LUIS BUNUEL – DIE HOMMAGE

Studiocanal

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Er war 29, als er mit dem schockierenden Kurzfilm „Ein andalusischer Hund“ (1929) die „surrealistische Revolution“ im Kino ausrief. Luis Buñuel (1900–1983), subversiver Geist und Meister des sozialkritischen Films, provozierte, brach mit Erzähltraditionen, lieferte irreale, grausame und skurrile Bilder – und stellte die Welt der Kirche und des Bürgertums auf den Kopf. Der preisgekrönte Autor Jean-Claude Carrière arbeitete 19 Jahre lang mit Buñuel zusammen. Das erste Drehbuch schrieben sie für „Tagebuch einer Kammerzofe“ (1964), fünf weitere gemeinsame Filme folgten. Exklusiv für das ARTE Magazin berichtet Carrière von Ritualen und Regeln einer einzigartigen Arbeitsbeziehung – und erklärt, warum Buñuel unsterblich ist.

 

 

Die erste Begegnung. Wir hatten uns 1963 bei den Filmfestspielen in Cannes kennengelernt. Ich war, neben anderen jungen französischen Drehbuchautoren, von dem Produzenten Serge Silberman dorthin geschickt worden, der den Roman „Tagebuch einer Kammerzofe“ von Octave Mirbeau verfilmen wollte. Buñuel hatte kurz zuvor zwei Meisterwerke vorgelegt: die Filme „Viridiana“ (1961) und „Der Würgeengel“ (1962). Ich erzähle oft, dass Buñuel mir als Erstes tief in die Augen blickte und mir die bedeutungsschwere, ja geradezu essenzielle Frage stellte: „Trinken Sie gern Wein?“ Ich antwortete, dass ich nicht nur Weintrinker sei, sondern sogar aus einer Winzerfamilie stamme. Als er das hörte, hellte sich sein Gesicht auf. Einige Minuten später entdeckten wir, dass wir, wie die meisten Surrealisten, beide große Liebhaber amerikanischer Filme aus der Glanzzeit des Slapstick waren – mit Komikern wie Chaplin, Keaton, Laurel und Hardy und den Marx Brothers. Auch das verband uns vom ersten Tag an. Eine Woche später kam ich in Madrid an, wir machten uns an die Arbeit und diese Arbeit fand erst 20 Jahre später ein Ende, wenige Monate vor seinem Tod.

 

2.000 gemeinsame Essen. Wir arbeiteten immer allein, in Mexiko oder Spanien, fern der Stadt und ohne Frauen und Freunde; vor- und nachmittags saßen wir einander jeweils drei Stunden lang gegenüber. Wir hatten zwei benachbarte Zimmer. Abends schrieb ich allein die Rohfassung der Szenen, an denen wir gearbeitet hatten. Am nächsten Morgen lasen wir sie; oft genug landeten sie im Papierkorb und wir begannen von vorn. Mit Buñuel zu arbeiten hieß auch, mit ihm zu leben, zu essen (wir haben zu zweit über 2.000 Mahlzeiten eingenommen), spazieren zu gehen, Zeitung zu lesen oder einen Aperitif zu trinken. Dabei waren wir stets darauf bedacht, nie das Projekt aus den Augen zu verlieren, das uns zusammengeführt hatte. Es waren Phasen abgeschiedener Konzentration, die zwei bis drei Monate dauern und sich für einen Film drei- oder viermal wiederholen konnten, bei der Entstehung von „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ sogar fünfmal in zwei Jahren. Es war ein hartes, forderndes, manchmal entmutigendes, aber auch lustiges Arbeiten – denn Buñuel war ein sehr witziger Mensch und sogar ein Spaßvogel. „Ein Tag, an dem man nicht gelacht hat, ist ein verlorener Tag“, pflegte er zu sagen. So kam es vor, dass er mir nach wochenlanger Arbeit mit ernster Miene versicherte, alle unsere Mühen seien umsonst gewesen und er habe ein Flugticket gekauft, um noch am selben Nachmittag zurück nach Mexiko zu fliegen; ich solle doch bitte sehen, wie ich klarkäme. Beim ersten Mal habe ich ihm tatsächlich geglaubt.

