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SAMY DELUXE – IM NAMEN DES SOUL

Dirk Uhlenbrock

Dirk Uhlenbrock

Am liebsten wäre er im Amerika der späten 1960er Jahre geboren – als die Soul-Ära ihren Anfang nahm und sich afroamerikanische Musiker mit politischen Texten Gehör verschafften. Der Hamburger Rapper Samy Deluxe mischt bereits seit Ende der 90er erfolgreich in der deutschen Hip-Hop-Landschaft mit. Für den „Summer of Soul“, den er bei ARTE moderiert, rappte er einen Clip. Mit dem ARTE Magazin sprach er über Soul, authentische Gefühle und das Erwachsensein.

 

 

ARTE: Sie rappen die Moderationen zum „Summer of Soul“ bei ARTE. Kann Auftragsarbeit auch mal Spaß machen?
Samy Deluxe: Absolut. Moderationsangebote kriege ich oft und sage meistens ab, aber die Anfrage von ARTE hat mich inhaltlich interessiert. Der Vorschlag, in einem Clip über Soul zu rappen, fühlte sich gar nicht wie Arbeit an. Ich habe einen Text geschrieben, halb improvisiert und halb auswendig gelernt. Einen langen Text so runterzurappen ist gar nicht so leicht, wie es aussieht.

ARTE: „Smarte Gedichte für schwarze Geschichte“ slammen Sie in diesem Clip. Wäre das Ihre Defi-nition von Soul?
Samy Deluxe: Für mich bedeutet Soul, Musik zu machen, ohne dass der Kopf angeschaltet ist. Ein guter Musiker hat die Theorien verinnerlicht, aber im Moment der Performance blendet er alles aus und lässt nur noch die puren Emotionen fließen. Das ist eine Gabe, welche die Soulsänger der alten Generationen hatten. Aber oft hat die Musik, die sich heute Soul nennt, keine Seele mehr, weil sie totproduziert ist.

ARTE: Welche Souleinflüsse finden sich in Ihrer Musik wieder?
Samy Deluxe: Mein Musikgeschmack ist weit gefächert. Ich könnte nie sagen, wer mein Lieblingskünstler oder was mein Lieblingsgenre ist. Meinen Zugang zur Musik habe ich über Hip-Hop bekommen. Und in den Hip-Hop-Grooves finden sich jene souligen Samples aus den 70ern wieder. Dieser Old-School-Soul aus den späten 60ern, wie ihn Sam Cooke, Otis Redding oder Curtis Mayfield verkörpern, ist das, was mir am liebsten gefällt. Diese Produktionen sind so großartig – da weiß man als Künstler von heute, dass man es nie besser machen wird.

ARTE: Gibt es überhaupt deutschen Soul?
Samy Deluxe: Als Genre: nein. Aber es gibt einige deutsche Künstler, die das richtige Gefühl für den Soul haben. Mir fällt als erste Y’akoto ein. Sie ist halb Afrikanerin, halb Deutsche und vermittelt ihre Musik mit einem authentischen Gefühl. Oder der Sänger Flo Mega aus Bremen, dessen Texte von einer unglaublichen Poesie leben.

ARTE: Ob Schwarz oder Weiß – kann jeder heute Soulmusic machen?
Samy Deluxe: Die Hautfarbe spielt keine Rolle. In allen Genres ist es mittlerweile so, dass jeder seine Berechtigung findet. Man kann die Grundsteine einer Musik respektieren und trotzdem Elemente der eigenen Kultur hinzufügen. Eminem ist für mich der beste Rapper mit lyrischem Niveau. Er hat alles studiert und in sich eingesogen, was schon vorhanden war, und gleichzeitig diese weiße „Trailer Park Trash“-Perspektive, die Perspektive der Unterschicht aus den Wohnwagensiedlungen beigefügt. Er hat das Genre erweitert.

ARTE: Sie sagen oft, dass Sie ein erwachsener Rapper sind. Was heißt das?
Samy Deluxe: Erwachsensein bedeutet für mich, reflektiert zu sein und zu wissen, wer man ist. In der eigenen Entwicklung gibt es nie die komplette Wahrheit. Ich kann heute eine Platte machen, die für mich morgen nicht mehr relevant ist. Dann habe ich aber nicht gelogen, sondern muss weitermachen und eine neue Geschichte erzählen. Das ist das Interessante an Künstlern. Sie lassen eine Entwicklung zu. Die Kunst muss immer mitwachsen.

ARTE: Miles Davis sagte, gute Musik fände sich in allen Genres: „Good music is good, no matter what kind of music it is.“ Stimmen Sie dem zu?
Samy Deluxe: Ja, so sehe ich es auch. Das ist das Schöne an Musik: Es gibt Formate und Regeln, aber sie sind da, um gebrochen und neu definiert zu werden. Jede Musik kann Seele haben. Ob Reggae, Rap, Klassik, Jazz, Soul, Funk, Pop oder Rock – was zählt, ist die ehrliche Emotion, die verständlich rübergebracht wird.

 

INTERVIEW: ALAIN-XAVIER WURST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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KURZBIOGRAFIE SAMY DELUXE

Der deutsche Rapper Samy Deluxe wird 1977 als Sohn einer deutschen Mutter und eines aus dem Sudan stammenden Vaters in Hamburg geboren. Erste Erfolge feiert er Mitte der 1990er mit der Formation Dynamite Deluxe. Es folgen Musikpreise wie Echo, Comet oder MTV Music Award. Seine Erlebnisse bündelt Samy Deluxe 2009 in dem Buch „Dis wo ich herkomm“, das er zusammen mit dem gleichnamigen Album veröffentlicht

 

DISKOGRAFIE

„Verschwörungstheorien mit schönen Melodien“ (2012),

„SchwarzWeiss“ (2011),

„Dis wo ich herkomm“ (2009),

„Verdammtnochma!“ (2004),
„Samy Deluxe“ (2001)

 

Den Clip mit Samy Deluxe finden Sie unter: www.arte.tv/summer

 

 

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Kategorien: Juli 2013