DIE ALLERGRÖSSTEN FERIEN

Drushba Pankow

Drushba Pankow

Sie sind groß, sehr groß, die französischen Sommerferien, und ihren Namen, „les grandes vacances“, tragen sie zu Recht. Sicher, auch deutsche Kinder haben große Ferien, doch sie sind ein Abklatsch dessen, was Franzosen Jahr für Jahr erleben.

Zunächst einmal die Dauer. Unter neun Ferienwochen ist in Frankreich nichts zu machen. Die Zeit von Anfang Juli bis Anfang September prangt als schulfrei in allen Kalendern, doch de facto ist für viele Schüler schon ab Mitte Juni Schluss. Pech für Eltern, die nicht selbst Lehrer sind. Entweder sie verschicken ihren zahlreichen Nachwuchs wochenweise zu Großeltern und anderen aufnahmewilligen Verwandten. Oder sie buchen eine Großpackung Ferienlager, Sport- und Bas-telkurse – mit einem großen Extrabudget.

 

Groß ist im Hochsommer auch die Leere in vielen Städten. Obwohl die wenigsten Franzosen den ganzen Sommer lang frei nehmen können, fällt das Land ab Juli in ein Große-Ferien-Koma, aus dem es Ende August wieder erwacht. Sie haben sich im August in das Wohnviertel einer französischen Großstadt verirrt und wollen ein Baguette kaufen, doch fast jede Boulangerie ist geschlossen? Klar, das Gros der Kunden ist ja auch weg. Warum machen Sie es nicht wie alle anderen und fahren ans Meer? In die Berge? Nach Korsika? Frankreich ist in dieser fünften Jahreszeit, die sich „été“, Sommer, nennt, zweigeteilt – in das Land der Sommerfrische und das der verwaisten Alltagswelt.
Groß sind auch die Staus, denn Frank-reich verreist kollektiv, sobald die großen Firmen ihre Pforten schließen; ein Gebaren, dass Franzosen „les grands départs“ nennen, den großen Aufbruch an bestimmten Wochenenden. Deutsche staffeln den Ferienstart individuell nach Bundesländern und klagen trotzdem über verstopfte Autobahnen? Lächerlich! So ein Sommerferiengefühl will doch erst richtig aufkommen, wenn sich das halbe Land ein Rendezvous auf der Autobahn gibt, qualvolles stundenlanges Anstehen vor der Péage, den Mautstationen, inklusive – für Franzosen fast ein Ritual.
Kaum ist der große Stau vorbei, beginnt der Urlaub in großen Gruppen. Man bleibt in Frankreich, reist am liebsten an immer dieselben Orte, zum Beispiel in ein sehr großes Ferienhaus mit vielen Zimmern, die mit Doppelstockbetten bestückt sind. Hier lassen sich all die Cousins und Cousinen, ihre mitgebrachten Schulfreunde und Austauschschüler hervorragend stapeln. Groß ist auch die alljährliche Wiedersehensfreude und der ein oder andere Krach. Nur eines ist in Frankreich kleiner als in Deutschland: die Reisekasse.
Frankreich, dein Sommer ist sehr groß. Das ist essenziell, denn der unerbittliche September steht vor der Tür. Doch mehr dazu im nächsten Heft.

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: August 2013