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DIE GENTLEMEN BATEN ZUR KASSE

Dirk Uhlenbrock

Dirk Uhlenbrock

Es war der Coup des Jahrhunderts: In der Nacht des 8. August 1963 erbeuteten Bruce Reynolds und 14 Komplizen beim Überfall auf einen Postzug der britischen Royal Mail in der Nähe Londons 120 Geldsäcke mit heute umgerechnet 47 Millionen Euro. Einige der Räuber wurden kurz darauf gefasst und zu 30 Jahren Haft verurteilt. Dem Kopf der Bande, Bruce Reynolds, gelang die Flucht nach Mexiko. Erst fünf Jahre später wurde er nach seiner Rückkehr in England von Scotland Yard verhaftet. Die Verfilmung seiner Geschichte 1966 „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ mit Horst Tappert in der Hauptrolle wurde zum Straßenfeger. Nun rollt ARTE die Ereignisse von damals in einem Zweiteiler neu auf. Nick Reynolds, der Sohn von Bruce Reynolds, öffnete hierfür exklusiv das Familienarchiv. Mit dem ARTE Magazin sprach er über seine Kindheit auf der Flucht, die Beziehung zum Vater – und was einen wahren Gentleman wirklich ausmacht.

 

ARTE: Ihr Vater ist der berühmteste Postzugräuber der Welt: Überwiegt Scham oder Stolz?
NICK REYNOLDS: Ich bin aus zwei Gründen stolz auf ihn: Einerseits ist er in die Geschichte eingegangen, andererseits hat er dem Verbrechen nach seiner Haft den Rücken gekehrt.

ARTE: Das Image der Posträuber war makellos. Was machte Ihren Vater zum Gentleman?
NICK REYNOLDS: Mein Vater war smart und hatte Charme. In den 60er Jahren sagten viele, er sei einer der bestangezogenen Männer Londons. Ihm war klar, dass ein erfolgreicher Dieb nicht wie einer aussehen darf.

ARTE: Wann haben Sie das erste Mal erfahren, dass ihr Vater kriminell war?
NICK REYNOLDS: Als der Überfall stattfand, war ich ein Jahr alt und von da an waren wir fünf Jahre lang auf der Flucht. Für mich war alles ein großes Abenteuer. Wir lebten in verschiedenen Ländern, oft sagte mein Vater einfach: „Okay, neue Pässe, neue Namen.“ Ich habe nichts hinterfragt, bis er kurz nach unserer Rückkehr in England verhaftet wurde. Als die Polizei kam, dachte ich, sie sei gekommen, um meinen Dad zu retten und das ständige Wegrennen hätte nun ein Ende. Stattdessen nahmen sie ihn mit. Von da an begriff ich, dass mein Vater der Böse war. Das war ein riesiger Schock.

ARTE: Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihm und Scotland Yard hatte somit ein Ende …
NICK REYNOLDS: Der Chief Inspector Scotland Yards, Thomas Butler, hatte seinen Ruhestand hinausgezögert, nur um meinen Vater zu fangen. Fünf Jahre lang hatte er überall in der Welt nach ihm gesucht. Und als er ihn fand, sagte er: „Bruce, du wärst ein guter Polizist geworden“, woraufhin mein Vater erwiderte: „Und du, Thommy, ein perfekter Dieb.“ Sie waren Rivalen, aber bewunderten sich auf eine gewisse Art und Weise.

ARTE: Welche Beziehung hatten Sie zu Ihrem Vater?
NICK REYNOLDS: Er war ein guter Vater und mein bester Freund. Als er für zehn Jahre ins Gefängnis ging – er wurde zu 25 Jahren verurteilt, saß davon aber nur zehneinhalb Jahre ein – schrieb er mir von dort aus zahlreiche Briefe, von denen jeder einzelne vier oder fünf Seiten lang war. Er wechselte die Farbe der Stifte, damit mir nicht langweilig wurde, zeichnete Comics, klebte Kreuzworträtsel oder Labyrinthe ein, schnitt Porträts von Künstlern oder Synopsen von neuen Kinofilmen aus. Das war seine Art, mir aus der Ferne etwas beizubringen.

