aurore.schaller@arte.tv

TAUCHFAHRT ZUM MOND

Grand Angle Production

Grand Angle Production

Die Vorgeschichte liest sich wie ein Krimi: Im Oktober 1664 sticht vom südfranzösischen Toulon aus ein Kriegsschiff aus der Flotte des jungen Sonnenkönigs Ludwig XIV. in See. Der Dreimaster „Lune“ (zu Deutsch: Mond) soll ein Expeditionskorps in Nordafrika mit Nachschub versorgen. Doch vor Ort stellt sich heraus: Die französischen Truppen sind bei ihrer Mission gegen die Berberkorsaren kläglich gescheitert. Anstatt einen Stützpunkt zu errichten, haben sich die Befehlshaber heillos zerstritten und sind dem Feind derart unterlegen, dass sie beim Eintreffen der „Lune“ bereits den Rückzug planen. Mit einem Großteil der Soldaten an Bord, darunter zahlreichen Verwundeten, tritt die „Lune“ die Rückfahrt übers Mittelmeer an.
Das Einlaufen in den Hafen von Toulon wird ihr jedoch verweigert. Offizieller Grund: die Pestgefahr. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Marineintendanz verhindern will, dass sich die Nachricht vom Scheitern der Expedition verbreitet. Vergebens protestiert der Kapitän gegen den Aufschub und verweist auf den schlechten Zustand seines über 20 Jahre alten Schiffes, das noch dazu mit mehreren Hundert Menschen an Bord völlig überladen ist. Er hatte die Bedrohung richtig eingeschätzt: Auf dem Weg zum Quarantänelager auf den Inseln von Hyères, am Morgen des 6. November 1664, versinkt das Schiff innerhalb kürzester Zeit – dem Bericht eines Augenzeugen zufolge „wie ein Marmorblock“ – mit Mann und Maus in der See. Die nun erst recht peinliche Angelegenheit wird nach Kräften vertuscht und die „Lune“ gerät schnell in Vergessenheit.

 

 

Spektakuläre Expedition

Mehr als drei Jahrhunderte ruhte das Wrack in 90 Metern Tiefe, als es 1993 zufällig von einem Forschungsschiff entdeckt wird. Bis jedoch die Technik fortgeschritten genug ist, um Ausgrabungen in dieser Tiefe vorzunehmen, vergehen wiederum fast 20 Jahre. Im Oktober 2012 ist es endlich so weit: Französische Archäologen gehen auf Tauchexpedition zur „Lune“. Drei Schiffe werden dafür mobilisiert: die „André Malraux“ der DRASSM (Abteilung für archäologische Unterwasseruntersuchungen des französischen Staates), die „Jason“, ein Schlepper der französischen Marine, und das Forschungsschiff „Minibex“. Filmteams begleiten die Expedition für den ARTE-Dokumentarfilm „Unter der Flagge des Sonnenkönigs“ – über und unter Wasser. Der Zeitplan ist straff: Fünf Tage nur dürfen die Forscher im militärischen Sperrgebiet verweilen, um Gegenstände zu bergen und Untersuchungen am Meeresgrund vorzunehmen.

Archäologische Schatzkiste

Zwar ist die Holzkonstruktion des Dreimasters längst in sich zusammengefallen, doch was von dem einst stolzen Segelschiff noch erhalten ist, stellt in Fachkreisen eine Sensation dar. „Die ‚Lune‘ ist eine richtige Schatztruhe“, schwärmt Michel L’Hour, Chef der DRASSM und Leiter der Expedition. Da das Schiff so schnell gesunken ist, hat es sich weder durch Lufteinschlüsse in sich verdreht, noch ist es auf die Seite gekippt oder gar kieloben gelandet. Zehntausende Gegenstände, die sich an Bord befanden, darunter diverse Schiffsteile, Geschirr sowie Musketen und über 40 Kanonen, lagern nun am Meeresgrund und bergen einen wahren Wissensschatz. Dass das Wrack so außergewöhnlich gut erhalten ist, erklärt sich auch durch die große Tiefe, in der es liegt. Dort ist die Druckeinwirkung zwar höher, witterungs- und menschengemachte Einflüsse aber sind wesentlich geringer. Was die Menschen auf der „Lune“ am Leib trugen, woraus sie aßen, wie ihre Waffen konstruiert waren – viele dieser Informationen sind heute noch abrufbar. Ein „Unterwasser-Pompeji“ ist die „Lune“ Michel L’Hour zufolge. Bei ihrer Entdeckung ragte sogar noch die Positionslaterne aus dem Schlick auf.
Das schlagartig erstarrte Leben des 17. Jahrhunderts liegt nun buchstäblich zum Greifen nah. Der astronautenanzugähnliche Druckanzug Newtsuit – Militärtechnologie, die hier erstmals für archäologische Zwecke eingesetzt wird – erlaubt es einem Taucher, sich mehrere Stunden am Meeresgrund aufzuhalten und mit seinen zwei Greifwerkzeugen selbst empfindliche Gegenstände einzusammeln.
Doch was in der Theorie einfach klingt, hat in der Praxis Tücken. Die Archäologen der DRASSM, die Marine und die Filmteams müssen sich bei jedem Manöver genauestens koordinieren – bei schlechtem Wetter und Seegang auf engem Raum keine einfache Angelegenheit. Vor allem dann, wenn gleichzeitig unter Wasser zahlreiche Geräte bedient werden müssen. Filmproduzent Guillaume Pérès, der insgesamt 30 Personen und einen Tauchroboter sowie ein Mini-U-Boot im Einsatz hatte, bestätigt das: „Die Arbeitsbedingungen sind komplex. Sie erfordern technische Mittel, wie sie auch an Wracks in sehr großer Tiefe, beispielsweise dem der ‚Titanic‘, eingesetzt werden.“
Auch wenn Rückschläge und Pannen nicht ausbleiben – Bergungen scheitern, Material versagt oder wird beschädigt –, sind die Erfahrungen für Chefarchäologe Michel L’Hour von größtem Wert, denn: „So eine Unternehmung ist ein Versuchslabor.“ Sein Wunschtraum? Zukünftig vom Büro in Marseille aus jedes beliebige Wrack auf der Welt erforschen zu können. Der Einsatz von 3D-Technik soll es möglich machen.
Noch allerdings sind solche Expeditionen auch finanziell nicht einfach zu bewältigen. Mit welchen Mitteln und unter welchen Bedingungen die nächste Expedition der DRASSM stattfinden wird, ist noch unklar. Es wird also wohl noch eine Weile dauern, bis der „Mond“ all seine Schätze preisgegeben hat.

 

EVA-MARIA VON GELDERN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

DIE EXPEDITION IN ZAHLEN

Die „Lune“ ist eines von etwa 15.000 bis 20.000 Schiffswracks, die Schätzungen zufolge vor den Küsten Frankreichs liegen

Das Wrack der „Lune“ misst 42 Meter Länge, 10 Meter Breite und 3 bis 4 Meter Höhe

24 der Hightech-Tauch-anzüge Newtsuit gibt es weltweit, ein einziger ist bei der französischen Marine im Einsatz

Das Mini-U-Boot „Remora 2000“ wiegt 5,3 Tonnen

Im Wrack der „Lune“ befinden sich die Überreste von 800 bis 1.000 Menschen, davon ca. 250 Mann Besatzung

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: Juni 2013