WELCOME TO THE SOUL TRAIN

Don Cornelius/ITV Studios France

Don Cornelius/ITV Studios France

Al Green, in Seidenhemd und knallgelbe Hosen gekleidet, den rechten Arm in einer rot-braunen Schlinge, streckte der Menge eine Rose entgegen. Der Sänger hatte sich die Hand gebrochen, wollte aber trotzdem der Einladung des Showmasters Don Cornelius zu einer Folge von „Soul Train“ nachkommen. Die Neonbuchstaben des „Soul Train“-Leuchtschilds begannen zu flackern, als Green das Vaterunser sprach, bevor er seinen Song „Jesus is Waiting“ anstimmte. Die „Soul Train“-Tänzer begannen, sich wie eine Gospelgemeinde im Takt zu wiegen. Für einen großen Teil der Sendung verwandelte Green den „Soul Train“ in eine Kirchenkulisse. Das war am 6. April 1974, und Green stand auf dem Höhepunkt seiner Musikkarriere. Hits aus seinem Album „Let’s Stay Together“ hatten seinen Status als Soul-Ikone gefestigt. Selbst nachdem Green dem Showbusiness den Rücken gekehrt und sich zum Priester hatte weihen lassen, folgte er stets dem Ruf von Cornelius, wann immer er ihn einlud.

 

 

Das Black Radio im Fernsehen
Der aus Chicago stammende Don Cornelius, Moderator und Produzent von „Soul Train“, brachte das Black Radio der 1960er- und 70er-Jahre ins Fernsehen. Cornelius hatte mehrere Berufe ausgeübt, war sogar vorübergehend Polizist, bevor er als Berichterstatter für die Bürgerrechtsbewegung zum Radiosender WVON kam – und damit in greifbare Nähe zu seinem Traumjob DJ. Da ihm keine Stelle als Vollzeit-DJ angeboten wurde, beschloss er, aus dem Format des Black Radio eine TV-Show zu machen. Moderiert wurde im saloppen, wortgewandten DJ-Stil, Musikkünstler kamen zum Interview und mit den Tänzern im Studio entstand eine wichtige visuelle Komponente. Die Show „Soul Train“ brachte eine breite Palette schwarzer Künstler hervor: von Nachwuchstalenten bis hin zu den Megastars – bei Don Cornelius stand jeder mal im Rampenlicht.

 

Daheim bei Barry White
Die Show begann 1971 ganz bescheiden in Chicago und wurde live in einem Ministudio gefilmt, in dem während der Sommermonate oft die Klimaanlage versagte. In „Soul Train“ hatten einige der bedeutendsten Künstler der Musikgeschichte ihren ersten großen Fernsehauftritt. Aber vor allem die Tänzer zogen die Aufmerksamkeit auf sich: Mit Plateausohlen, Schlaghosen in den grellsten Farben, komplizierten Frisuren und bunt gemusterten Oberteilen führten sie die neuesten Modetrends der Black Community vor. Im Rhythmus der Musik wippten die Afroköpfe bei ihren akrobatischen Kicks und atemberaubenden Tanzschritten.
Für die Künstler war ein Auftritt in „Soul Train“ weit mehr als nur die Gelegenheit, ihr neuestes Album zu promoten. Don Cornelius kannte die Szene in- und auswendig, hatte einen guten Draht zu den Musikern und machte „Soul Train“ für die meisten Künstler zu einem der seltenen Orte im Fernsehen, wo sie sich ganz natürlich geben konnten. Die Folge vom 19. November 1977 wurde sogar in Barry Whites 10.000 Quadratmeter großem Anwesen gefilmt. Cornelius bot den Zuschauern einen Rundgang durch die Luxusvilla und White sang „It’s Ecstasy When You Lay Down Next To Me” am Rande seines Swimmingpools. Der Maestro des Soul und Cornelius wurden anschließend so enge Freunde, dass Cornelius für Whites Kinder einfach nur „Onkel Don“ war. Im Februar 1976 hatte Marvin Gaye in „Soul Train“ seinen ersten Fernsehauftritt, seit seine beste Freundin und Gesangspartnerin Tammi Terrell vier Jahre zuvor an einem Gehirntumor verstorben war. „Ich bin überrascht, dass ich wieder auftrete“, vertraute Gaye Cornelius an.

 

Mehr als nur Unterhaltung
Die Show sollte nicht nur unterhalten, sondern verstand sich auch als Plattform für politische Inhalte. Während der Chicagoer Zeit kam jede Woche der junge schwarze Priester Jesse Jackson zu Wort, um über seine „Operation Breadbasket“ zu sprechen, eine landesweite Aktion zur Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen afroamerikanischer Gemeinden. Auch die Künstler sprachen nach ihren Acts über Politik. James Brown beispielsweise meinte, die Schwarzen sollten sich nicht nur auf die Demokraten beschränken und brach eine Lanze für die Republikaner. Unter dem Deckmantel der Unterhaltung war die Show ein unzensiertes Sprachrohr für die schwarze Bevölkerung, die sich im nationalen Fernsehen nie zuvor derart Gehör hatte verschaffen können.

 

Der Soul-Sound zählt
Don Cornelius’ Show beschränkte sich dennoch nicht nur auf schwarze Musiker. Sessiongitarrist Dennis Coffey war am 8. Januar 1972 der erste weiße Künstler in der Show. Ihm folgten Elton John, Village People, Duran Duran, Pet Shop Boys – und viele mehr, die in die Show drängten, um ihre eigenen Soul-Sounds vorzustellen.
Das originelle Sendungskonzept von „Soul Train“ überdauerte 35 Jahre. Ihre insgesamt 1.100 Erstausstrahlungsfolgen machten sie zur längsten landesweit von mehreren Fernsehsendern ausgestrahlten Show der Fernsehgeschichte. Als Rechte-inhaber und Produzent der Show kontrollierte Don Cornelius persönlich jedes Detail – zu einer Zeit, in der Farbige im operativen Geschäft des Hollywood-Showbusiness kaum zu finden waren. „Soul Train“ war ein bewährtes Unterhaltungskonzept in spannungsgeladenen Zeiten und nichts hat sich mehr bewahrheitet als Cornelius’ Verabschiedungsspruch, mit dem er jede Woche versprach: „You can bet your last money, it’s all gonna be a stone gas, honey!” – zu Deutsch etwa: „Ihr könnt euer letztes Geld darauf verwetten, ihr werdet auf jeden Fall auf eure Kosten kommen!“

 

ERICKA BLOUNT DANOIS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE-GASTAUTORIN: ERICKA BLOUNT DANOIS IST JOURNALISTIN UND AUTORIN DER ERSTEN OFFIZIELLEN MONOGRAFIE ZUR GESCHICHTE VON „SOUL TRAIN“

 

ARTE PLUS

 

„SOUL TRAIN“-LINE

Eines der populärsten Elemente der Show war die legendäre „Soul Train“-Line: Die Tänzer aus der Show formierten sich in zwei Linien und bildeten eine Art Spalier – die sogenannte Line. Die Tanzpaare führten nacheinander ihre heißesten Moves vor und machten die Show zum „hippest trip in America“

BUCHTIPP

Ericka Blount Danois: „Love, Peace, and Soul: Behind the Scenes of America’s Favorite Dance Show Soul Train: Classic Moments“ (Music Sales Corp. 2013, bisher nur in englischer Sprache)

 

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Kategorien: Juli 2013