GEORGE SPIELT GEORGE

SWR/Thomas Kost

SWR/Thomas Kost

So ein Vatermonster wird man sein Leben lang nicht los: Heinrich George gilt als Jahrhundertkerl, ein theatralisches Kraftpaket, wie es das deutsche Theater nie wieder erlebt hat. George, der zart und steinern zugleich sein konnte, war in den mythischen Jahren der Weimarer Republik ein Star, er blieb es im Dritten Reich. 1946 starb er in einem sowjetischen Speziallager: Die Kommunisten warfen ihm vor, sein Genie an die Nazis verkauft zu haben.

 

Spiel uns den Vater! Als der zwölfjährige Götz George 1950 in Berlin das erste Mal auf der Bühne steht – er muss eine Hauptrolle stemmen – fragt er seine Mutter Berta Drews nach der Premiere: „War ich so gut wie Heinrich?“ Es grenzt an ein kleines Wunder, dass der Sohn trotz der scheinbar gewaltigen Vaterübermacht seinen Weg gemacht hat. „Immer wieder“, sagt er „hat man meinen Vater wie ein Damoklesschwert über mir hängen sehen!“ Doch der Sohn hat nicht nur überlebt, jetzt ist er es, der den Vater zum Leben erweckt.
Regisseure und Produzenten haben ihn jahrzehntelang bedrängt: „Spiel uns den Vater!“ Doch Götz George hat diese Offerten stets ausgeschlagen. Zu groß schien die Last, zu groß die Verantwortung, zu groß die Gefahr, sich an falschen Deutungen zu verbrennen. Dass es der Regisseur Joachim Lang jetzt geschafft hat, ist schon eine Leistung an sich. Götz George, der am 23. Juli 75 Jahre alt wird und seinen Namen nach der Lieblingsrolle seines Vaters, Götz von Berlichingen, trägt, schlüpft in die Haut eines Mannes, der mit 52 Jahren stirbt und auf dem Totenbett ein letztes Wort ausstößt: „Götz!“ Das Leben schreibt immer noch die abenteuerlichsten Drehbücher.

 

Ganz ohne private Gefühle. Warum hat sich Götz George diesmal dazu bewegen lassen, den Vater zu spielen? Produzent Nico Hofmann meint: „Götz ist an der Ausdifferenzierung des Vaterbildes interessiert, er wollte ihn von den zahlreichen stereotypen Sichtweisen befreien.“ Und auch Joachim Lang glaubt, dass Götz George in dem Projekt die Chance sah, einen neuen Blick zu wagen: „Die Diskussion über Heinrich George war lange Zeit von Vorurteilen bestimmt, sie war weitgehend ideologisch geprägt. Meine Dramaturgie jedoch basiert auf der Widersprüchlichkeit der Person. Manchen half er als Theaterintendant, andere ließ er fallen. Er kannte die Verbrechen der Nazis, hielt aber Reden, in denen er Hitler huldigte. Die offene Form bietet die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven darzustellen. Das Dokudrama ‚George‘ soll keine vollständige Biografie liefern, sondern den Schauspieler und seine Verantwortung im Dritten Reich thematisieren.“ Die Ebene des Spielfilms wird dabei ergänzt durch Zeitzeugen-Interviews, historische Aufnahmen, Dokumentaraufnahmen und sogar Making-of-Szenen, die zeigen, wie sich der Sohn dem Vater künstlerisch annähert. Stimmung erzeugen auch maßgeblich jene Szenen, in denen Götz und sein älterer Bruder Jan die Lebensorte des Vaters aufsuchen. Ihre Zeitzeugenschaft, aber auch ihre körperliche Präsenz lassen Heinrich George lebendig werden: Jan hat das Temperament geerbt, die eruptive Emotionalität des Vaters, seinen wiegenden Gang. Götz hingegen zeigt auf der dokumentarischen Ebene eine Selbstbeherrschung, die an Furcht vor dem eigenen Gefühl grenzt.

