HELDEN DER LANDSTRASSE

Drushba Pankow

Drushba Pankow

Die Tour ist tot, raunte es in Deutschland, als sich 2007 die Dopingskandale häuften und ARD und ZDF die Live-Übertragung einfach abbrachen. Sind alle Fahrer Betrüger, die beteuern „sauber“ zu sein, den prall gefüllten Beutel Eigenblut in der Kühltasche? Zuletzt stürzte der talentierte Mister Armstrong aus dem Himmel der Toursieger in die Hölle der Dopingsünder – und das besonders tief, weil er unglaubliche sieben Mal gewonnen und Dopingvorwürfe jahrelang geleugnet hatte. Die Begeisterung der Deutschen für die Tour jedenfalls ist deutlich abgekühlt.

 

Die Tour der Touren ist tot? Nicht in Frankreich. Alle Jahre wieder, im Monat Juli, verfällt die echteste aller Radfahrernationen dem Rausch der „grande boucle“, der großen Rundfahrt durch das Hexagon. Die Tour, bei der alle Wege nach Paris führen, und seien sie noch so qualvoll oder steil, ist ein mediales Großereignis, in dem sich „la douce France“, das süße Frankreich, in seiner ganzen Pracht zeigen kann und will. Doping oder nicht, man feiert die Helden der Landstraße und, selbstverständlich, sich selbst. Kirchen, Lavendelfelder, Bergpässe, Le-Mont-Saint-Michel und die Champs-Elysées, Franzosen wissen, wie telegen ihr Land ist.
Frankreich ist die perfekte Bühne für muskulöse Männer auf Rennrädern, die Unmenschliches leisten: die Jagd nach dem Gelben Trikot. Leiden, Leistung, Landeskunde heißt die Erfolgsformel des Rennens, seit es 1903 von den Machern der Zeitschrift „L’Auto“ erfunden wurde – zwecks Auflagensteigerung. Schneller, höher, weiter ist das Motto auch 2013, im Jahr des 100. Rennens (während der Weltkriege wurde es ausgesetzt). Die Journaille mit ihrem Hunger nach Superlativen prägte, was seit jeher eine Mythenmaschine ist. Sie erhöhte die Fahrer, anfangs Arbeiter aus dem Volk, zu Übermenschen, mit denen man sich identifizieren sollte: die Tour als Odyssee, als Reise voller Prüfungen. Wer könnte sie bestehen außer Helden aus Stahl wie der „Kannibale“ Eddy Merckx oder der „Dachs“ Bernard Hinault? Und was ist eine Fußball-WM gegen die 21 mörderischen Serpentinen der berüchtigten Bergstation L’Alpe d’Huez?
„Die Tour, das ist alle Tage 14. Juli“, schrieb Antoine Blondin, legendärer Berichterstatter bis 1982. Tatsächlich endete das Rennen jahrzehntelang am Nationalfeiertag. Bis heute ist es ein Volksfest: Dörfer, die an der Strecke liegen, sind außer Rand und Band, Fans campen in der Hitze. Das Glück, wenn das Fahrerfeld vorbeirast und ihnen die Mützen der Sponsoren von den Köpfen fegt, ist kurz, aber grenzenlos. Fahrer sind Könige. Könige auf einer „kleinen Königin“, wie das Rennrad in Frankreich heißt.

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

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Kategorien: Juli 2013