ARTE: Wie war das Verhältnis der Banden-Mitglieder untereinander?
NICK REYNOLDS: Mein Vater kannte den Kern der Truppe – Charlie Wilson, Buster Edwards, Gordon Goody, die Nummer zwei des Postzug-Raubs –, von Kindesbeinen an. Und Ronnie Biggs, dem später die spektakuläre Flucht nach Brasilien gelang, hatte mit meinem Vater im Jugendknast eingesessen. Sie waren so erfolgreich, weil sie einander blind vertrauten. Immerhin hat keiner der 15 Räuber je einen anderen verraten.

ARTE: Wie erklären Sie sich deren Popularität in der Bevölkerung?
NICK REYNOLDS: Es war die Zeit der Swinging Sixties und die Augen der Welt waren auf England gerichtet. Genau zu dieser Zeit hatten wir in England eine Regierung, deren Ruf wegen der Profumo-Affäre angeschlagen war: Der britische Kriegsminister Profumo hatte ein Verhältnis mit einer Prostituierten, die die Geliebte eines angeblichen KGB-Offiziers war. Das ganze Land war schockiert. In den Augen der Öffentlichkeit zahlten es die Posträuber der Regierung heim. Aber zu Volkshelden wurden sie aufgrund der viel zu hohen Strafen. Damals bedeutete „lebenslänglich“ 25 Jahre Haft, aber die Zugräuber bekamen 30 Jahre. Das Volk war empört.

 

Der Eisenbahnraub war eine kriminelle Soap-Opera und über 50 Jahre lang in den Zeitungen

ARTE: Und für die Medien war es ein Ereignis …
NICK REYNOLDS: Sie waren es, die den Titel erfunden haben: „The Great Train Robbery“, „Der große Eisenbahnraub“, in Anlehnung an einen Western-Film aus dem Jahr 1903. Das Ganze war eine kriminelle Soap-Opera, die 50 Jahre lang jedes Jahr in den Zeitungen erschien, bis heute. Die Medien verdienten mehr Geld damit, als die Räuber je gestohlen hatten. Vietnam war der erste Medienkrieg, „Der große Eisenbahnraub“ war das erste Medienverbrechen.

ARTE: Im deutschen Fernseherfolg „Die Gentle-men bitten zur Kasse“ wurde die Geschichte der Posträuber verfilmt. Wie gut kannten sich Horst Tappert, der Ihren Vater spielte, und Bruce Reynolds wirklich?
NICK REYNOLDS: Als mein Vater entlassen wurde, kam Horst Tappert nach England. Der Auslöser war ein Treffen beider für einen Magazinartikel. Mein Vater und Horst verstanden sich auf Anhieb gut und blieben in Kontakt. Sie schrieben sich Weihnachtskarten und 2002 kamen wir nach Deutschland, als mein Vater Horst den Fernsehpreis „Telestar“ für sein Lebenswerk überreichte.

ARTE: War Ihr Vater trotz allem ein Vorbild für Sie?
NICK REYNOLDS: Das war er, aber das wurde mir erst mit Anfang 30 bewusst, als ich alte Briefe von ihm fand. Darin erkannte ich, dass ich selbst alles, was er im Leben tun wollte, verwirklicht hatte. Mein Vater wollte zur Kriegsmarine, aber seine Augen waren zu schlecht. Und als junger Mann wollte er Musiker werden, doch ihm fehlte das Talent. Ich selbst bin zur Navy gegangen und spiele heute in einer Band. Offenbar habe ich alles von ihm aufgesogen wie ein Schwamm.

 

INTERVIEW: KRISTIN BARTHOLMEß FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

NICK REYNOLDS

Der Sohn des Posträubers Bruce Reynolds, Nick,
wurde 1962 in London geboren, wo er bis heute lebt. Er war zunächst bei der Royal Navy als Taucher und Ingenieur und diente während des Falkland-Krieges. Heute ist er Musiker und Künstler. Aktuell spielt er in der englischen Rockband Alabama 3, die den Titelsong zur Serie „Die Sopranos“ lieferte

 

ARTE PLUS

DER TV-ERFOLG IN DEUTSCHLAND

„Die Gentlemen bitten zur Kasse“ (1966): Verfilmung des spektakulären Postzugraubs von 1963 mit Horst Tappert an der Seite von Grit Böttcher, beruhend auf der Berichterstattung des „Stern“-Reporters Henry Kolarz, der auch das Drehbuch schrieb; bisher unerreichter Publikumserfolg;

„Hoopers letzte Jagd“ (1972): Fortsetzung mit Horst Tappert und Liselotte Pulver als seiner Frau Franny, aus Mangel an Fakten streckenweise frei erfunden

 

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Kategorien: August 2013