Ich habe die Figur ganz zart, leise, aber auch sehr opulent angelegt

Er sagt dazu ganz offen: „Ich hatte große Angst vor einer sentimentalen Darstellung und habe deshalb überhaupt kein privates Gefühl zugelassen. Ich habe versucht, diese Begegnung mit dem Vater in einen professionellen Vorgang zu verwandeln und ihn als Figur zu betrachten. Dabei wollte ich ihn nicht kopieren, denn niemand will bloß die Kopie seines Vaters sein. Ich habe die Figur ganz zart, leise, aber auch sehr opulent angelegt und versucht, dem Vater gerecht zu werden, indem ich meine Mittel und mich selbst nicht verstecke. Ich glaube, sein guter Geist schwebte über mir.“

 

Schauspielen um jeden Preis. Der Film maßt sich keinen Besserwisser-Moralismus der Spätgeborenen an. Es wird nicht gefragt, wie sich Heinrich George im Dritten Reich hätte verhalten sollen, sondern er zeigt die Widersprüche dieser Existenz auf. Er stellt Fragen, die George nicht aus seiner Verantwortung entlassen, ihn aber auch in den Zwangsjacken seiner Zeit und Persönlichkeit zeigen. Heinrich George war ein exzessiver Schauspieler, der sich mitunter zwischen Leben und Spiel verlief. Dass es eine große Herausforderung bedeutet, sich in diese widerspruchsreiche Person einzufühlen, betont Nico Hofmann, der am Set erlebt hat, wie sich Götz George bis zur Entkräftung verausgabte: „Ich finde seinen Mut großartig, weil er sich dieser umstrittenen Vaterfigur mit der größten Offenheit und Wahrhaftigkeit angenommen hat. Er musste sich mit dem Vater auf der dokumentarischen Ebene auseinandersetzen und ihn spielen. Das ist eine doppelte Widmung, eine psychologisch sehr verästelte Introspektion und ein Kraftakt.“
Der Film fesselt den Zuschauer, weil man die Begegnung von Vater und Sohn noch nie so anschaulich studieren konnte. Allein die unterschiedlichen Körperbilder nehmen den Zuschauer gefangen: Da ist die fleischig-füllige Naturgewalt des Vaters, dort der modern-beherrschte Männerkörper des Sohnes. Da das sengende Pathos des Vaters, dort die vielfältig gebrochene Leidenschaftlichkeit des Sohnes. Da schmeichelt der Vaterriese mit überraschend heller Stimme, dort zerschneidet der Sohn borstig jeden selig-naiven Ton. Der Sohn hat dem Vater und dem Zuschauer nicht ein erzenes Denkmal gesetzt, sondern ein melancholisches „Denk-mal! Schau-mal!“ Dieser Film lässt uns nachdenken über eine widersprüchliche Person, die für ihre Schauspielsucht mit dem Leben bezahlte. Götz George hat sich zum 75. Geburtstag mit diesem Film das schönste Geschenk gemacht. Mit der ihm eigenen Selbstherrlichkeit hatte Heinrich George einst über sich gesagt: „Ein Genie in der Familie reicht!“ Doch warum sparen, wenn man zwei haben kann?

 

TORSTEN KÖRNER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE-GASTAUTOR: TORSTEN KÖRNER IST JOURNALIST UND AUTOR. ER SCHRIEB U. A. EINE BIOGRAFIE ÜBER GÖTZ GEORGE

 

ARTE PLUS

KURZBIOGRAFIE GÖTZ GEORGE

Götz George wurde am 23.7.1938 als zweiter Sohn des Schauspielerpaars Heinrich George und Berta Drews in Berlin geboren. Nach Theaterrollen feierte er 1959 im Film „Jacqueline“ seinen Durchbruch. Sein größter TV-Erfolg war der „Tatort“ der 1980er Jahre als Horst Schimanski im bekanntesten Parka der Nation. Diesen trägt er nun erneut – derzeit wird der 48. Schimanski gedreht

 

AUSZEICHNUNGEN

1960 Filmband in Silber (Bester Nachwuchsschauspieler) und 1961 Kritikerpreis für „Jacqueline“;

1985 Deutscher Darstellerpreis für die „Tatort“-Serie;

1985, 1992 und 1996 Filmband in Gold (Beste männliche Hauptrolle) für „Abwärts“, „Schtonk!“ und „Der Totmacher“;

1989, 1996 und 2011 Grimme-Preis für „Tatort – Moltke“, „Der Sandmann“ und „Zivilcourage“;

2007 Deutscher Fernsehpreis;

2013 Deutscher Schauspielerpreis
(Auswahl)

 

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Kategorien: Juli 2013