausgerufen hatte. King fuhr fort: „Geht zurück in die Slums und Ghettos der Großstädte im Norden in dem Wissen, dass die jetzige Situa-tion geändert werden kann und wird!“ Jackson rief erneut: „Erzähl ihnen vom Traum!“ „Lasst uns nicht Gefallen finden am Tal der Verzweiflung.“ Dann legte King den vorbereiteten Text zur Seite. Es folgte eine bedeutungsschwere Pause, in der hier und dort Applaus aufbrandete. „Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich noch immer einen Traum.“ „Oh, Mist!“, sagte Wyatt Walker, „jetzt kommt er doch mit dem Traum.“ Der Satz, der die Rede unsterblich machen sollte, war improvisiert.
Präsident John F. Kennedy, der im Weißen Haus die ganze Veranstaltung im Fernsehen mitverfolgte und nie zuvor eine vollständige Rede von King gehört hatte, kommentierte: „Er ist verdammt gut. Verdammt gut.“ Als King unmittelbar danach ins Weiße Haus kam, begrüßte Kennedy ihn lächelnd mit den Worten: „Ich habe einen Traum.“

 

50 Jahre danach. Seit der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 gilt seine „I have a Dream“-Rede als eloquenteste und optimistischste aus der Ära der US-Bürgerrechtsbewegung. In einer 1999 durchgeführten Umfrage wurde sie von 137 führenden amerikanischen Wissenschaftlern als bedeutendste politische Ansprache des 20. Jahrhunderts bewertet. Heute, 50 Jahre später, ist Kings unmittelbares Ziel erreicht. Die gesetzliche Rassentrennung wurde aufgehoben, Schilder mit Aufschriften wie „Nur für Weiße“ verboten. Amerika hat einen schwarzen Präsidenten, der aus einer recht großen schwarzen Mittelschicht stammt. Die Rede zielte jedoch nicht allein darauf ab, rechtliche Mittel zur Lösung der Probleme des schwarzen Amerikas zu finden. In ihr prangert King das durch Sklaverei und Rassentrennung hinterlassene Erbe des Rassismus an: Die Arbeitslosigkeit bei Schwarzen ist heute immer noch doppelt so hoch wie bei Weißen, schwarze Kinderarmut fast drei Mal so hoch. Die Wahrscheinlichkeit, dass Afroamerikanerinnen zu Gefängnisstrafen verurteilt werden, ist nahezu sieben Mal höher als bei weißen Frauen. Die Lebenserwartung schwarzer Männer in Washington, D.C. liegt unter der im Gazastreifen, die Sterblichkeitsrate schwarzer Kinder in Chicago entspricht der im Westjordanland. Ein Drittel der 2001 geborenen afroamerikanischen Jungen läuft Gefahr, im Laufe seines Lebens zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Und erst im Juni 2013 hat das Oberste Gericht der USA eine Rassismus-Schutzklausel des historischen Wahlrechtsgesetzes von 1965 gekippt. Diese sah eine staatliche Überwachung der Wahl-abläufe in bestimmten Teilen der USA vor, die zuvor durch Diskriminierung schwarzer Bürger aufgefallen waren. US-Präsident Obama verurteilte die Entscheidung des Gerichts als einen Rückschritt.
King hatte den Satz „Ich habe einen Traum“ im Entwurf zu seiner Rede weggelassen, weil er stattdessen über den symbolischen Schuldschein sprechen wollte, der in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung jedem Bürger das Recht auf Freiheit und Glück zusicherte, der aber für Afroamerikaner seit jeher mit der Bemerkung „ungedeckt“ versehen war. „Dieser Schein enthielt das Versprechen, dass allen Menschen – ja, schwarzen Menschen ebenso wie weißen – die unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück garantiert würden“, sagte King. Die schwarze Bevölkerung wartet noch immer darauf, dass Amerika sein Versprechen einlöst.

 

GARY YOUNGE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE-GASTAUTOR: GARY YOUNGE IST US-KORRESPONDENT BEIM BRITISCHEN „GUARDIAN“. IM AUGUST ERSCHEINT SEIN BUCH ÜBER KINGS REDE „THE SPEECH“ (HAYMARKET BOOKS)

 

ARTE PLUS

MARTIN LUTHER KING UND DIE AMERIKANISCHE BÜRGERRECHTSBEWEGUNG

1955/56

28. August: Lynchmord am 14-jährigen schwarzen Emmett Till, die Bürgerrechtsbewegung bekommt starken Zulauf;
1. Dezember: „Montgomery Bus Boycott“, Rosa Parks verweigert einem Weißen ihren Platz im Bus, King wird Sprecher des Boykotts;
17. Dezember 1956: Aufhebung der Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln
1957
14. Februar: King wird Präsident der Bürgerrechtsgruppe „Southern Christian Leadership Conference“
1963
3. April bis 10. Mai: „Birmingham Campaign“, bis dahin blutigste Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und Polizei in der zu der Zeit meistsegregierten Stadt der USA;
28. August: Martin Luther Kings Rede „I have a Dream“ beim Marsch auf Washington
1964
2. Juli: „Civil Rights Act“ (Bürgerrechtsgesetz), Verbot von Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe
1965
6. August: „Voting Rights Act“ (Wahlrechtsgesetz), Schwarze dürfen erstmals uneingeschränkt wählen
1968

4. April: Ermordung Martin Luther Kings in Memphis; James Earl Ray wird offiziell als Einzeltäter verurteilt

 

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Kategorien: August 2013