 

Schöpfergeist und verborgene Regeln. Buñuel gilt als berühmter Vertreter des surrealistischen Films und zweifellos besaß er Schöpfergeist, für ihn eine der wichtigsten Eigenschaften überhaupt. Und dieser Schöpfergeist war höchst frech, frei und ungebunden. Es gab kein verbotenes Terrain. Buñuel selbst behauptete, seine Fantasie sei stets unschuldig, selbst dann, wenn sie die schlimms-ten Verbrechen, Niederträchtigkeiten und Laster ersann. Doch trotz dieser scheinbaren Freiheit und der vielzitierten Kühnheit Buñuels unterlag seine Arbeit verborgenen Regeln, die ich 19 Jahre lang intuitiv teilte, ohne sie je formulieren zu können. Diese Regeln sind wahrscheinlich Teil einer unsichtbaren Beziehung, die sich im Idealfall zwischen Bewusstsein und Unbewusstem der Filmemacher und Zuschauer entspinnt. Es liegt auf der Hand, dass alles Banale, Vorhersehbare und Klischeehafte zu vermeiden war, doch auch von Extravaganzen und sinnlosen Skurrilitäten war Abstand zu nehmen. Buñuel hat es so ausgedrückt: „Alles ist möglich, nur nicht alles Mögliche.“

Buñuel wandelte ständig zwischen den Abgründen, sorgsam darauf bedacht, nicht abzustürzen.

Das Schreiben, eine Gratwanderung. In dieser imaginären Welt war also nichts einfach. Im Gegenteil, es handelte sich um eine stete, geduldige, mühsame und oft enttäuschende Suche. Buñuel wandelte ständig zwischen den Abgründen, sorgsam darauf bedacht, nicht abzustürzen: auf der einen Seite bewusst triviale, abgedroschene Geschichten und berechenbare Situationen, auf der anderen fratzenschneidende Vampire oder ein Nilpferd im Café. Zwischen beiden Abgründen verläuft ein langsam zu beschreitender, sehr schmaler Weg, fast ein Drahtseil, auf dem man Gefahr läuft, zur einen oder anderen Seite abzugleiten. Und dazu muss man das Interesse des Publikums wachhalten, und zwar bis zum letzten Bild. Bei den Drehbüchern, die wir zusammen schrieben, besaß jeder ein Einspruchsrecht gegen die Vorschläge des anderen. Das Veto musste in weniger als drei Sekunden eingelegt werden, damit Verstand und Alltagslogik ausgeschaltet blieben, und war unwiderruflich. Eine zurückgewiesene Idee mussten wir sofort vergessen. Daher war diese Arbeit ungeheuer anspruchsvoll, mehr noch vielleicht als bei allen anderen Projekten, an denen ich beteiligt war. Sie wurde so lange fortgesetzt, bis wir uns völlig einig waren. Buñuel hat einmal zu mir gesagt: „Wenn nur noch eine einzige Idee übrig bleibt, dann ist es die richtige.“

 

Vorübergehende Unsterblichkeit. Natürlich kann ich Buñuel nicht vergessen. Für mich erkennt man den wahren Meister daran, dass er auch nach seinem Tod gegenwärtig und ansprechbar ist. Selbstverständlich denke ich heute oft an ihn, wenn ich arbeite, wenn ich eine Szene schreibe. Ich frage mich: Was hätte er von dieser oder jener Idee gehalten? Wie hätte er reagiert? Aber ich frage ihn auch in alltäglichen Dingen um Rat, wenn es um Entscheidungen oder die Beziehungen zu meiner Familie und zu Freunden geht. Ich bin ein ebenso überzeugter Atheist, wie er es war, und ich hüte sorgsam die Erinnerung an seine Gesten, seinen Gang, den Klang seiner Stimme und sein Lachen. Diese Verbundenheit, die mit meinem eigenen Tod enden wird, ist neben seinen Filmen, ja vielleicht in noch höherem Maße, zumindest für mich persönlich – die einzig mögliche Form der Unsterblichkeit. „Einer vorübergehenden Unsterblichkeit“, hätte Buñuel vielleicht gesagt – und geschmunzelt.

 

JEAN-CLAUDE CARRIÈRE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE-GASTAUTOR: JEAN-CLAUDE CARRIÈRE IST SCHRIFT-STELLER, DREHBUCHAUTOR UND REGISSEUR

 

ARTE PLUS

JEAN-CLAUDE CARRIÈRE

Jean-Claude Carrière, geboren 1931 in Südfrankreich, kam 1961 durch Regisseur Pierre Etaix zum Film. Heute ist er einer der bedeutendsten französischen Drehbuchautoren und Schriftsteller – mit 60 Drehbüchern, unter anderem für Godard, Malle, Brook, Schlöndorff und Wajda. Mit Buñuel schrieb er sechs Filme und verfasste auf der Basis von Gesprächen Buñuels Autobiografie „Mein letzter Seufzer. Erinnerungen“ (Alexander Verlag, Berlin 2004)

 

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Kategorien: Juli 2013