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NICHTS GESCHIEHT OHNE LEIDENSCHAFT

Daniel Toelke

Daniel Toelke

Kompromisslos, intensiv, berührend: Das ist Marina Abramovic´. Ihr größter Erfolg war vor drei Jahren die Performance „The Artist is Present“ („Die Künstlerin ist anwesend“) im Museum of Modern Art in New York: 90 Tage lang saß sie stumm an einem Tisch, um Besuchern in die Augen zu schauen. Abramovic´ stammt aus Ex-Jugoslavien – inwiefern hat ihre Radikalität mit ihrer Herkunft zu tun? Jenem „Mythos Balkan“ geht der Regisseur Hermann Vaske in seinem Film „Balkan Spirit“ nach – indem er Persönlichkeiten des Balkans befragt, darunter Marina Abramovic´. Ein Gespräch über die Unabdingbarkeit von Kunst, über Männer, Frauen, Kampfgeist und Überlebenswillen auf dem Balkan.

 

 

HERMANN VASKE: Was macht für Sie den „Balkan Spirit“ aus, den Geist des Balkans?
MARINA ABRAMOVIC: Der Balkan ist voller Widersprüche. Er vereint Sanftheit und Aggressivität, Liebe und Leidenschaft, Aufopferung und den Glauben an eine Sache, Schmerz und viele verschiedene Gefühlszustände. Niemand, der nicht von dort stammt, kann sie verstehen.

HERMANN VASKE: Wie wirken sich diese Widersprüche auf Ihre Arbeit aus?
MARINA ABRAMOVIC: Ein Beispiel: 1997, für die Biennale von Venedig, schuf ich ein Stück namens „Balkan Baroque“. Es behandelt den Balkankrieg. Vier Tage lang habe ich mit einer Metallbürste blutige Rinderknochen gesäubert und gleichzeitig Volkslieder gesungen. Den Titel „Balkan Baroque“ verstand allerdings keiner, weil es Barock in der Kunstgeschichte des Balkans gar nicht gibt. Dabei meinte ich die barocke Geisteshaltung, diesen enormen Widerspruch zwischen Verstand und Geist, wo alles vermischt und übereinandergeschichtet ist. Das ist auch „Balkan Spirit“.

HERMANN VASKE: In der türkischen Sprache bedeutet „bal-kan“ „Honig-Blut“. Wovon gibt es in der Geschichte des Balkans mehr?
MARINA ABRAMOVIC: Mehr Blut. Die Geschichte dieser Region ist sehr hart, das prägt die Mentalität. Es herrschen Kampfgeist und Überlebenswille.

HERMANN VASKE: Hat das auch Ihre Erziehung beeinflusst?
MARINA ABRAMOVIC: Ich wurde als Tochter einer Majorin und eines Nationalhelden mit zwei völlig widersprüchlichen Einflüssen groß. Mein Vater war Kommunist, meine Mutter ebenso, kam aber aus dem Großbürgertum. Ihr ging die französische Kultur über alles. Mein Vater fand die Franzosen dekadent und war ein großer Verfechter Russlands. Bei uns herrschte dieses Gefühl, ich müsste mein Leben einem Ziel opfern, verbunden mit einer unglaublichen Strenge. Alles wurde kontrolliert: Meine Mutter schrieb mir morgens genau auf, was ich lesen und tun sollte, wie oft ich meine Hände waschen musste. Es war ein Albtraum.

HERMANN VASKE: Wie sind Sie dem entkommen?
MARINA ABRAMOVIC: Im Alter von 29 Jahren bin ich weggezogen. Bis dahin musste ich jeden Abend pünktlich um zehn zu Hause sein, selbst als ich schon Performance-Auftritte hatte. Gleichzeitig denke ich, ich könnte meine Arbeit heute nicht so machen, wenn ich nicht mit einem solch überaus hohen Maß an Selbstkontrolle, Zielbewusstsein und Opferbereitschaft aufgewachsen wäre.

HERMANN VASKE: Heißt das, Sie brauchen Grenzen, an denen Sie sich stoßen können?
MARINA ABRAMOVIC: Eine der wichtigsten Fragen ist für mich, wer die Grenzen setzt. Ich bin überzeugt, dass wir das selbst tun. Als ich aus Belgrad nach Amsterdam zog, in die totale Freiheit, war ich verloren, denn es gab keine äußeren Zwänge mehr. Ich habe lange gebraucht, um mir neue Zwänge zu schaffen und meiner Arbeit neuen Gehalt zu geben.

HERMANN VASKE: Wurden Ihnen als Frau mehr Grenzen gesetzt als Männern?
MARINA ABRAMOVIC: Nein. Ich habe mich weder eingeschränkt gefühlt, noch hatte ich das Bedürfnis, Feministin zu sein. Frauen sind auf dem Balkan so stark wie Männer. Für mich hat Kunst auch kein Geschlecht. Es gibt nur gute und schlechte Kunst.

HERMANN VASKE: Andere Künstlerinnen empfinden die Kunstwelt als Männerdomäne.
MARINA ABRAMOVIC: Das sehe ich anders. Wenn es auf der Welt mehr männliche als weibliche Künstler gibt, dann liegt das für mich daran, dass Frauen alles gleichzeitig haben wollen – Liebe, Familie, Kinder und die Kunst. Es tut mir leid, aber das ist unmöglich. In unserem Körper steckt nur eine einzige Kraft, und die ist nicht teilbar. Man muss sie für eine einzige Sache einsetzen. Dieses Opfer habe ich gebracht und keinerlei Einschränkung erlebt.

HERMANN VASKE: Wie stehen Sie zu militanter, politischer Kunst?
MARINA ABRAMOVIC: Ich mag sie nicht. Politische Kunst ist wie eine Zeitung: Eine politische Nachricht, die du heute liest, ist morgen schon veraltet und wertlos. Für mich muss Kunst vielschichtig sein, so dass sich jede Gesellschaft – egal, in welchem Entwicklungsstadium – auf die Schicht stützen kann, die sie braucht.

HERMANN VASKE: Hegel sagte einmal: „Nichts Großes in der Welt geschieht ohne Leidenschaft.“
MARINA ABRAMOVIC: Ich will mit einem Zitat des Konzeptkünstlers Bruce Nauman antworten: „In der Kunst geht es um Leben und Tod.“ Hört sich dramatisch an, stimmt aber. Was immer du tust, du musst hundertprozentig daran glauben, mit all deiner Leidenschaft. Nur wenn man etwas hundertprozentig tut, ist es gut genug.

 

ARTE PLUS

MARINA ABRAMOVIC

Geboren 1946 in Belgrad. 1965–72 Kunststudium in Belgrad und Zagreb, 1973 erste Performances.
1976 Umzug nach Amsterdam, wo sie den deutschen Künstler Ulay kennenlernte, ihren Lebens- und Arbeitsgefährten bis 1988.
Heute lebt sie in New York, wo sie das MAI (Marina Abramovic´ Institute) in Hudson, New York, gründete. Es wird 2014 eröffnet

 

BERÜHMTE PERFORMANCES

„Rhythm 10“ (1973) und „Rhythm 5“ (1974),

„Rest Energy“ (1980),
„The Lovers – The Great Wall Walk“ (1988, mit Ulay),

„Balkan Baroque“ (1997),
„The Artist is Present“ (2010)

(Auswahl)

 

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Kategorien: Juli 2013